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Die Nachbarn nähern sich an

Perspektiven einer Kooperation zwischen TSG und SV 03 Tübingen

Die Idee ist nicht neu: Bereits um die Jahrtausendwende kooperierten die Fußball-Abteilungen des SV 03 und der TSG Tübingen in der Jugend. Nun könnte eine dauerhafte Kooperation entstehen. Inwiefern würden die Vereine von einer Zusammenarbeit profitieren? Und: Wie ist die Stimmungslage innerhalb der Klubs?

21.12.2013
  • Ibrahim Naber

Tübingen. Man kennt sich gut. Die beiden Fußball-Abteilungsleiter Michael Welz (TSG Tübingen) und Ralf Böll (SV 03 Tübingen) haben früher zusammen in der Schulmannschaft gekickt. Die beiden Führungsspieler der ersten Mannschaft, Oliver Lapaczinski (TSG) und Patrick Ohlbrock (SV 03), haben über Jahre nebeneinander gewohnt. Lapaczinski sagt: „Der Konkurrenzgedanke zwischen den Vereinen ist längst nicht mehr so krass.“ Ohlbrock erinnert sich: „Schon als wir Kinder waren, haben unsere Väter über eine mögliche Kooperation zwischen dem SV und der TSG diskutiert. Als wir älter wurden, haben wir dann selbst geflachst, dass wir das mal realisieren wollen.“

Perspektiven einer Kooperation zwischen TSG und SV 03 Tübingen

Fest steht: Die Idee einer Kooperation der Fußballabteilungen von Tübingens größten Sportvereinen ist ein Dauer-Thema dieser Stadt. Auch im Jahr 2013 scheint das Thema Leute zu bewegen. Welz berichtet von lebhaften Diskussionen auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt. Nicht nur Ohlbrock und Lapaczinski sagten, dass sie in den letzten Wochen von vielen Leuten darauf angesprochen wurden. Das TAGBLATT analysiert die Möglichkeiten und Probleme einer Kooperation und wagt einen Ausblick:

Der Konsens: Bei beiden Verein herrscht Einigkeit darüber, dass eine Kooperation im Jugendbereich auf lange Sicht Sinn macht - und irgendwann wohl unausweichlich ist. Schon jetzt fehlen vielen Vereine der Region Kinder und Jugendliche, um ihre Jugendmannschaften zu füllen. Im Zuge des demografischen Wandels wird sich dieses Problem in den nächsten Jahren weiter vergrößern.

Schon jetzt gestaltet sich die Personalsuche bei beiden Vereine schwierig. SV 03-Abteilungsleiter Böll sagt: „Es engagieren sich leider immer weniger Menschen ehrenamtlich in Vereinen. Das bekommen auch wir zu spüren.“ Auch die TSG habe laut Welz zum Teil große Probleme, genügend Jugendtrainer zu stellen. Einer dieser TSG-Jugendtrainer ist Oliver Lapaczinski. Der Mittelfeldmotor der ersten Mannschaft kritisiert, dass es in Tübingen keine Hauptadresse für den Fußball gibt: „Die besten Spieler Tübingens verteilen sich derzeit auf viele Vereine. Was fehlt ist eine klare Nummer eins mit großen Ambitionen. Eine Kooperation könnte beide Vereine im Fußball voranbringen.“ Für Patrick Ohlbrock steht außer Frage: „In einer Stadt wie Tübingen mit 30 000 jungen Leuten könnte man ein richtig gutes Fußballteam formen. Dass einige der besten Tübinger Kicker in Nehren oder Metzingen spielen, ist für mich ein Armutszeugnis. Momentan krebsen alle vor sich hin“.

Die Vorteile einer Kooperation: Sowohl TSG als auch SV 03 könnten von einer Kooperation profitieren.

Gemeinsamer Spieler- und Trainerpool: Als die TSG und der SV 03 vor knapp zehn Jahren im Jugendbereich kooperierten, spielte die gemeinsame Auswahl in der A-Jugend-Oberliga. Durch eine Kooperation würde man die größten Talente und Trainer unter einem Dach vereinen und könnte sportlich wieder größere Ziele in Angriff nehmen.

Gemeinsame Sportanlage: „Durch eine Kooperation hätten wir vier gemeinsame Sportplätze. Das wäre sicher ein großes Plus“, sagt Welz. Gerade die TSG hat aufgrund ihrer zahlreichen Jugendmannschaften zunehmend Platzprobleme. Lapaczinski musste mit seiner C-Jugend in den letzten Wochen auf einem Viertel des Kunstrasens trainieren. „Beide Vereine zusammen hätten hervorragende Trainingsbedingungen“, sagt Lapaczinski.

Gemeinsame Verwaltung: Einen Fußballverein zu verwalten, kostet Kraft und einiges an Geld. Durch eine zentrale Verwaltung könnten Kosten gesenkt und der Arbeitsaufwand verkleinert werden.

Probleme (I): Die beiden Vereine befinden sich derzeit in unterschiedlichen Situationen. Während sich die TSG zu einem der führenden Ausbildungsvereine in der Region entwickelt hat und in fast jeder Jugend mehrere Mannschaften stellt, ist die Lage bei der Jugend des SV 03 angespannt. Der Verein kann aus Personalmangel aktuell weder eine B- noch eine A-Jugend stellen. „Ich sehe gerade keinen großen Bedarf bei uns. Wir haben 15, 16 Jugendmannschaften. Bei uns‘s läuft‘s gerade ganz gut“, sagt Welz, der aber dennoch sicher ist: „In der Zukunft wird das auch ein Thema bei uns!“

Auch Ohlbrock vermutet, dass eine Kooperation wohl erst in ein paar Jahren Realität werden kann: „Ich habe mich ein bisschen umgehört bei der TSG. Die halten sich bedeckt, sehen aktuell nicht so den Bedarf einer Zusammenarbeit.“

Einfach gesagt: Die TSG sieht für sich derzeit wenig Beweggründe und Vorteile einer Kooperation. SV 03-Abteilungsleiter Böll hält nichts von solchen Kosten-Nutzen-Rechnungen. Er sagt: „Wenn wir diese Diskussionen führen, klappt es nicht. Es geht hier um eine Entscheidung für die Zukunft. Wir müssen alle unsere Egos zurückstellen.“

Probleme (II): Wer ist bereit, Zeit und Energie zu investieren? Solch eine Kooperation lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Lange Gesprächsstunden innerhalb und zwischen den Vereinen stünden den Beteiligten bevor. Lapaczinski sagt: „Das ist ein riesiger Aufwand. Man muss schauen, wer bereit ist, da Zeit reinzustecken.“ Sein Ex-Nachbar Ohlbrock würde laut eigener Aussage sogar „auf Promo-Tour“ gehen: „Wir müsstn uns jetzt alle erstmal zusammensetzen und schauen, was für Vorstellungen wir beide haben.

Ausblick: Auf lange Sicht scheint eine Kooperation zwischen dem SV 03 Tübingen und der TSG Tübingen durchaus möglich zu sein. Für Lapaczinski steht fest: „Wenn wir langfristig wachsen und uns ausweiten wollen, brauchen wir eine Kooperation.“ Kurzfristig scheitert eine Kooperation wohl aber am Widerstand der TSG, die im Jugendbereich derzeit vergleichsweise ausgezeichnet dasteht.

Grundsätzlich würde eine Kooperation Sinn machen. Die Nachbarvereine könnten von einer Zusammenarbeit wechselseitig profitieren. Der SV 03 kann vor allem mit seiner Sportanlage punkten. Die TSG kann auf einen immensen Spielerpool zurückgreifen. Beide Vereine zusammen hätten durchaus die Chance, sich zu einer klaren Nummer eins in Tübingen zu entwickeln, wie sie Ohlbrock und Lapaczinski sich wünschen. „Wenn jeder vor sich hindümpelt, können wir nichts Großes aufbauen“, sagt Böll.

Im Aktiven-Bereich sind Spielgemeinschaften nur auf Bezirksebene möglich. Sprich: Die TSG könnte bei einer Kooperation mit dem SV 03 Tübingen nicht weiter in der Landesliga spielen, müsste zwangsläufig absteigen. „Das wäre eine Katastrophe für uns“, sagt Oliver Lapaczinski. Wie es ohne Zwangsabstieg gehen kann, haben die Young Boys Reutlingen bei ihrer Fusion mit der TSG Reutlingen gezeigt. Im Juni löste die TSG Reutlingen ihre aktive Männermannschaft auf und gliederte sich bei den Young Boys ein. Nach der Namensänderung (aus SV Young Boys wurde TSG Young Boys) konnte der Bezirksligameister 2013 in der Landesliga starten.

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21.12.2013, 12:00 Uhr
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