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Tübinger Prügelvideo: Auch Filmen kann Gewalt sein

Prozess endet für Angeklagte mit Arrest und Arbeitsstunden

Zwei schlugen, drei filmten und mindestens sechs sahen zu. Vergangenes Jahr demütigte eine Clique eine 13-Jährige auf Waldhäuser Ost. Ein Video des Überfalls verbreitete sich danach rasant im Netz. Das Jugendschöffengericht verurteilte gestern fünf Mädchen wegen gefährlicher Körperverletzung oder der Beihilfe dazu.

04.03.2015
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Der Fall erregte im vergangenen November großes Aufsehen: Nach dem Überfall einer Mädchenclique auf eine Schülerin hatte sich ein Video der Tat im Internet vor allem über das Netzwerk Facebook rasant verbreitet. Tausende Nutzer drückten ihre Abscheu und Empörung über den Angriff aus und viele verbreiteten den Clip weiter. Gleichzeitig wurde massenhaft zur Selbstjustiz gegen die Angreiferinnen aufgerufen. In der Folge berichteten Medien weltweit über das Tübinger Prügelvideo. Die Beteiligten an dem Angriff hatte die Polizei schnell ermittelt. Vier von ihnen waren zum Tatzeitpunkt unter 14 Jahren und damit strafunmündig. Gegen die restlichen sieben, sie sind zwischen 14 und 16 Jahre, erhob die Staatsanwaltschaft Tübingen Anklage. Fünf Mädchen und zwei Jungen mussten sich gestern vor dem Jugendschöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung oder der Beihilfe dazu verantworten. Denn auch den Aufbau der Drohkulisse durch die Gruppe und das Filmen mit dem Smartphone wertete die Anklage als Mittäterschaft.

Die Verhandlung am Mittwoch vor dem Jugendschöffengericht war, wie bei Jugendstrafsachen gesetzlich vorgeschrieben, nicht öffentlich. Sie begann um 9 Uhr und endete am späten Nachmittag. Die sieben Angeklagten waren in Begleitung ihrer Eltern, aber alle ohne Verteidiger erschienen. Vor Gericht legten sie Geständnisse ab. Das Opfer musste nicht aussagen. Eine der beiden Schlägerinnen aus dem Video erschien zwar gestern kurz als Zeugin, blieb aber straffrei: Sie ist erst 13 Jahre und damit strafunmündig.

In ihrem Urteil folgten die Richter weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Die Richter hoben dabei hervor, dass das Opfer durch die Verbreitung des Videos im Internet weiter beständig mit der Tat konfrontiert bleibt.

Die zweite Hauptangreiferin, zum Tatzeitpunkt bereits 14 Jahre, wurde wegen gemeinschaftlicher, gefährlicher sowie vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt. Sie erhielt eine Jugendstrafe von sechs Monaten, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem muss sie eine Woche in Jugendarrest und als Bewährungsauflage 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die gleiche Strafe erhielt eine 14-Jährige, die mit ihrem Handy draufgehalten hatte. Sie war außerdem in einem anderen Fall gewalttätig und zwei Mal beim Klauen erwischt worden. Auch bei einer 15-Jährigen werteten die Richter das Filmen als Beitrag zur Tat. Sie erhielt ebenfalls wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung 80 Arbeitsstunden. Die Mobiltelefone der beiden wurden eingezogen.

Eine weitere 14-Jährige, die in einem anderen Fall zuschlug und beim Prügel-Video in der Gruppe dabei war, muss für eine Woche in Jugendarrest und bekam eine Arbeitsauflage von 80 Stunden. Eine fünfte Angeklagte, ebenfalls 14 Jahre, bekam wegen Beihilfe 60 Stunden. Das Gericht stellte die Verfahren gegen einen 15-Jährigen und einen 16-Jährigen ein, die nur am Rande beteiligt waren, Sie müssen jeweils 30 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Keine Verfahren wegen Selbstjustiz-Aufrufen

Unklar ist bislang noch, wer das Video zuerst im Netz veröffentlicht hat. Die Ermittler warten noch immer auf Informationen der Seitenbetreiber, erklärte Polizeisprecherin Andrea Kopp. Sie bestätigte außerdem, dass es keine Verfahren gegen diejenigen gibt, die auf Facebook zur Selbstjustiz und zu Gewalt gegen die Angreiferinnen aufriefen. Direkt nachdem das Prügelvideo aufgetaucht war, hatten die Behörden angekündigt, wegen Bedrohung oder Störung des öffentlichen Friedens zu ermitteln. Dazu kam es offenbar überhaupt nicht: „Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, wir könnten da alle Einträge lesen“, sagte Kopp. Und die überprüften Einträge seien in ihren Formulierungen „zu uneindeutig“.

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04.03.2015, 12:00 Uhr
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