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Die Angst vor dem sozialen Aufstand

Proteste gegen ein Bauvorhaben erschüttern die nordspanische Stadt Burgos - Beginn größerer Unruhen?

Im spanischen Burgos brennen seit Tagen Müllcontainer und Bauwagen. Bewohner eines Arbeiterviertels wehren sich gegen den Umbau ihrer Hauptstraße. Acht Millionen Euro soll er kosten - mitten in der Krise

15.01.2014
  • MARTIN DAHMS

Bego·a Arribas lebt im achten Stock eines Wohnblocks in der Calle Vitoria, der vierspurigen Hauptstraße ihres Viertels Gamonal in der nordkastilischen Stadt Burgos. Von dort oben beobachtete die 63-Jährige seit dem vergangenen Freitag die Proteste von Anwohnern gegen die vor kurzem begonnenen Bauarbeiten, die aus der eher schlichten Calle Vitoria einen eleganten Boulevard machen sollen. Am Montagabend beschloss Arribas dann, sich ihren Nachbarn anzuschließen. Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm sie an einer Demonstration teil. "Ich war sehr zufrieden", berichtet sie in aufgeräumter Stimmung. "Endlich spreche ich aus, was ich empfinde."

Aus Burgos, einer 250 Kilometer nördlich von Madrid gelegenen Provinzhauptstadt, kommen gewöhnlich keine Nachrichten, die den Rest Spaniens bewegen. Die 180 000 Einwohner der Stadt stehen in dem Ruf, konservativ und eher brav zu sein. In Burgos steht Spaniens schönste Kathedrale, und in Burgos wird die beste Blutwurst gemacht, ansonsten ist es hier so kalt wie nirgends sonst im ganzen Land.

Ausgerechnet in dieser Stadt ist nun ein kleiner Aufstand ausgebrochen, der seit dem vergangenen Freitag täglich Schlagzeilen in ganz Spanien macht. "Sind die Feuer von Burgos ein erstes Aufschimmern der Revolution im schläfrigen Spanien?", fragt sich nicht nur ein Kolumnist der Madrider Tageszeitung "El Mundo".

Auf den ersten Blick geht es um keine große Sache. Die konservative Stadtverwaltung hat sich vorgenommen, die vier Fahrspuren der Calle Vitoria im Arbeiterviertel Gamonal auf zwei zu reduzieren und unter die Straße eine Tiefgarage zu bauen. Doch die Anwohner wollen von der Umgestaltung nichts wissen. Sie protestieren, weil der Bau der Calle Vitoria, in Zeiten extremer Sparmaßnahmen, acht Millionen Euro kosten soll.

Außerdem regt die Menschen auf, dass mit dem Umbau dutzende Gratisparkbuchten verschwinden würden - während die Stellplätze der neuen Tiefgarage gegen die einmalige Zahlung von knapp 20 000 Euro auf 40 Jahre vermietet werden sollen. "Es gibt wichtigere Dinge in Burgos", meint Bego·a Arribas. "Und hinter dem ganzen Projekt steckten doch nur die Interessen einiger Weniger."

Die Proteste begannnen am Freitag mit ein paar Hundert Demonstranten, doch jeden Tag schlossen sich ihnen mehr Menschen an. Die Bauarbeiten sind zwischenzeitlich eingestellt worden, "aus Sicherheitsgründen", sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Denn neben der Masse der friedlichen Demonstranten gibt es eine Gruppe hauptsächlich junger Männer, die jeden Abend Randale machen. Sie haben in den vergangenen Tagen rund hundert Müllcontainer und einen Bauwagen in Brand gesteckt, sie haben Bushaltestellen und Telefonzellen zertrümmert und mehrere Bankfilialen angegriffen. Es gab einige Verletzte, darunter Feuerwehrleute und Polizisten. Die Beamten gingen mit Schlagstöcken gegen junge Leute vor, die die Beamten mit Steinen beworfen und Feuer gelegt hatten. Bisher wurden 40 Menschen festgenommen, gegen zwei von ihnen erließ ein Richter am Montag Haftbefehl.

"Ich bin nicht sehr für Vandalismus", sagt Bego·a Arribas. "Aber sonst würden die Politiker ja gar nicht auf uns hören." So denken inzwischen viele Menschen in Gamonal. Doch im Moment sieht es nicht danach aus, als ließen sich die Politiker von den Protesten erweichen. Bürgermeister Javier Lacalle hat erklärt, die Bauarbeiten fortführen zu wollen. Und der Sicherheitsstaatssekretär der konservativen Regierung in Madrid versucht, die Spanier glauben zu machen, dass hinter den Protesten nur "Gruppen gewalttätiger Systemgegner" stünden.

Doch es scheint, als stecke viel mehr hinter dem Zorn der Anwohner. Spanien erlebt gerade sein sechstes Krisenjahr, und überall im Land erheben sich Proteste gegen eine Politik, die der Krise einfach nicht Herr wird. Fast immer sind diese Proteste bisher friedlich geblieben.

"Die scheinbare Ruhe, mit der die spanische Gesellschaft so viele Jahre der Krise, der Arbeitslosigkeit und der Korruption erträgt", schreibt der Analyst Gumersindo Lafuente, "kann sich in jedem Moment aus offenbar nichtigem Anlass in einer Explosion entladen." Ausgerechnet in Burgos ist es nun zum ersten Mal heiß geworden.

Proteste gegen ein Bauvorhaben erschüttern die nordspanische Stadt Burgos - Beginn größerer
Wütende Anwohner in Burgos protestieren gegen den neuen Boulevard. Foto: afp

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15.01.2014, 12:00 Uhr

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