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Ruggero Vimercati Sanseverino leitet das erste Zentrum für Islamische Theologie in Deutschland
Allein die Existenz ist schon ein Erfolg

Ruggero Vimercati Sanseverino leitet das erste Zentrum für Islamische Theologie in Deutschland

Der Leiter des Tübinger Islam-Zentrums kam als Katholik zur Welt. Erst mit 22 Jahren wurde Ruggero Vimercati Sanseverino zum Muslim. Jetzt muss er die Islamische Theologie mit aufbauen.

19.03.2016
  • von ulrich janssen

Tübingen. Gar nicht so einfach, in diesen Zeiten eine islamische Theologie zu erfinden. In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Islam gerade vor allem mit den frauenfeindlichen Attacken in Köln verbunden, mit dem Ansturm von Flüchtlingen, dem Terror des Islamischen Staats. Und weniger mit Suren, Hadithen und gelehrten Kommentaren.

Ruggero Vimercati Sanseverino hat sich der Aufgabe trotzdem gestellt. Er weiß, wie schwer das ist, aber auch, welche Chancen es bietet. „Das ist eine historische Gelegenheit“, sagt der Leiter des Tübinger Zentrums für Islamische Theologie und bescheinigt sich selbst „eine gewisse Euphorie“. Die Universität Tübingen habe mit der Gründung des Zentrums weltweit eine Pionierrolle gespielt und ein Experiment gestartet, das nicht scheitern dürfe. „Was hier passiert, strahlt zurück auf die ganze islamische Welt.“

Anders als das Christentum ist der Islam theologisch noch wenig erschlossen. Wie der Koran oder die Hadithe, die Berichte über das Leben des Propheten, zu verstehen sind, in welchen historischen Zusammenhängen sie entstanden und wie sie in eine Zeit mit Internet, Gentechnik, Bikinis und Homo-Ehe passen, darüber wird auf höherem wissenschaftlichem Niveau derzeit kaum nachgedacht.

Es gibt also viel zu tun für das Tübinger Zentrum. „Ich stelle mir“, sagt der Wissenschaftler, „den islamischen Theologen als einen Kommunikator und Übersetzer vor, einen der Brücken baut zur religiösen Erfahrungswelt des Islam.“

Aber, und darin sieht Sanseverino eine große Herausforderung, es gibt auch viele Erwartungen. „Von uns werden Beiträge zur Aufklärung über den Islam verlangt, zur Extremismus-Prävention und zur Integration von Flüchtlingen“, sagt der 36 Jahre alte Theologe. Nach Attentaten wie in Paris sind es nicht zuletzt die islamischen Theologen, die erklären sollen, wie so etwas passieren kann, warum Muslime morden und natürlich: Wie der Islam ganz allgemein zur Gewalt steht.

Sanseverino ist ein zurückhaltender Mensch, ein introvertierter und reflektierter Wissenschaftler, der sich in seiner Forschung für die islamische Spiritualität und die Beziehung des Gläubigen zum Propheten im Sunnismus interessiert. Einer, der die leisen Töne bevorzugt und gern zugibt, dass die hohen Erwartungen von Politik und Gesellschaft in so kurzer Zeit schwer zu erfüllen sind. „Die islamische Theologie“, bittet er um Verständnis, „ist noch sehr mit sich selbst beschäftigt.“ Man könne nicht alle Ansprüche auf einmal erfüllen: „Allein unsere Existenz ist schon ein großer Erfolg.“

Tatsächlich war die Eröffnung des Islam-Zentrums im Oktober 2011 ein großes Ereignis für die Tübinger Uni. Die Hochschule mit ihrer starken theologischen Präsenz hatte früh die Chance erkannt, die das heftig erwachte Interesse am Islam bot, und ein Konzept entwickelt, das Bund und Land einleuchtete.

In Tübingen sollen islamische Theologen und Seelsorger ausgebildet werden, vor allem aber Religionslehrer, die muslimischen Schülern ein tieferes Verständnis ihres Glaubens vermitteln, und auch eines, das sich mit den hiesigen Werten verträgt. 180 Studierende zählt das Zentrum zur Zeit, stolze 70 Prozent von ihnen sind weiblich. Dass Lehrerinnen seit März 2015 prinzipiell auch mit Kopftuch in die Schulen dürfen, war für die Islamische Theologie in Deutschland deshalb ein Grund zur Freude.

Sanseverino steht dem streng laizistischen Staat, wie er ihn in Frankreich erlebte, skeptisch gegenüber. Die Verdrängung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum trage eher zur Radikalisierung der Gläubigen bei, glaubt er: „Seit dem Verbot tragen in Frankreich mehr Mädchen Kopftuch als vorher.“ In Deutschland trete der säkulare Staat weniger aggressiv und polemisch auf, und das sei gut so: „Der Staat sollte der Religion einen Raum im öffentlichen Leben geben .“

So hat Sanseverino naturgemäß auch nichts dagegen einzuwenden, dass der säkulare Staat die Ausbildung von Theologen bezahlt, was im laizistischen Frankreich ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Sieben islamische Professoren sollen in Tübingen einmal lehren, derzeit sind es vier.

Langfristig möchte Sanseverino, dass aus dem Zentrum eine richtige Fakultät wird, die dann mit der Evangelischen und der Katholischen Fakultät einen eigenen Campus bildet. Im Jahr 2018, hofft der Leiter, wird das neue Zentrum gebaut, die Planung gehe zügig voran. Der Bund, der die vier Zentren in Deutschland wesentlich mitfinanziert, hat schon signalisiert, dass er weiter fördern will, die Evaluation sei zufriedenstellend verlaufen. Wie viel Geld aus Berlin kommen wird, ist aber noch offen. Bislang ließen sich Bund und Land das Zentrum pro Jahr 1,3 Millionen Euro kosten.

Die alte Frage, wie weit die Theologie überhaupt eine Wissenschaft ist, nimmt Sanseverino durchaus ernst. „Das Ziel eines Theologen ist natürlich nicht, die Religion abzuschaffen“, räumt er ein. Dass der Koran für die Muslime eine Schrift ist, in der sich nicht irgendein historischer Autor, sondern Gott selbst äußert, sieht er aber nicht als Problem für die Wissenschaft. Der Koran sei einer historisch-kritischen Betrachtung durchaus zugänglich: „Ich selbst sehe die Äußerungen des Propheten im historischen Kontext.“ Es sei wichtig, herauszufinden, was die Sätze des Propheten in der heutigen Zeit bedeuten.

Wie alle Dozenten des Zentrums ist Sanseverino auch selbst Muslim. Die Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung brachte ihn mit 22 Jahren zum muslimischen Glauben. „Es war ein langer Weg, der mich dahin geführt hat“, sagt er. Er wurde in Rom geboren und katholisch getauft, weshalb er zunächst auch im katholischen Glauben nach Antworten suchte. Über Reisen und Bücher habe er dann den Islam kennengelernt, seine spirituelle und mystische Kraft, und nicht zuletzt den Propheten Mohammed. Mit ihm fühlt er sich heute spirituell eng verbunden. Weder im Christentum noch im Buddhismus habe er die Art von Spiritualität gefunden, die ihm der Islam biete.

Eigentlich, sagt er, habe auch gar nicht er selbst zum Islam gefunden. „Es war eher der Islam, der mich gefunden hat“.

Zur Person

Ruggero Vimercati Sanseverino

Leiter Islam-Zentrum Tübingen

1979 in Rom geboren

1998 Abitur in Frankfurt

2000-2007 Studium in Tübingen, Turin und Aix en Provence

2012 Promotion an der Universität von Aix über „Fez, die Stadt und ihre Heiligen“

2013 Post-Doc am Tübinger
Islam-Zentrum

seit 2014 Leiter des Zentrums

Sanseverino ist verheiratet und hat zwei Kinder

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19.03.2016, 01:00 Uhr
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