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Klagewelle nach Amoklauf

Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe

Hätte der Amoklauf von Winnenden verhindert werden können? Der Vater des Täters verklagt jetzt die Ärzte seines Sohnes. Sie hätten Alarm schlagen müssen, argumentieren seine Anwälte. Es geht um Millionen.

02.01.2013
  • von LSW/ROM

Weinsberg/Winnenden Vor dem Landgericht Stuttgart läuft noch immer die zweite Auflage des Prozesses gegen Jörg K., den Vater des Amokläufers von Winnenden. Der 53-Jährige muss sich erneut unter anderem wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung verantworten, weil er die spätere Tatwaffe und Munition unverschlossen im Kleiderschrank aufbewahrt haben soll.

Doch die strafrechtliche Aufarbeitung des Amoklaufs rückt zunehmend in den Hintergrund: Denn hinter den Kulissen hat auf der zivilrechtlichen Schiene längst ein komplexes juristischen Tauziehen begonnen, bei dem es um Schadenersatzforderungen in zweistelliger Millionenhöhe geht. Dabei geht es erstmals um die Frage, wer für die finanziellen Schäden eines Amoklaufs haftbar zu machen ist.

Im Mittelpunkt stehen dabei auch die behandelnden Ärzte des Täters Tim K.: Der Vater des Amokläufers will Zivilklage gegen das Klinikum in Weinsberg einreichen. Der Heilbronner Anwalt Erik Silcher bestätigte nun, dass er einen Antrag auf Prozesskostenhilfe sowie einen Klageentwurf beim Landgericht Heilbronn eingereicht hat. Wie die SÜDWEST PRESSE bereits vor einigen Wochen berichtete, wollen die Anwälte Jörg K.s erreichen, dass die Haftpflichtversicherung der Klinik einen Teil der Schadenersatzforderungen übernehmen muss.

Es gehe um 8,8 Millionen Euro, sagte Silcher nun der Nachrichtenagentur dpa. Das Geld solle den Angehörigen der Opfer zugutekommen. Er gehe davon aus, dass für die behandelnden Ärzte erkennbar gewesen sei, dass Tim K. gefährlich war, sagte Silcher. Wäre die Familie darauf hingewiesen worden, hätte der Amoklauf möglicherweise verhindert werden können. Doch das sei unterblieben.

In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kreis Heilbronn war der Jugendliche wenige Monate vor der Bluttat untersucht worden. Es gab fünf Gesprächstermine mit Therapeuten. Dabei soll Tim K. auch Mordphantasien geäußert haben. Ob die Eltern darüber jemals informiert wurden, ist noch immer umstritten. Im Strafprozess hatten die behandelnden Ärzte jede Aussagen unter Hinweis auf ihre ärztliche Schweigepflicht verweigert.

Silcher betonte aber, dass der Kläger das Geld nicht für sich wolle. Wenn er Geld zugesprochen bekomme, solle alles an die Geschädigten weitergereicht werden. Denn Jörg K. selbst wird von Hinterbliebenen und Geschädigten des Amoklaufs verklagt: Die Schadenersatzforderungen der Angehörigen und der Stadt Winnenden (Rems-Murr-Kreis) an den Vater von Tim K. belaufen sich inzwischen auf bis zu 18 Millionen Euro. Der Vater könne diese Summe nicht aufbringen, sagte Silcher weiter. Der Mann habe auch nicht genügend Geld, um die Klage zu finanzieren. Der Anwalt schätzte die Höhe der Kosten auf 200 000 Euro. Deshalb sei auch der Antrag auf Prozesskostenhilfe eingereicht worden. Auch Anwälte der Angehörigen hatten die Klage Jörg K.s gegen die Psychiatrie durchaus begrüßt.

Das "Klinikum am Weissenhof - Zentrum für Psychiatrie Weinsberg" ist ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg. Es ist der Aufsicht des Landes Baden-Württemberg unterstellt und bietet psychiatrische-psychotherapeutische und psychosomatische Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen in der Region Heilbronn.

Tim K. hatte am 11. März 2009 in seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen (Kreis Esslingen) 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Tatwaffe hatte sein Vater, ein Sportschütze, zuvor unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Dafür war er in einem ersten Verfahren wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe kassierte den Schuldspruch aber wegen eines Verfahrensfehlers.

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02.01.2013, 12:00 Uhr

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