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Putin, Stalin und der liebe Gott
Sowjetunion-Gründer Wladimir Lenin spricht am 7. November 1918 auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: dpa
Oktoberrevolution

Putin, Stalin und der liebe Gott

Der Kommunismus als Ideologie ist in Russland tot. Aber die Mentalität der Sowjetmenschen scheint unausrottbar.

07.11.2017
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Nicht, dass es keine Revolutionäre mehr gäbe. Am Sonntag wurden in Moskau und anderen Städten über 400 mutmaßliche Extremisten festgenommen, Sympathisanten des anarcho-populistischen Videobloggers Andrei Malzew, aber auch etliche Passanten, die mit Rucksäcken und Taschen im Moskauer Stadtzentrum unterwegs waren. Der selbst nach Frankreich emigrierte Malzew hatte für den 5. November seine Anhänger aufgefordert, auf die Straße zu gehen, und dort bis zum Sturz Wladimir Putins zu bleiben. Jedoch suchten Journalisten vergeblich nach Ansammlungen von Oppositionellen.

Die Staatsführung plant keinerlei Maßnahmen zum 100. Jahrestag der russischen Revolution. „Was gibt es denn da zu feiern?“, will Kremlsprecher Dmitri Peskow wissen. Nur die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) plant eine Kundgebung.

Die KPRF gibt sich oppositionell, hält sich aber an die Spielregeln des Kremls. Bei den Duma-Wahlen 2016 holte sie über 7 Millionen Russen oder 13,3 Prozent der Wähler. „Es ist vor allem die Partei der Rentner, denen sie als Ideologie mythologisierte Sowjetvergangenheit anbietet“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk.

Der Kommunismus als irdische Heilsidee ist praktisch tot, 84 Prozent der Russen glauben jetzt an Gott, nur 7 Prozent betrachten sich als Atheisten. Und Wladimir Putin verurteilte kürzlich die Repressalien der Sowjetzeit. „Für diese Verbrechen gibt es keine Entschuldigung.“ Aber das sei kein Grund, jetzt zur Abrechnung aufzurufen. Die meisten Hinterbliebenen kennen die Namen der Sicherheitsmänner nicht, die ihre Eltern oder Großeltern liquidiert haben.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion machte der KGB als FSB weiter. „Dazu kommt das Staatsfernsehen, das die Repressalien und ihre Opfer systematisch klein redet“, sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. „Und die Gesellschaft ist traumatisiert.“ Wie Putin, der sein KPdSU-Parteibuch aufbewahrt, orientiert sich die Masse der Russen moralisch in Richtung Vergangenheit.

Man klammert sich an sowjetische Kinderbücher, Filmkomödien und Schlager, dreht reihenweise Filme über den „großen, vaterländischen“ Sieg im Zweiten Weltkrieg. Alljährlich feiert sich Russland als Alleinretter der Welt vor Hitler. Eine Geschichtsdebatte, die Stalins Herrschaft in die Nähe des Naziregimes stellen könnte, vermeidet man mit allen Kräften. 34 Prozent der Russen halten Wladimir Putin für die bedeutendsten Mann der Weltgeschichte, 38 Prozent aber Jossif Stalin.

Der Inlandsgeheimdienst FSB erklärte nach den Festnahmen am Wochenende, im Gebiet Moskau hätten Extremisten geplant, Verwaltungsgebäude anzuzünden und Polizisten anzugreifen. Wie das NKWD unter Stalin haben die Sicherheitsorgane wieder begonnen, potentiellen Oppositionellen als blutrünstigen Verschwörern den Prozess zu machen.

„Wie damals werden Menschen ohne Beweise verhaftet“, sagt der Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow. Aber es sei tröstlich, dass die Opfer heute nicht mehr erschossen würden.

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07.11.2017, 06:00 Uhr
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