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Prozessauftakt in Stammheim gegen die Tübinger „Ducato-Bande“
Im geschichtsträchtigen Mehrzweckgebäude des Oberlandesgerichts (rechts im Bild) war am Montag Verhandlungsauftakt im Ducato-Prozess. Bild: Wegner
Andauernde Familien-Bande

Prozessauftakt in Stammheim gegen die Tübinger „Ducato-Bande“

Bandendiebstahl, Hehlerei, Erpressung und Brandstiftung mit Millionen-Schaden: In Stammheim begann der Mammut-Prozess mit neun Angeklagten.

18.09.2017
  • Madeleine Wegner

Dutzende Männer, Frauen und Kinder stehen an der Einfahrt, die in das Gefängnis Stammheim führt. Hin und wieder kommt ein Kleinbus herangefahren, die Wartenden versuchen zu erkennen, wer im Wagen sitzt, dann winken einige, manche werfen Handküsse. Es sind die Angeklagten im sogenannten Ducato-Prozess, die aus Mannheim, Ulm, Ravensburg und fünf weiteren Vollzugsanstalten an diesem Morgen nach Stuttgart-Stammheim gebracht werden. Es ist halb Neun am Montagmorgen, in einer halben Stunde soll einer der umfangreichsten Prozesse in der Geschichte des Tübinger Landgerichts beginnen.

Die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts hat die ersten Verhandlungstage nach Stammheim gelegt, weil die Tübinger Gerichtssäle zu klein gewesen wären. Die Verhandlung in dem geschichtsträchtigen Mehrzweckgebäude (siehe Kasten) startete am Mongagmorgen mit eineinhalb Stunden Verspätung: So lange dauerte es, bis die gut 70 Angehörigen der Angeklagten die Sicherheitskontrollen samt Abtasten passiert hatten. Zudem soll es an den Türen zunächst einen technischen Defekt gegeben haben.

Lagerhalle in Brand gesetzt

Bis zum Sommer 2018 hat das Landgericht Tübingen insgesamt 44 Verhandlungstage für den Prozess rund um die sogenannte Ducato-Bande angesetzt. Die neun Angeklagten im Alter zwischen 20 und 51 Jahren sollen vom Frühjahr 2015 bis zum Herbst 2016 im Kreis Tübingen, aber auch im Zollernalbkreis und im Kreis Böblingen, bandenmäßig Fahrräder, Werkzeuge und Buntmetalle gestohlen und in Bosnien verkauft haben. Außerdem soll einer der Männer im Oktober vergangenen Jahres eine Lagerhalle in Hagelloch in Brand gesetzt haben, um einen der Diebstähle zu vertuschen. Dabei entstand ein Schaden in Höhe von fast einer Million Euro.

Rund eine Stunde dauerte es, bis die beiden Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft die Anklage verlesen hatten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass vier Männer aus Bosnien – zusammen mit einer getrennt verfolgten Frau – spätestens im Frühjahr 2015 den Plan gefasst haben, gestohlene Fahrräder zu verkaufen. Dazu sollen sie in verschiedenen Asylbewerberheimen vor allem in Tübingen vier Männer angeworben haben. Diese stammen aus Bosnien und Serbien. Sie sollen hochwertige Markenräder im Wert von jeweils um die 500 Euro für die Bande gestohlen und dafür pro Rad zwischen 70 und 100 Euro von den Hehlern erhalten haben.

Das Diebesgut soll dann in einem angemieteten See-Container in Dußlingen zwischengelagert worden sein. Sobald dort rund 30 Räder zusammengekommen waren, sollen diese nach Bosnien zum Wohnort eines der Hehler gebracht und dort verkauft worden sein. Dieses „Geschäftsmodell“ hätte die Bande laut Staatsanwaltschaft in unterschiedlichen Besetzungen und in zehn Fällen verfolgt. Die Staatsanwaltschaft geht von fast 400 gestohlenen Fahrrädern mit einem Gesamtwert von 190000 Euro aus.

In Bayern aufgeflogen

Im Sommer 2016 sei ein weiteres Familienmitglied zu der Hehlerbande hinzugekommen. Der heute 51-Jährige habe den angeheuerten Asylbewerbern mehr Geld für gestohlene Räder geboten. Das schien dem Rest der Hehlerbande nicht zu gefallen: Einige von ihnen sollen in der Folge die angeheuerten Asylbewerber räuberisch erpresst und dabei 2000 Euro gefordert haben. Daraufhin habe sich der 51-Jährige mit der Diebesbande auf Werkzeuge, Buntmetalle und Kraftstoffe verlegt, die die vier von Wertstoffhöfen und aus privaten Schuppen in der Region gestohlen haben sollen. Der Hehler soll ihnen das Diebesgut abgekauft und in Gomaringen zwischengelagert haben, um es später – nach dem gleichen Prinzip wie bei den Rädern – zu verkaufen.

Ein Teil der Bande flog im September 2016 auf, als die Polizei einen Fiat Ducato im bayerischen Traunstein kontrollierte – er war vollgepackt mit gestohlenen Fahrrädern auf dem Weg Richtung Bosnien. Nach dem Zufallstreffer führten akribische Ermittlungen der hiesigen Polizei zu weiterenFestnahmen.

Der Vorsitzende Richter Armin Ernst kündigte am Montag an, die Kammer werde den Verteidigern in den nächsten Tagen – und damit rechtzeitig vor dem nächsten Verhandlungstermin am 5. Oktober – Vorschläge zur Verfahrensabkürzung zu machen.

Info Vorsitzender: Armin Ernst, Richterin am Landgericht: Diana Scherzinger, Beisitzer: Dr. Simon Müller; Schöffen: Barbara Steinbach, Hans-Ulrich Knäuer; Staatswanwaltschaft: Michaela Nörr, Kaija Sailer; Verteidigung: Christian Niederhöfer, Önsel Ipek, Daniel Petrovic, Holger Böltz, Hans-Christoph Geprägs, Wolfgang Ferner, Dr. Birgit Scheja, Dr. Michael Görke, Safak Ott, Achim Unden; Jugendgerichtshilfe: Klaus Hasenmaier; Sachverständiger: Dr. Stephan Borg.

Prozesse gegen besonders gefährliche Straftäter

Die JVA Stammheim ist vor allem durch die Inhaftierung der Mitglieder der Rote Armee Fraktion bekannt geworden. Das Mehrzweckgebäude des Oberlandesgerichts wurde eigens für die Prozesse gegen RAF-Mitglieder 1975 neben dem Gelände der Justizvollzugsanstalt gebaut. Halle sowie Hof wurden damals großflächig mit Stahlnetzen überspannt, um etwaigen Befreiungsversuche vorzubeugen. Die Baukosten für die Erweiterung betrugen zwölf Millionen Mark. Bis heute wird das Mehrzweckgebäude für große Prozesse und gefährliche Straftäter genutzt. Nach den RAF-Prozessen standen hier bereits Islamisten, PKK-Aktivisten und Black Jackets vor Gericht. Derzeit entsteht angrenzend ein Neubau.

Zum Dossier: Die Ducatobande

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18.09.2017, 20:31 Uhr
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