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Engel der Geschichte im Steinlachtal

Profis und Laien probten für das Stück zum Generalstreik

„Ein Dorf im Widerstand“: Das Kultursommer-Stück des Theaters Lindenhof widmet sich dem Mössinger Generalstreik. Die Proben haben begonnen: Am Samstag trafen sich die Akteure in großer Zahl in der Pausa-Bogenhalle.

14.01.2013
  • Jürgen Jonas

Mössingen. Bis zur Uraufführung Mitte Mai müsse man sich „heftig recken und strecken“, sagte Regisseur Philipp Becker, als er weit über hundert Spieler und Musiker begrüßte – am Samstag im Saal der Pausa-Bogenhalle.

Die erste Probe: Schüler und Rentner in den Reihen, der Platz im Saal reichte gerade noch – und Regisseur Becker fand das „supertoll“ und beeindruckend. „Die Produktion ist ab jetzt gestartet“, verkündete er, mit Stolz und Erleichterung darüber, dass das Ziel geschafft sei, über 100 Spieler und ein Orchester zusammenzubringen. Eine „Konzeptionsprobe“ nenne man es am Theater, sagte er den Laien, wenn das Ensemble mit Regisseur, Bühnenbildner und Autor („wenn er denn noch lebt“) zusammentreffe, um das gemeinsame Vorhaben zu erörtern.

Franz Xaver Ott ist nicht nur Dramaturg, sondern auch Autor. Wann habe man, fragte Ott, als Theatermacher schon einmal die Chance, ein derartig „heiß diskutiertes Thema“ ganz aktuell darzustellen und umzusetzen? Zur Recherche hat er viel gelesen, die Verhörprotokolle und was die Aktivisten später aufschrieben. Er sprach auch mit vielen Leuten, so mit Museumsleiter Hermann Berner oder Bernd-Jürgen Warneken, den Herausgebern der Neuauflage des Buches „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“. Das Manuskript wurde am Samstag ausgeteilt, mit ausdrücklichem Verweis aufs Copyright. Ott versuchte, den aktuellen Diskussionen gerecht zu werden, auch über die „Chöre“, die natürlich nicht als Sänger agieren, sondern wie Berichterstatter in griechischen Theaterstücken.

Unterwegs werden Details geändert

Einige der Figuren sind angelehnt an historische Personen: Es gibt einen Kommissar Bauer, „der geschickt wird, um in diesem Geflecht zu bohren“, als Ermittler von außerhalb. Ein „Engel der Geschichte“ hilft, den Gang voranzutreiben. Sicher werde es unterwegs nötig, Details zu ändern, meinte Ott. Er als Dramaturg hoffe auf eine „schöne Probenatmosphäre“.

Ob durch das Stück vermittelt werde, dass die Aktion der Mössinger Linken auch eine Bedeutung für die heutige Zeit habe könne, wurde gefragt. Ott sagte, Sinn und Notwendigkeit von Widerstandshandlungen sollen reflektiert werden: Arabischer Frühling, Streikbewegungen in Griechenland oder Spanien, Occupy oder Stuttgart 21 kämen nicht vor, seien aber gegenwärtig. Hier brachte sich wieder Philipp Becker mit seinem „Mantra“ ins Spiel, dass Theater nicht dann gegeben sei, wenn man sich dem historischen Stoff unterwirft – sondern dann, wenn man sich diesen Stoff aneignet. Gerade durch die Fabelhaftigkeit könnten Fragen aufgeworfen werden, die heute noch gestellt werden müssen.

Fürs Bühnenbild zeichnet Beni Küng verantwortlich, der schon den „Schutzbefohlenen“ ihren Ort gestaltet hat. Er will den Charakter des Raums hervorheben – dieser „wahnsinnigen Halle“, wo kein Scheinwerfer aufgehängt oder auch nur eingesteckt werden kann. Die Halle wird bei dieser Produktion längs bespielt werden. Das Bühnenbild arbeitet mit dem Raum, in dem sich immer weitere Räume auftun, an einem Modell wurde das augenfällig demonstriert.

Für die Choreographie, die sie als in Raum und Zeit organisierte Bewegung definiert, ist Christine Chu verantwortlich. Sie hat aus den Stichwörtern „Gleichschaltung durch die Nazis“ oder „Mensch und Maschine“ bei der Arbeit in den örtlichen Textilfabriken bereits zahlreiche Ideen entwickelt. Die Musik indes stammt von Johannes Hofmann, der derzeit am Hamburger Thalia-Theater mit einem zehnköpfigen Punk-Orchester eine „Don Giovanni“-Adaption probt. Hofmann freut sich allerdings, wie er ausrichten ließ, auf das etwas ruhigere Mössingen. Wie sich das Äußere der Spieler darstellen wird, ist noch nicht ganz klar. Claudia Rüll hat als Kostümbildnerin noch einige Arbeit vor sich. „Wir fangen jetzt an zu arbeiten,“ sagte Philipp Becker, der den Laien auch die Profi-Schauspieler des Lindenhofs vorstellte. Und ausdrücklich darauf hinwies: „Alle Ideen sind erwünscht!“ Auch weitere Mitspieler werden keineswegs abgewiesen.

Becker rief am Samstagnachmittag zu einer „kleinen Übung“ auf: In der Bogenhalle dirigierte er die Menge zusammen, ließ sie sich bewegen, eng beieinander wie in der Londoner Untergrundbahn, wobei sich gleich ein, so Becker, „supergeiles Wimmelbild“ ergab. Er hieß die Mitspieler sich in rascher Folge aufteilen: nach Geschlecht, in solche, die aus Mössingen stammen oder von woanders, in solche, die liiert sind oder Singles, und sogar nach der Haarfarbe. Zwischen solchen Chören wird gleichsam entschieden werden, wer die Deutungshoheit über das politische Ereignis bekommt. Die Journalistin Katharina Thoms und ein Kameramann werden übrigens die Proben begleiten und einen Dokumentarfilm über die Entstehung des Stücks erstellen.

Vier Monate Zeit zu proben

Einen eigenen Sieben-Minuten-Film zeigten die Lindenhöfler dann zum Abschluss – ein begleitendes Video, das auch bald im Internet zu sehen sein wird: Da steigt jemand auf den Pausa-Kamin, lässt ein rotes Transparent sich entrollen, die wölfische Stimme des Führers spottet über die, die nun, nachdem er Reichskanzler ward, nichts mehr zu lachen haben sollten. Prager stellen sich sowjetischen Panzern in den Weg, Rudi Dutschke spricht, Menschen reihen sich zu langen Friedensketten, man sieht Wasserwerfer im Stuttgarter Schlosspark und riesige Plätze voller Menschen, die sich wehren. Wechsel ins Lokale: Ein Herr, befrackt und belackschuht, schreitet über den Betonboden der Bogenhalle, einen Taktstock in der Hand. Es ist Dietrich Schöller-Manno, der mit seinem Orchester, das auf einer fahrbaren Bühne Platz nehmen wird, an der Hoffmannschen Musik arbeitet.

Jetzt wird sich die Probenarbeit entfalten und gestalten – bis zur Generalprobe am 9. Mai.

Profis und Laien probten für das Stück zum Generalstreik
Erstes Abtasten, erste Lockerungs-Übungen: Der Mössinger Schauspiel-Nachwuchs läuft bei der ersten Probe des Generalstreik-Stücks durch die riesige Pausa-Tonnenhalle.

„Ein Dorf im Widerstand“ heißt das „konzertierte Spiel“, mit dem das Melchinger Theater Lindenhof den Mössinger Generalstreik in diesem Jahr auf die Bühne bringen wird. Die Uraufführung ist für den 11. Mai angesetzt, die Generalprobe zwei Tage früher. Näheres unter www.theater-lindenhof.de. Bei Mitmach-Interesse bitte Kontaktdaten an kultursommer-2013@theater-lindenhof.de.

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14.01.2013, 12:00 Uhr
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