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Richard Gölz - Der Kantor Schwabens

Richard Gölz - Der Kantor Schwabens

Doku-Filmporträt des Wankheimer Kirchenmusikers, Theologen und Nazigegners.

Richard Gölz - Cantor of Swabia
USA 2015

Regie: Sabine Gölz, Oleg Timofeyev


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11.11.2015
  • Dorothee Hermann

Richard Gölz war ein Erneuerer der kirchlichen Chormusik und früher NS-Gegner. Nun hat seine Enkelin Sabine Gölz mit ihrem Mann Oleg Timofeyev ein Filmporträt ihres Großvaters gedreht.

Am Ende seines Lebens war er Father John, eine ehrwürdige Erscheinung mit einem langen weißen Bart, wie ein durchgeistigter Eremit oder eine Figur aus einem russischen Roman des 19. Jahrhunderts. In seinen letzten Lebensjahren wirkte Richard Gölz als Priester der orthodoxen Kirche in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin, fern von seiner in Württemberg zurückgebliebenen Familie.

Der Film „Richard Gölz – Singen und Widerstehen“ dokumentiert diesen Schritt, erklärt ihn aber nicht. Die Filmemacherin Sabine Gölz hat keine bewusste Erinnerung an den Großvater. Geboren 1956, hat die Enkelin ihn als zweijähriges Kind einmal gesehen, bei einem Treffen in Hamburg, kurz vor der Auswanderung in die USA. Ihre Eltern erzählten ihr, dass ihr sein langer, weißer Bart Angst gemacht habe. „Er war ein mythischer, entschwundener Vorfahre.“ Was ebenfalls Distanz schuf: Der Großvater sei „von so viel Theologie“ umgeben gewesen.

„Er war mythische Figur und Leerstelle zugleich“, sagte die Literaturwissenschaftlerin der Universität von Iowa, die unter anderem über Ingeborg Bachmann, Franz Kafka und Walter Benjamin publiziert hat, nach der Filmvorführung in Wankheim. „Er war präsent, bewunderungswürdig, und gleichzeitig weit weg.“ Mit dieser Leerstelle wollte Sabine Gölz sich auseinandersetzen. Doch lange scheute sie sich, tiefer zu nachzuforschen. Auf keinen Fall wollte sie sich mit Richard Gölz brüsten, nach dem Motto: „Mein Großvater hat in der Nazizeit das Richtige getan.“

Eine ähnliche Zurückhaltung hat ihr Ehemann Oleg Timofeyev, Musiker und Musikhistoriker, in der gesamten Familie Gölz beobachtet. Von ihm kam der Anstoß zum Film: „Da hat jemand einen außergewöhnlichen Großvater, Freund von Albert Schweitzer, und keiner findet, dass das etwas Besonderes ist“, war sein Eindruck.

Im Film begegnet einem Richard Gölz zunächst als einflussreicher Erneuerer der Kirchenmusik seit den 1920er Jahren. 1934 erschien das von ihm herausgegebene „Chorgesangbuch – geistliche Gesänge für ein bis fünf Stimmen“. Es macht Chorwerke der Reformationszeit und des Frühbarock wieder zugänglich und ist bis heute Standardwerk für evangelische Kirchenchöre in Deutschland. An der Tübinger Stiftskirche führte er Mette, Vesper und Complet ein, Vorläufer der samstäglichen Motette.

Der langjährige Stiftsmusikdirektor Hans-Peter Braun ist eines der zahlreichen bekannten Tübinger Gesichter im Film. „Schon Gölz‘ Vorgänger an der Stiftskirche, Friedrich Silcher (1820 bis 1860), habe versucht, ein vierstimmiges Choralbuch einzuführen, berichtet Braun. „Er hat sich nicht durchgesetzt.“

Die Familienerinnerungen hält im Film vor allem der Sohn Heiner Gölz, mittlerweile 91-jährig, lebendig: „Ich glaube, es war eine sehr gute Ehe.“ Seine Mutter Hilde sei sehr begabt gewesen, sie konnte schreiben, auch zeichnen. „Sie stand aber immer im Schatten meines Vaters.“ Die Familie lebte in Haus Hauffstraße 10 auf dem Österberg und machte Sonntagsspaziergänge nach Bebenhausen.

Lange nach seinem Tod wurde das Ehepaar Gölz von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völern“ geehrt: In den Kriegsjahren hatten sie, der Bekennenden Kirche angehörig, verfolgte Juden in ihrem Wankheimer Pfarrhaus aufgenommen. Doch Richard Gölz wurde denunziert und kurz vor Weihnachten 1944 ins Konzentrationslager Welzheim verschleppt. Er war nach Wankheim versetzt worden, weil er bei einem Besuch von Reichsbischof Ludwig Müller in Tübingen im November 1934 nicht aufhörte, an der Stiftskirchenorgel einen als regimekritisch zu verstehenden Choral zu spielen – bis ihm der Strom abgestellt wurde.

„Die Evangelische Landeskirche hat noch eine Rechnung offen mit Richard Gölz“, sagte die gastgebende Pfarrerin Christine Eppler. Sie meint eine Rechnung zugunsten des widerständigen Kollegen, der sich 1938 geweigert hatte, den von der württembergischen Landeskirche geforderten sogenannten Treueeid auf Adolf Hitler zu leisten – dem 90 Prozent der Pfarrer nachkamen. Über das 60-jährige Dienstjubiläum von Richard Gölz findet sich der Vermerk „kann übergangen werden“ in den landeskirchlichen Akten: Der Betreffende sei seit 1959 katholisch-orthodoxer Priester in den USA. Das Filmporträt über Richard Gölz ist eine bewegende Aufforderung, sich ein so eindrucksvolles wie bestürzendes Leben noch einmal zu vergegenwärtigen.

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11.11.2015, 16:00 Uhr

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