Gastronomie

Rettung für die Dorfwirtschaft

Von MADELEINE WEGNER

Seit Jahren schließen auf dem Land Gasthäuser. Doch es gibt Gegentrends: Privatleute, Genossenschaften oder Vereine erhalten die Treffs.

Rettung für die Dorfwirtschaft

Vorbildprojekt: Eine Genossenschaft betreibt den Schwanen. Foto: Madeleine Wegner

Nehren/Sonnenbühl. Wer auf dem Dorf einen Ort sucht, wo man bei Kaffee und Kuchen oder beim Bier zusammensitzen kann, steht in vielen Gemeinden vor verschlossenen Türen: vor denen der ehemaligen Dorfgasthäuser. Bundesweit schließen und verfallen immer mehr solcher Häuser. Damit verschwinden Orte, die für das Zusammenleben und den Zusammenhalt im Dorf eine wesentliche Rolle gespielt haben. Doch im Südwesten gibt es auch eine Gegenbewegung: So manches Dorf feiert die Wiedereröffnung seines Gasthauses. Die ganz unterschiedlichen Konzepte hinter der Rettung der Dorfwirtschaft haben eines gemeinsam: Es steckt enormes Engagement dahinter.

„Es war schlimm mit anzusehen, wie die Krone immer mehr verfällt“, sagt Susanne Hummel. Sie und ihr Mann haben das ehemalige Gasthaus in ihrem Heimatort Sonnenbühl-Willmandingen auf der Schwäbischen Alb gekauft. Die Krone war in dem Ort mit seinen 1100 Einwohnern bis 2006 Dorfgaststätte im Familienbetrieb. Auch jetzt ist die ganze Familie der neuen Besitzer eingespannt. „Anders wäre es auch nicht gegangen“, sagt Susanne Hummel, „alleine hätte ich das nicht gemacht“.

Über ein dreiviertel Jahr hat es gedauert, das Gebäude zu renovieren und herzurichten. Das Konzept des „Trendcafé Krone“: Unten geschmackvoll eingerichtetes Café, wo mittwochs bis sonntags hausgemachte Kuchen und herzhafte Kleinigkeiten angeboten werden. Oben eine Boutique mit ausgefallener Mode, wo Besucherinnen in Ruhe stöbern können. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützten die Inhaberin. Außerdem will Hummel Nähkurse anbieten. Die gelernte Schneiderin und Bekleidungstechnikerin hat zuvor im Büro ihres Mannes gearbeitet, der eines der größten Windkraftentwicklungsunternehmen weltweit leitet.

Hummels Nichte Lea Rudolph hat ihre Semesterferien in Willmandingen verbracht. Für die Eröffnung Anfang Oktober hat sie in sozialen Netzen viel geworben und nicht zuletzt in Reutlingen 5000 Flyer verteilt. „Es ist cool, den Zusammenhalt hier im ganzen Ort zu spüren“, sagt sie über die vergangenen Wochen, „fast jeder kommt vorbei und bietet Hilfe an.“ Ihre Tante fügt hinzu: „Aber die Leute müssen halt auch in Zukunft als Gäste herkommen.“

„Der Schwanen wird eine Erfolgsgeschichte, da bin ich sicher“, sagte am Wochenende Ministerialdirektorin Grit Puchan in Nehren (Kreis Tübingen). Mit einem großen Fest eröffnete das Dorfgasthaus wieder. Puchan bezeichnete es als „Vorbildprojekt“. Das Besondere am Schwanen: Eine Genossenschaft betreibt künftig die Wirtschaft samt Hotel. Nehrens Bürgermeister Egon Betz übergab das aufwendig renovierte und um einen Anbau erweiterte Fachwerkgebäude an die Genossenschaft. Der Schwanen, der eine jahrhundertelange Wirtshausgeschichte hat, solle wieder „ein Treffpunkt in der Mitte für alle“, ein Ort der Begegnung und Kultur werden. Den Erhalt sieht er als kulturelle und städtebauliche Verpflichtung der Kommune. Die Gemeinde hat viel Geld in die Hand genommen, um das Gebäude im Laufe der vergangenen Jahre zu retten. Auch die Landesregierung hat das Projekt mit weit über einer Million Euro unterstützt: „Jeder Euro ist gut angelegt“, sagte Puchan. Das Gasthaus sei ein wichtiger Schritt, um gleichwertige Lebensbedingungen in der Stadt wie im ländlichen Raum zu schaffen.

Der halbe Ort macht mit

Schon vor Beginn der Renovierungsarbeiten wurde das Genossenschafts-Konzept für den Schwanen im Wettbewerb „Vorbildliches Dorfgasthaus“ 2014 ausgezeichnet. Den „Sonderpreis bürgerschaftliches Engagement“ erhielt das Dorfgasthaus Adler in Hohenstein-Meidelstetten (Kreis Reutlingen), der ein erstaunliches Kulturprogramm auf die Beine stellt. „Da macht schon der halbe Ort mit“, sagt Jürgen Haug vom Tübinger Regierungspräsidium.

Doch auch der Adler hat zu kämpfen: Die Pächter wechselten fast jährlich und konnten den Gaststättenbetrieb wirtschaftlich nicht halten. Der „Verein für angewandte Lebensfreude“ sprang als Betreiber immer wieder ein. Der zwischenzeitlich gegründete Förderverein „Zukunft Adler Meidelstetten“ erwarb das Gasthaus schließlich 2010, mittlerweile betreibt er auch die Gaststätte.


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09.10.2017 - 06:00 Uhr