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Prozess nach tödlichem Schuss in Hechingen

Rückkehr an den Tatort: Angeklagte geben sich gegenseitig die Schuld

Im Hechinger Mordprozess besuchen Richter, Angeklagte und Verteidiger den Tatort.

11.07.2017
  • Hardy Kromer

Montagmittag, 12.55 Uhr, an der Hechinger Staig: Eltern, Geschwister und Freunde des 22-jährigen Umut K. stehen an der privaten Gedenkstätte bei der kleinen Sitzgruppe. Sie halten sich an den Händen, und sofort fließen wieder Tränen. Was sich dort am Abend des 1. Dezember 2016 abgespielt hat, ist noch nicht verarbeitet: Der junge Mann aus einer kurdischen Familie war von einem Schuss aus einem vorbeifahrenden Auto tödlich in die Brust getroffen worden.

Dutzende Male sind sie hier schon gestanden, doch diesmal bleibt nicht viel Zeit zum Innehalten. Denn der Besuch geschieht bei einer überraschenden Tatortbesichtigung der Großen Jugendkammer des Landgerichts. Mit einem Bus fuhren die Verfahrensbeteiligten – Richter, Ankläger, Verteidiger, Gutacher, Dolmetscher – zum Tatort, während die drei Angeklagten in vergitterten blauen „Minnas“ der Justiz vorgefahren wurden, die Fahrzeuge aber nicht verlassen durften.

Fünf Minuten dauerte der „richterliche Augenschein“ zwischen der Spielothek und dem Ort des tödlichen Schusses. Dann vertagte sich die Kammer.

Am Morgen im Gerichtssaal waren die Angeklagten stundenlang ins Kreuzverhör genommen worden. Dabei war der Name Umut K. kein einziges Mal gefallen. Je länger der Prozess dauert, desto klarer wird, wie weit der junge Kurde am Rande des eigentlichen Geschehens stand. Dieses dreht sich um Drogenhandel in größerem Stil – und entpuppt sich zunehmend als reine italienische Angelegenheit.

Aussage gegen Aussage

Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, ist umstrittener denn je. Die Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig. Der Fahrer des roten Fiat Punto, vom Beifahrer schwer belastet, machte gestern ebenjenen Beifahrer für den Schuss verantwortlich. Der inzwischen 21-jährige Zimmermann aus dem Raum Burladingen schilderte, wie er am Tatabend nach einem lautstarken Streit in der Spielothek um eine offene 5000-Euro-Rechnung aus einem Marihuana-Geschäft und einer Rundfahrt um den Block wieder auf dem Platz vor dem Oldtimermuseum vorfuhr. Dort habe sein 22-jähriger Kumpel den 25-jährigen Schuldner (der inzwischen in Begleitung des ihnen unbekannten Umut K. war) noch einmal zur Rede stellen wollen. Plötzlich habe er „einen Pistolenschuss gehört“. Sein Komplize auf dem Beifahrersitz habe dann „die Hand mit der Pistole reingenommen und gesagt: Fahren wir schnell weg.“ Die Tatwaffe, die bis heute vermisst wird, habe sein Mitangeklagter ebenfalls behalten.

Weil es jetzt, da zwischen den beiden Tatverdächtigen Aussage gegen Aussage steht, stark auf die Glaubwürdigkeit ankommt, wollte Richter Breucker von dem 21-Jährigen schon genau wissen, warum er ursprünglich bei der Polizei gelogen habe. Nach einigem Zögern sagte er: „Ich hatte Angst, er würde meiner Familie etwas antun.“

Der Benjamin auf der Anklagebank mühte sich nach Kräften, seine Tatbeteiligung als möglichst geringfügig erscheinen zu lassen. Mit den Drogendeals habe er nicht so viel zu tun gehabt. Auch beim Versuch, am 1. Dezember in der Spielothek das Geld einzutreiben, habe er sich zurückgehalten, während sein Komplize und dessen Schuldner sich „lautstark auf Italienisch“ gestritten hätten.

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11.07.2017, 06:00 Uhr
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