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Laufen gegen die verächtlichen Blicke

Palästinenserin muss für ihren Olympia-Start Widerstände überwinden

Fünf Sportler vertreten die Palästinensergebiete bei den Olympischen Spielen, darunter zwei Frauen. Die Läuferin Woroud Sawalha schildert, unter welchen Bedingungen sie sich vorbereitet hat.

31.07.2012
  • ULRIKE SCHLEICHER

Die blaue Sporttasche enthält ein Handtuch, Duschutensilien, einen Schal und - angesichts des Londoner Wetters - eine rote Regenjacke: Nach feierlichen Reden und traditioneller Dudelsackmusik auf einem Empfang überreicht Jibril Mahmoud, Präsident des Olympischen Komitees für Palästina, jedem der fünf Teilnehmer der Olympischen Spiele diese Ausrüstung. Dann wird das Buffet eröffnet.

Auch die 20-jährige Woroud Sawalha aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Nablus bekam eine Tasche. Dank einer Wildcard vom IOC, wird die Leichtathletin am Mittwoch in einer Woche im Londoner Olympiastadion an einem Rennen über 800 Meter teilnehmen - und vermutlich als letzte ins Ziel kommen. Denn ihre 800-Meter-Bestzeit ist mit 2:54 alles andere als konkurrenzfähig. Doch mehr als ihren Rekord brechen, will die zierliche Studentin nicht: "Für mich ist wichtiger, dass die Menschen in der Welt sehen, dass Palästina existiert und dass wir normale Menschen mit normalen Hobbys sind."

Als normal kann man die Verhältnisse, unter denen Woroud ihren Sport ausübt, nicht bezeichnen. Mangels Aschen- oder gar Kunststofflaufbahn in den besetzten Gebieten, trainiert die Sportstudentin auf den Straßen in ihrem Dorf Assira Schamalije. Wie Schlangen winden sie sich die Hügel hinauf, links und rechts umrahmt von Olivenhainen. Und selbst dieser bescheidenen Trainingsstrecke sind Grenzen gesetzt. Auf den Kuppen der Hügel befinden sich Häuser radikaler israelischer Siedler, davor schon verhindern Kontrollstationen der israelischen Armee ein Weiterkommen.

Trainingscamps im Ausland kamen für Woroud nicht infrage. "Wir haben das Geld nicht dafür, es gibt keine Sponsoren." Und selbst wenn, so wäre nicht gesagt, dass die Israelis sie aus- und wieder einreisen lassen. Unvorhersehbar können solche Hindernisse sein.

Im Dorf selbst und auch an ihrer Universität An Najah in Nablus erlebt die 20-Jährige andere Grenzen. Sie finden in den Köpfen statt. Einerseits wegen der besonderen politischen Situation durch die israelischen Besatzer. So seien viele ihrer Landsleute der Meinung, "dass es bei uns Wichtigeres als Sport gibt", sagt sie. Menschen säßen in israelischen Gefängnissen, Häuser würden zerstört, viele Familien hätten Tote zu beklagen.

Andererseits ist Sport für Frauen in der männerorientierten Welt des Islam nicht vorgesehen. Während Jungen bereits im Kindergartenalter auf den Straßen Fußball spielen, dann in der Schule am Sportunterricht teilnehmen und später an den Universitäten ihren sportlichen Vorlieben frönen, sind Mädchen und Frauen zum Zuschauen verdammt. "Es gibt überhaupt gar keine Möglichkeit für uns, Sport zu treiben", sagt Woroud. Schuld an dem fehlenden Bewusstsein sind nicht nur die Männer. "Auch die meisten Frauen lehnen Sport ab. Oft genug ernte ich verächtliche Blicke."

Die Studentin ist gläubige Muslimin, gerade deshalb treibt sie Sport. Ihr Rennen wird sie in langen Hosen und dem schwarzen Hidschab (Kopftuch) - in diesem Fall mit Klettverschluss - absolvieren. "Im Koran ist zu lesen, dass man seinen Körper Allah zu Ehren ertüchtigen soll - Männer und Frauen." Das sehen viele ihrer Freunde an der Hochschule nicht so. Sie verschwende ihre Zeit, heißt es. Alternative: Sie solle sich besser auf ihr Studium konzentrieren.

Ermutigt wird die junge Frau nur selten. "Ein paar Professoren an der Uni haben sich dafür eingesetzt, dass ich hin und wieder Hilfe von einem Sportlehrer bekomme."

Die meiste Rückendeckung erhält sie hingegen von zu Hause. Ihre Eltern, die Olivenhaine bewirtschaften, hätten sie und ihre sieben Geschwister stets dazu ermutigt, Sport zu treiben. "Mein Vater bringt mir Milch und Fleisch, wenn ich laufe." Und sie hatte Gelegenheit, drei Monate lang im Emirat Katar zu trainieren. Einen Coach und Konkurrentinnen hatte sie dort auch nicht, aber sie lief auf einer Aschenbahn.

Außer Woroud Sawalha, ist Schwimmerin Sabine Hazboun (50 Meter Freistil) für Palästina am Start. Die 18-jährige Christin kommt aus Bethlehem. Erstmals ist es gelungen, dass bei Olympischen Spielen Frauen aus allen 205 Teilnehmerstaaten dabei sind. Neben Katar und Brunei, hat das Königreich Saudi Arabien zwei Frauen zur Teilnahme zugelassen. Dies geschah allerdings nur unter Druck des IOC und der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Palästinenserin muss für ihren Olympia-Start Widerstände überwinden
Woroud Sawalha startet mit Kopftuch und in langen Hosen. Foto: Getty

Palästinenserin muss für ihren Olympia-Start Widerstände überwinden

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31.07.2012, 12:00 Uhr
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