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Rollstuhlfahrer und andere Gehbehinderte fordern ebeneren Neckargassen-Belag
Der Anstieg der Tübinger Neckargasse ist auch mit Kinderwagen und Gepäck beschwerlich. Ein ebener Belag könnte den Weg erleichtern, sagen Vertreter der Behindertenverbände. Sie konnten sich aber nicht gegen angeführte Sicherheitsbedenken durchsetzen. Bild: Sommer
Der Mittelstreifen polarisiert

Rollstuhlfahrer und andere Gehbehinderte fordern ebeneren Neckargassen-Belag

Welchen Belag soll die Neckargasse nach ihrer Sanierung bekommen? Durchgehend in Segmentbögen verlegte Pflastersteine wie in der Neuen Straße? Das beschloss der Gemeinderat nach kontroverser Debatte. Doch Rollstuhlfahrer wollen einen Streifen in der Gassenmitte aus ebenerem Material. „Zu gefährlich bei dieser Steigung“, findet der OB.

28.05.2016
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen.Das Thema bewegt viele – das zeigen nicht zuletzt die Leserbriefe im TAGBLATT. Und es polarisiert. Denn die Neckargasse gilt als Tor zur Altstadt für Einheimische wie Touristen. Das vorgesehene Pflaster aus gesägten Granitsteinen in Segmentbögen biete trotz enger Fugen zu viel Widerstand. Es mache Rollstuhlfahrern und anderen Gehbehinderten das Leben schwer, klagen Betroffene. Überdies sei es sehr unangenehm, im Rollstuhl durchgerüttelt zu werden. Ihr Anliegen: Neben der Wasser-Ablaufrinne in der Gassenmitte soll ein 1,20 bis 1,30 Meter breiter Streifen aus ebenen Platten oder Steinen verlegt werden.

„So ein glatter Belag nutzt nicht nur Rollstuhlfahrern“, sagt etwa Elvira Martin vom Sozialforum: „Die Tübinger Topografie ist schwierig genug – da muss man es den Leuten nicht noch schwerer machen.“ Das sieht Ingeborg Höhne-Mack, Vorsitzende der Lebenshilfe, ebenso: „Was Menschen mit Einschränkungen nutzt, nutzt auch anderen“ – wobei sie nicht nur an Ältere denkt, sondern auch an Eltern. Auch ein Kinderwagen lässt sich auf glattem Belag leichter schieben. Und den Kleinen ist es ebenfalls lieber, nicht durchgeschüttelt zu werden.

Bei der Neugestaltung soll die Neckargasse auf jeden Fall ärmer an Barrieren werden. So sind kurze Rampen zu den Eingängen der Geschäfte geplant, und die Stadt will mit den Eigentümern darüber sprechen, wie die Zugänglichkeit auch innen verbessert werden kann. Was die Orientierungshilfe für Sehbehinderte im Belag angeht, fand sich ein Kompromiss: Unumgängliche Unterbrechungen soll es nur auf geraden Wegstrecken geben. Höhne-Mack lobt, dass sich die Stadtverwaltung ernsthaft mit dem Problem der Barrierefreiheit befasst: „Eine tolle Entwicklung.“

Strittig bleibt jedoch das Thema Mittelstreifen. Im Gemeinderat hatten sich die Tübinger Liste und die Linke die Position der Behindertenvertreter zueigen gemacht. Doch die Verwaltung mit OB Boris Palmer an der Spitze ist strikt dagegen – und setzte sich durch.

OB Palmer argumentiert mit der Physik

„Ich stütze mich auf Erfahrung und die Physik“, sagt Boris Palmer. Die glatten Betonsteine in der Gasse seien bei Nässe oder Kälte zu wenig griffig. Jeden Winter rutschten dort Leute aus. „Um ein solches Risiko einzugehen, müsste man schon einen guten Grund haben“ – und den sieht der OB nicht. Sein Argument: Es sei allenfalls eine sehr kleine Gruppe von Rollstuhlfahrern, die sich trotz der starken Steigung ohne Hilfe allein in der Neckargasse bewegen könne: „Niemand, der in der Lage ist, diese Steigung zu überwinden, braucht die glatte Oberfläche, die andere gefährdet“ (siehe Kasten).

Der OB argumentiert dabei mit Empfehlungen, wie sie etwa auf der Website nullbarriere.de für Rampen zu finden sind. Demnach wird im privaten Bereich ein Gefälle für Selbstfahrer von 6 Prozent empfohlen. Wer kräftig ist, kann es bis auf 10 Prozent bringen. Wenn eine schwache Person den Rollstuhl schiebt, schafft sie es auf höchstens 12 Prozent Steigung, ein kräftiger Assistent auf bis zu 20 Prozent. Eine solche Steigung sei auch für Elektrorollstühle „problemlos machbar“.

„Die Neckargasse ist so steil, dasssie nicht für Rollstuhlselbstfahrer ausgelegt werden muss“, sagt OB Palmer: „Es gibt eine flachere Alternative über Mühlstraße und Neue Straße. Bergab ist der Rollwiderstand kein Problem. Da die geforderte glatte Fahrbahn ein Sicherheitsrisiko für Fußgänger darstellen würde, war es zwingend, die Forderung abzulehnen.“

„Es gibt auch rutschfeste Platten, oder man kann sie riffeln“, hält Gotthilf Lorch – Stadtrat der Linken mit Elektrorollstuhl – entgegen. Auch ältere Menschen gingen lieber auf glatten denn auf holprigen Wegen.

Alexander Breitung, Vorsitzender des Rollstuhl-Sport- und Kulturvereins RSKV und langjähriger Betreuer von Querschnittsgelähmten in der Berufsgenossenschaftlichen Klinik, hält die Rutschgefahr durch den Belag für ein Scheinargument: „Die Frage ist eher, ob die Stadt ihrer Räumpflicht nachkommt.“ Er kenne viele Rollstuhlfahrer, die aus eigener Kraft die Steigung bewältigen. Für ihn ist vielmehr die Frage, weshalb die Stadt „die Kompetenz, die da vorherrscht, infrage stellt“.

Er habe die Strecke schon mit vielen Rollstuhlfahrern ausprobiert: „Je steiler es ist, desto entscheidender wird es, den von der Hand angetriebenen Schwung auszunutzen. Der Effekt wird genommen, wenn der Belag gröber ist.“ Nicht jeder neue Belag erweist sich für jeden automatisch als Verbesserung, sagt Breitung, der selbst eine Prothese trägt. So mache ihm das seitliche Gefälle in der Neuen Straße zu schaffen, die früher ebene Gehwege hatte.

Verschiedene Beläge sollen zur Wahl stehen

Der geforderte Streifen nähme nicht die gesamte Breite der Gasse in Anspruch. Jeder könnte wählen, wo er gehen will, sagt Elvira Martin, selbst gehbehindert. Sie ist aber überzeugt, dass die meisten Fußgänger den glatten Belag bevorzugen würden: „Es gibt so gute Materialien, dass man nicht rutschgefährdet ist“ – und es sei auch nicht ständig Winter. Die frühere SPD-Stadträtin Ingeborg Höhne-Mack macht sich für den glatten Streifen stark, weil sie „den Aussagen der verschiedenen Vertreter der selbst Betroffenen mehr vertraut – und die sind völlig eindeutig“. Ein physikalisches Gesetz sei das eine, Erfahrungen Betroffener das andere: „Keinen Mittelstreifen mit glattem Belag zu verlegen, wäre eine vertane Chance.“

Palmer: Rollwiderstand spielt kaum eine Rolle

Oberbürgermeister Boris Palmer untermauert seine Position zum Straßenbelag der Neckargasse mit physikalischen Gegebenheiten. So spiele etwa für Radfahrer der Rollwiderstand schon bei einer Steigung von 5 Prozent keine entscheidende Rolle mehr. Die Neckargasse hat aber eine Steigung von 10 bis 12 Prozent.

Ein Rollstuhlfahrer, der mit seinem Gefährt 100 Kilogramm wiegt, brauche bei 3,6 Stundenkilometern und 12 Prozent Steigung eine Leistung von 70 Watt, um die Gasse hinauf zu kommen. Der Rollwiderstand liege etwa bei 5 Watt. Würde der künftige Belag ihn gegenüber einer glatten Oberfläche verdoppeln, stiege der Gesamtwiderstand von 75 auf 80 Watt, also um etwa 6 Prozent.

Das Fazit des OB: „Ein glatter Streifen in der Neckargasse würde ähnlich wie auf den bestehenden glatten Flächen regelmäßig Unfälle mit Verletzungen von Fußgängern verursachen. Der minimale Vorteil für Rollstuhlfahrer kann diesen Nachteil nicht aufwiegen.“

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28.05.2016, 01:00 Uhr
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29.05.2016

05:42 Uhr

Martina Wallis schrieb:

Schade, dass er es nicht ändern will .
Selbst mit normalen Schuhen mit etwas Absatz meide ich die Neckargasse, weil sie schlecht zu gehen ist und ich habe keine Gehbehinderung bin nicht alt .tübingen zu durchqueren macht einfach keinen Spaß , egal ob mit Kinderwagen , Einkaufstaschen oder Rollstuhl , rollator oder einfach nur hohen Schuhen .
Reutlingen hat es doch auch geschafft , einen exzellenten Belag zu schaffen . Liebe Stadt , nehmt die doch als Vorbild .



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