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Kathedrale des Verkehrs

Paul Bonatz und der Stuttgarter Hauptbahnhof im Architekturmuseum

Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main widmet Paul Bonatz eine Ausstellung. Ein großes Thema: der Stuttgarter Hauptbahnhof.

22.01.2011
  • JÜRGEN KANOLD

Frankfurt Wer sich diese Ausstellung über Paul Bonatz im sanierten, jetzt wiedereröffneten Deutschen Architekturmuseum am Frankfurter Schaumainkai umfassend erschließen will, der muss mit dem Zug anreisen, von Süden her: ein- oder umsteigen im Stuttgarter Hauptbahnhof. Auf der Rückfahrt sieht man dieses 1914 begonnene und 1928 fertig gestellte Monumentalwerk des Architekten Bonatz (1877-1956), der zwischen Neckar und Bosporus lebte und baute, mit anderen Augen. Den Nordflügel allerdings sieht man gar nicht mehr - der wurde für Stuttgart 21 bereits abgerissen.

Bonatz? Im Streit um das Bahnprojekt ist zuletzt mehr über gefällte Bäume, Polizeieinsätze und Stresstests debattiert worden als über den existierenden Hauptbahnhof, der in der Weimarer Zeit als eine der letzten "Kathedralen des Verkehrs" eröffnet wurde und der neben der Weißenhofsiedlung die Stadt Stuttgart in die architektonische Moderne katapultierte. Vielleicht ist aber auch der "Umbilicus Sueviae" (der Nabel Schwabens), so nannte Bonatz seinen Hauptbahnhof, in der Ausgestaltung und kulturellen Bedeutung von Planern und Bürgern lange nicht angemessen wahrgenommen worden.

Ein Sachverhalt, der allerdings nichts darüber aussagt, ob und wie die Bahn diesen Hauptbahnhof verkehrstechnisch verändern soll, darf, muss. Gerade das Deutsche Architekturmuseum, Schauplatz dieser Schau über Paul Bonatz, ist nämlich ein "Haus im Haus", das Oswald Mathias Ungers von 1979 bis 1984 kunstvoll in eine neoklassizistische Villa hineinbaute.

Nein, sagt Kurator Wolfgang Voigt: dass die Bonatz-Ausstellung ausgerechnet jetzt, gewissermaßen im "Auge des Hurrikans" von Stuttgart 21, stattfinde, sei Zufall. Und man wolle sich auch aus dem aktuellen Konflikt heraushalten, damit das Gesamtwerk Bonatz beachtet werde. Tatsächlich zählt Bonatz, der ein Schüler, Assistent und Mitarbeiter Theodor Fischers war, zu den einflussreichen deutschen Architekten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nach seinen Plänen entstanden nicht nur der Stuttgarter Hauptbahnhof und der Zeppelinbau gegenüber, sondern auch die Stadthalle Hannover, das Kunstmuseum Basel und das Anwesen Ferdinand Porsches, in dessen Garage der Automobilkonstrukteur den KdF-Volkswagen entwickelte. Der im Elsass aufgewachsene Bonatz baute großstädtisch bis monumental auch in der Landschaft, gemeinsam mit Ingenieuren: die Staustufen am Neckar und vor allem auch zahlreiche Brücken für Hitlers Reichsautobahnen. Als "Pontifex maximus" bezeichnete er sich, als obersten Brückenbauer. Der Mann war vielbeschäftigt, auch als Lehrer. Bonatz war schon mit 31 Jahren Professor an der TH Stuttgart, seine "Stuttgarter Schule" hatte großen Einfluss. Bonatz genoss internationales Ansehen, reiste weit. Stilsicher einzuordnen ist er nur bedingt: Abkehr vom Historismus, moderate Moderne, Hang zum Klassizismus. Bonatz war liberal-kosmopolitisch, er war 1918 in den Revolutionstagen Arbeiterrat und später kein Nationalsozialist, befand sich im Visier der Gestapo.

Aber seine Neigung zur Monumentalität empfahl ihn den Nazis, obwohl er nicht germanisch protzte. Doch vom großen Kuchen wollte Bonatz etwas abhaben, er war dabei: "Wir Architekten wollen und müssen arbeiten", redete er sich später heraus. "Ein problematischer Ehrgeiz", sagt Wolfgang Voigt. 1944 aber ging Bonatz dann ins Exil, in die Türkei, und kehrte erst 1954 nach Stuttgart zurück. Der Aufenthalt hatte Folgen: zum Beispiel das Opernhaus in Ankara.

Orientalische Einflüsse zeigt schon Bonatz Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Ausstellung dokumentiert mit Skizzen, Modellen, Fotos spannende Spuren. So verarbeitete Bonatz nach einer Kairo-Reise 1913 Formen der Sultan-Hassan-Moschee für den Stuttgarter Entwurf.

Mit seinem kubischen Uhrturm und der riesigen Querhalle, mit seinen pathosvollen Schalterhallen und den Rundbogenportalen aber sieht der Hauptbahnhof dann doch (noch) aus wie ein christliches Gotteshaus. Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg beschrieb den Verkehrsknotenpunkt in den 20er Jahren als "Tempel eines unbekannten Kultus", in dem "die Liturgie vom Fahrplan bestimmt werde". Architekt Dominikus Böhm, der oft mit der Eisenbahn unterwegs war, ließ sich vom sakralen Hauptbahnhof zu seinen Kirchenbauten inspirieren.

Und heute: Auch wenn über Stuttgart 21 mit heiligem Zorn gestritten wird, der Blick auf Bonatz Hauptbahnhof scheint eher profan.

Paul Bonatz und der Stuttgarter Hauptbahnhof im Architekturmuseum
Eine monumentale Kirche? Der von Paul Bonatz entworfene Stuttgarter Hauptbahnhof um 1930. Foto: Katalog

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22.01.2011, 12:00 Uhr
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