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Preis für Avdijaj-Unterstützer

SPD würdigt „Verdienste um die soziale Demokratie“ mit 2500 Euro

Es ist ein Beispiel dafür, wie es immer laufen sollte – aber wie es leider fast nie läuft: Elvira und Edvin Avdijaj sitzen in einem Café und erzählen aus ihrer Migrationsgeschichte, die nach vielen Jahren und vielen Rückschlägen ein glückliches Ende nahm – dank zahlreicher Unterstützer aus dem Steinlachtal. Diese zeichnet die Landes-SPD bei einem Festakt am 14. Oktober aus. Der Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel war gestern zum Vorabgespräch in Gomaringen.

07.10.2012
  • Gabi Schweizer

Gomaringen. Januar 2003. Der Irakkrieg drohte – viele Menschen mussten um ihre Sicherheit, ihr Zuhause bangen. Tausende Kilometer entfernt, im vermeintlich sicheren Deutschland, fürchtete die Familie Avdijaj um ihre Existenz. Wenige Wochen zuvor war die Kusterdinger Familie Jashari in einer Nacht- und Nebelaktion abgeholt und nach Pristina abgeschoben worden, mitten im kalten Winter, und in einem fensterlosen Haus am Rande der Stadt gestrandet. Ein Schicksal, das so ähnlich auch die Avdijajs treffen sollte – und das sie nur auf die wärmeren Sommermonate verzögern konnte, weil Mitschüler, Lehrer/innen wie Waltraud Klett und Freunde wie Andreas Foitzik sich für sie einsetzten. „Bürgerinnen und Bürger aus Gomaringen haben in beeindruckender Weise gezeigt, dass sich Engagement und Zivilcourage immer noch lohnen“, schrieb die SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid damals in der Politiker-Spalte dieser Zeitung, die zugleich ein Appell gegen den Irak-Krieg und alle Kriege war.

Auch die Avdijajs waren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Die Kinder, heute 23, 22 und 19 Jahre alt, waren ganz klein, als ihre Eltern vor dem Balkankrieg flohen. In Gomaringen fanden sie ein Zuhause, das für die Kinder kein neues, sondern das eigentliche war. Die Sprache ihrer Eltern war ihnen fremd, Verwandte und Bekannte – noch heute unerlässlich für das gesellschaftliche Leben und den Arbeitsmarkt – hatten sie in ihren Herkunftsländern Serbien und dem Kosovo nicht mehr. Was folgte, ist im Steinlachtal gut bekannt. Nachdem die Avidijajs im Sommer 2003 zur „freiwilligen“ Ausreise gezwungen worden waren, hielt ein Unterstützerkreis Kontakt, sammelte Geld, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen, lud die Kinder jeden Sommer nach Gomaringen ein. Im Herbst 2011 gelang es den beiden Ältesten, Elvira und Edvin, einen Masterstudienplatz samt Stipendium in Sigmaringen zu bekommen. Elvir hat vor Kurzem ein Studium in Peja begonnen, mit dem festen Ziel, es den Geschwistern nachzutun.

Oktober 2012: Irgendwie scheint alles gut – und im speziellen Fall ist es das auch so halbwegs – halbwegs deswegen, weil die Eltern Avdijaj im Kosovo als Ashkali nach wie vor keine berufliche Perspektive haben. Haller-Haid hat den Unterstützerkreis für den neuen Preis vorgeschlagen, den die Sozialdemokraten für „Verdienste um die soziale Demokratie“ vergeben – am 14. diesen Monats wird er in Rastatt an die Initiative verliehen. Aber jenes positive Beispiel zeigt eben auch, wie viel es noch zu tun gibt. Michael Haager, Büromitarbeiter der Landtagsabgeordneten, nannte den Syrienkrieg als Beispiel: Auch jener macht Menschen heimatlos.

Mit dem Preis erinnert die SPD an den 200. Geburtstag von Friedrich Hecker (1811 bis 1881): Schmiedel charakterisierte ihn als „Revolutionär, dem es nicht nur um politische Freiheitsrechte ging, sondern auch um soziale Demokratie“. Was der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion auch auf die Jetztzeit bezog: „Politische Freiheitsrechte führen noch nicht zu Gerechtigkeit.“ Der Avdijaj-Unterstützerkreis erhalte den ersten Preis, weil er sich nicht mit Entwicklungen abfinden wollte, „die aufgrund der Gesetze stattfinden“.

Allerdings klang beim Gespräch durchaus an, dass auch die grün-rote Landesregierung in Sachen Flüchtlingsrecht weitergehen könnte, als sie dies aktuell tut. Andreas Foitzik vom Unterstützerkreis ist mit weiteren Initiativen vernetzt. So weiß er von einer Familie in Bad Urach: „Der Vater hat sicher einigen Mist gebaut“ – aber dass er nun deswegen abgeschoben werden soll, nur Frau und Kinder bleiben dürfen, das findet er ganz und gar nicht nachvollziehbar. Auch in Osterburken gebe es eine Familie, die, wenngleich in Deutschland zu Hause, kurz vor der Abschiebung stehe.

Immer wieder hat Andreas Foitzik in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass es eben keinen Unterschied machen darf, wie vorbildlich eine Familie ist (im Falle der Avdijajs: nette, allseits geschätzte Leute, die Kinder gut in der Schule), sondern dass sie als Unterstützer ganz genauso hätten handeln müssen, wäre dies nicht der Fall gewesen.

Vorstrafen können ein Grund sein, weshalb jemand abgeschoben wird – auch wenn das Bußgeld bezahlt, die Gefängnisstrafe abgesessen wurde. Auf eine andere Vorgehensweise mochte Schmiedel sich im Gespräch nicht festlegen, verwies lediglich darauf, dass die grünrote Landesregierung mit der Residenzpflicht ja den „Hauptgrund für Vorstrafen“ abgeschafft habe.

„Wir brauchen eine Weiterentwicklung unseres Bleiberechts“, sagte der SPD-Politiker jedoch auch – für jene, die „hier aufgewachsen und heimisch geworden sind“. Foitzik möchte die SPD „beim Wort nehmen“ mit dem Versprechen, Einzelfälle stärker zu prüfen. Er hatte, zusammen mit anderen Pädagogen, zu Beginn des Jahres eine Unterschriftenkampagne für in Deutschland lebende Roma gestartet unterm Motto: „Wir lassen uns unsere Kinder nicht wegnehmen“, aber das Ziel, ein dauerhaftes Bleiberecht, nicht erreicht. Eine Delegation der Landesregierung war im Kosovo gewesen und zu dem Schluss gekommen, dass es „wohl eine gesellschaftliche Diskriminierung“ gebe, aber keine „staatliche Verfolgung“. Deshalb sei ein genereller Abschiebestopp nicht möglich“, sagte Schmiedel: „Das würde gegen das Bundesrecht verstoßen.“ Und was ist dann bei einer Einzelfallprüfung relevant? Schmiedel zählte auf: Dass die Kinder den Schulabschluss hier machen können, ob jemand krank ist, wie lange eine Familie in Deutschland lebt.

SPD würdigt „Verdienste um die soziale Demokratie“ mit 2500 Euro
„Ich kenne niemanden, der über Jahre unterstützt worden ist wie wir“, erzählte Elvira Avdijaj (rote Hose) dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Claus Schmiedel (Mitte). Manche Freunde im Kosovo glaubten diese Geschichte erst, als Elviras ehemalige Klassenlehrerin Waltraud Klett (grüner Pulli) im Februar zu Besuch in den Kosovo kam („Ich bin sowas von herzlich aufgenommen worden!“). Von links im Bild: Andreas Foitzik und Edvin Avdijaj. Bild: Franke

Mit 2500 Euro ist der Demokratie-Preis dotiert: Die Hälfte fließt an die Familie Avdijaj: Zwar unterstützen Elvira und Edvin die Eltern und den jüngeren Bruder, weil sie neben dem Studium Teilzeitjobs angenommen haben, aber es reicht noch nicht ganz. Die andere Hälfte soll an weitere Flüchtlingsinitiativen fließen, die sich, wie Andreas Foitzik bescheiden meinte, mit noch viel größerem persönlichem Engagement für Flüchtlinge einsetzen. Wer eine Spende bekommt, ist noch unklar – sicher aber fließt ein Teil an die Aktion Bleiberecht in Freiburg, die sich für Roma und illegalisierte Menschen einsetzt.

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07.10.2012, 12:00 Uhr
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