Venedig

Riesenschiffe müssen draußen bleiben

Von BETTINA GABBE

Die 100-Tonner, die täglich tausende Touristen zur Lagunenstadt bringen, sollen auf einer neuen Route weit um die Stadt herumfahren. Sie erhalten einen Anlegeplatz am Industriehafen.

Riesenschiffe müssen draußen bleiben

SWP Grafik Foto: SWP Grafik

Venedig. Vom Balkon der Kabine auf einem Kreuzfahrtriesen aus den Markusplatz mit dem Dogenpalast sehen, damit soll bald Schluss sein. „Große Schiffe werden nicht mehr am Markusplatz vorbeifahren“, kündigte Italiens Minister für Infrastrukturen, Graziano Delrio, über Twitter an. Das beendet ein jahrelanges Tauziehen um die Kolosse, die Touristen in die Lagunenstadt bringen.

Spaziergänger können am Ufer unweit des Markusplatzes auch künftig Luxus-Yachten bewundern. Zwischen Gondeln, Motorbooten, Schuten und Autofähren werden aber keine 300 Meter langen Schiffe mehr direkt zum Kreuzfahrtterminal von Venedig fahren. Derzeit nähern sie sich wie von Geisterhand gesteuert dem weltberühmten Dogenpalast auf bis zu 150 Meter.

In den kommenden Jahren werden den Plänen der italienischen Regierung zufolge im Industriehafen von Marghera am nördlichen Ufer der Lagune drei Terminals entstehen. Bereits in zwei Jahren sollen die ersten Passagiere von Kreuzfahrtschiffen mit über 96 Tonnen dort aussteigen.

„Diese Lösung berücksichtigt die Arbeiter einer Branche, die wir nicht verlieren dürfen“, sagte Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro triumphierend. „Damit geben wir den Kreuzfahrtschiffen in Venedig eine Zukunft.“

„Der Hafen von Venedig wird dem Luxus-Tourismus vorbehalten sein, der Wert schöpft“, sagte der Gouverneur der Region, Luca Zaia. Wie viel der Bau der neuen Terminals und die mögliche Vertiefung eines weiteren Kanals kosten sollen, wurde bislang nicht bekannt.

Seit die „Costa Concordia“ vor fünf Jahren vor der Hafeneinfahrt der toskanischen Insel Giglio auf Grund gelaufen war, diskutierten Gegner und Befürworter der Ozeanriesen erbittert, welche Konsequenzen aus dem Unglück zu ziehen seien. In der eisigen Winternacht waren damals 32 Menschen ums Leben gekommen, darunter zwölf Deutsche.

Seither ist die Durchfahrt durch die Lagune für Kreuzfahrtriesen eingeschränkt. Denn auch bei geringfügigen Fehlern in der Navigation droht Venedig von den immer größer werdenden Schiffen irreparabler Schaden. Die UN-Kulturorganisation Unesco warnte deshalb bereits, Venedig könne seinen Status als Weltkulturerbe verlieren.

Während die Stadt mit ihren romantischen Kanälen und Brücken vor Touristen aus allen Nähten platzt, warnt die Kreuzfahrtindustrie vor dem Verlust von 4500 Arbeitsplätzen, falls die Schiffe nicht mehr dort anlegen könnten. Umweltschützer sehen das Gleichgewicht der Lagune vom hohen Verkehrsaufkommen an Frachtern, Fähren und Kreuzfahrtschiffen bedroht. Sie fordern, einen neuen Hafen außerhalb der Lagune zu bauen.

Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Pier Paolo Barretta, zeigt sich zuversichtlich, dass die Entscheidung den Anforderungen von Schutz der Umwelt und des Weltkulturerbes genüge und zugleich weiteren Zuwachs der Tourismusindustrie ermögliche. „Schutz ist keine Alternative zu Innovation und Entwicklung.“

Die Fünf-Sterne-Bewegung, die gern den nächsten Ministerpräsidenten stellen möchte, lehnt die Lösung dagegen ab. Sie meint, der Boden der Lagune werde davon irreversibel beschädigt.


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09.11.2017 - 06:00 Uhr