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Nach Damaskus

Rafik Schami sprach im Stift über Syrien

1971 floh Rafik Schami nach politischen Repressalien aus Syrien und lebt seither in Deutschland im Exil. Am Samstag sprach er im Wilhelmstift vor 600 Zuhörern mit dem SWR-Redakteur Wolfgang Niess über die aktuelle Bürgerkriegssituation.

18.06.2012
  • Achim Stricker

Tübingen. Wenn Rafik Schami dieser Tage bei Verwandten in seiner Geburtsstadt Damaskus anruft, spricht er nur über Privates. Das Telefon wird seit Jahrzehnten abgehört. Wenn seine Schwester sagt: „Wir bleiben abends daheim. Es ist gemütlicher zuhause.“ Dann versteht Schami zwischen den Zeilen, dass sie nachts nicht mehr vor die Tür können, weil geschossen wird. „Meine Schwester würden sonst keine fünf Pferde zuhause halten.“

Im Gespräch mit Wolfgang Niess erinnerte Schami auch an die Kinder, die am 15. März 2011 in Daraa an eine Wand sprayten: „Das Volk will den Sturz des Regimes.“ Sie wurden verhaftet und gefoltert, der Protest der Eltern wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Als Daraa beschossen wurde, gingen auch in anderen syrischen Städten die Menschen auf die Straße.

Um syrischen Kindern und Jugendlichen in dieser Bürgerkriegssituation zu helfen, hat Schami zusammen mit dem Tübinger Verleger Hans Schiler den Verein Schams (arabisch: „Sonne“) gegründet. Das Geld geht hier den direkten Weg zu den Betroffenen: über Freunde, Journalisten, Lehrer, Pfarrer, die in Syrien leben oder dorthin reisen. Spontan sagten Heinrich Riethmüller von der veranstaltenden Buchhandlung Osiander und das Wilhelmstift ihre Unterstützung zu: Die Eintrittsgelder, Honorare und Spenden gingen komplett als Startkapital an Schams – für Kleider, Lebensmittel, Medikamente und Bücher.

Noch immer kann Schami es „nicht fassen, dass die Menschen nach 40 Jahren Assad-Diktatur aufbegehren. Ich hätte nie damit gerechnet.“ Wie überall im Arabischen Frühling spielen auch in Syrien die sozialen Internet-Netzwerke eine große Rolle, berichtete Schami: „Aber die Amerikaner haben dem Assad-Regime schon ein neues Internetprogramm verkauft, um damit die Opposition aufzuknacken.“ So seien die Revolutionäre mittlerweile auf Youtube ausgewichen und informieren in stündlichen Videobotschaften über die Lage.

Nach Schamis Einschätzung haben in Syrien beide Seiten aus vorangegangenen Aufständen des Arabischen Frühlings gelernt. Er warnte davor, „das Assad-Regime zu unterschätzen. Es ist eins der klügsten und raffiniertesten in der arabischen Geschichte. Aber die Revolutionäre haben auch gelernt, nicht aufzugeben und Krankenstationen im Untergrund einzurichten, weil Verletzte in den staatlichen Krankenhäusern verhört werden.“

Niess bezeichnete Syrien als „Schauplatz eines Stellvertreterkriegs“ zwischen Iran, Saudi-Arabien, Israel und Russland. Vor wenigen Tagen hat die russische Gelddruckerei Gossnak den syrischen Markt mit ungedeckten Noten überschwemmt, damit das Assad-Regime seine Staatsausgaben bestreiten kann. „Der Staat zahlt mit Falschgeld“, kommentierte Schami. „Das kann dem Regime das Genick brechen. Die Händler in Damaskus weigern sich, dieses Geld anzunehmen.“

Schami ist sich sicher: „Assad hat seine Chance verpasst. Die Regierung bröckelt von innen und der Staat von den Rändern her.“ Für Schami ist es auch ein „Aufstand der Landbevölkerung gegen die Stadt“. Zahlreiche Politiker und Militärs stammen aus armen, bäuerlichen Verhältnissen und „haben in ihren hohen Positionen ihre Wurzeln vergessen: die Dörfer, die im Elend steckengeblieben sind.“ 20 Prozent der Syrer sind arbeitslos. Schami hofft auf „eine Übergangsregierung für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Freiheit und Demokratie werden eine lange Aufbauphase brauchen.“ In Tunesien sei alles „zu schnell gegangen und nun dementsprechend wacklig. Aufräumen, Wunden heilen und Verzeihen, das braucht Zeit. Ohne Rache und Gegenrache. Assad kann von mir aus ins russische Exil: Immerhin hat er in Moskau schon eine hübsche Villa.“ Schamis Traum sei es, seinem Sohn endlich Damaskus zeigen zu können: „Ich glaube, das wird klappen.“

Ein freiheitliches und demokratisches Syrien könnte eine „wichtige Rolle in der Region spielen“, skizzierte Niess: „als Vorbild für einen weltoffenen Islam und religiöse Toleranz.“ In Syrien leben etwa 20 verschiedene religiöse und ethnische Gruppen. Schami selbst wurde 1946 in einer christlich-aramäischen Familie geboren.

Ein demokratisches Syrien könnte aber auch ein Vorbild für die westliche Welt sein, entgegnete Schami: „In Deutschland hat man die Beziehung zur Demokratie verloren. Sie wurde erkämpft und man müsste sie hoch achten. Aber man nimmt sie für selbstverständlich.“

Info: Spenden an Schams auf das Konto 3333 516 bei der KSK Tübingen. Weitere Informationen unter www.schams.org

Rafik Schami sprach im Stift über Syrien
Rafik Schami (rechts Wolfgang Niess) hofft auf weltoffenen Islam und Demokratie in Syrien. Hier zählt er die Gründe auf, warum Assad sich nicht halten kann. Bild: Franke

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18.06.2012, 12:00 Uhr
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