Französische Filmtage

Räuber und Gendarm

Von Wilhelm Triebold

Das Festival erinnert an den Autor Pierre Véry.

Räuber und Gendarm

So kann man in Misskredit geraten. Weil es Joseph Goebbels beliebte, während der Besatzung Frankreichs eine eigene Pariser Filmfirma zu gründen, die „seichte, womöglich kitschige Unterhaltungsfilme“ (so Goebbels’ Anweisung) nach Art der gleichgeschalteten Ufa liefern sollte, mussten sich die meisten Akteure nach Kriegsende warm anziehen.

Denn sie standen im Verdacht, mit dem Feind fraternisiert zu haben. Darunter Stars wie Fernandel oder die jetzt gerade verstorbene Danielle Darrieux. Auch einer wie Henri-Georges Clouzot wagte bei dieser Firma namens Continental seine ersten Regie-Schritte.

Die Produktionen, die Continental dann ab 1941 heraus brachte, dürften aber wohl kaum den Geschmack des Reichsministers getroffen haben. Den Anfang machte „L‘Assassinat du Père Noël“ nach einem mystischen Kriminalroman des Autors Pierre Véry. Alles andere als Konfektionsware, wie sie Goebbels vorschwebte. Im Gegenteil, die humane Botschaft am Ende des Films passt so gar nicht in die Zeit der Knobelbecher, der Kapitutation und der Kollaboration.

Das verschneite Dorf in der Haute-Savoie, in dem Véry seine Weihnachtsgeschichte spielen lässt, ist eine merkwürdige Welt für sich, abgeschieden und abgeschnitten vom realen Außen, in dem die Gendarmerie herumgeistert auf der Suche nach dem Kriminalfall. Es ist natürlich nicht der Weihnachtsmann, der tot im Schnee liegt. Aber viel mehr soll hier auch nicht gelüftet werden von all dem schönen Geheimnis, das diesen Film umrankt.

Nur so viel: Es gibt ein Happy-end. Ein Liebespaar findet sich, und für ein kränkelndes Kind erfüllt sich – schließlich ist Weihnachten! – ein heilsamer Wunsch. Und der Gendarm schneit tatsächlich noch herein, löst als ein Deus ex Machina den Fall im Handumdrehen und verschwindet wieder.

„L‘Assassinat du Père Noël“ ist kein Problemfilm, aber eben auch absolut keine Pflichterfüllung im Goebbels‘schen Sinne. Dazu lavierten sich alle Continental-Kräfte viel zu qualitätsbewusst durch die heiklen Okkupations-Jahre.

Die Hommage der Französischen Filmtage an den Romanautor Pierre Véry schließt noch zwei weitere Filme mit ein. „Goupi Mains Rouges“ („Eine fatale Familie“) spielt im bäuerlichen Milieu, in dem Véry mehrere seiner Geschichten ansiedelt, was ihm Roger Régents Lob einbrachte, in Jurys Werken schlage einem „ein Geruch von nassen Blättern und frisch gepflügten Feldern entgegen, vermischt mit anderen Gerüchen, die weniger ländlichen Ursprungs sind.“

Mit „Goupi Main Rouges“ kehrt Avery zu den heimatlichen Wurzeln in der Zentralmassiv-Provinz Charente zurück. Hier allerdings bringt der verlorene Sohn Goupi-Monsieur, zum Heiraten aus der Metropole zurückbeordert, den heimischen Laden und den Dorfalltag gehörig durcheinander. „Es ist nicht mein Verdienst, wenn es mir gelungen ist, jene Goupis getreu zu porträtieren“, schreibt Avery dazu, „ich kannte sie gut und war einer von ihnen ...Ich habe euch in meine Gegend geführt. Es genügt euch, nur einen Blick auf diese Goupis zu werfen, und sofort habt ihr sie gesehen...“ Kritiker rühmten deshalb auch „gewiss die authentischsten Bauern, die in einem französischen Film entstanden sind“.

Und schließlich „Les Disparus de Saint-Agil“ („Das Geheimnis von St. Agil“), 1939 mit dem „Prix Jean Vigo“ ausgezeichnet: Ein Internatskrimi unter anderem mit Michel Simon und Erich von Stroheim, letzterer damals tatsächlich noch mit Haaren auf dem Schädel.

Véry kam dann relativ unbeschadet aus der Continental-Affäre heraus, verlegte sich am Ende seiner Karriere auf Science Fiction (darunter der Roman „La Révolte des Pères Noël“) und starb 1960 in Paris. Sohn Noël Véry hat sich als Kameramann einen Namen und in Frankreich die Steadicam bekannt gemacht. Und er hat, sehr verdienstvoll, die Romanverfilmungen des Vaters restaurieren und digitalisieren lassen.Wilhelm Triebold


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02.11.2017 - 01:00 Uhr