Streik: Aufgeschoben statt aufgehoben

Obwohl der Warnstreik am Uniklinikum ausgefallen ist, zeigt sich Verdi weiterhin kämpferisch

Von Michael Frammelsberger und Sarah Zimmermann

Gute Pflege ist kein Verbrechen“, „Personalnot tötet“, „Schafft mehr Personal herbei.“ Die Rufe und Transparente der rund 100 demonstrierenden Pflegekräfte des Uniklinikums auf ihrem Marsch von den Kliniken Berg zum Holzmarkt zeigten am Mittwoch eine ziemliche Unzufriedenheit.

Obwohl der Warnstreik am Uniklinikum ausgefallen ist, zeigt sich Verdi weiterhin kämpferisch

Rund 100 Pflegekräfte demonstrierten am Mittwochmittag auf dem Holzmarkt für mehr Personal auf den Stationen. Bild: Metz

Dass die Arbeitgeber versucht hatten, den eigentlich für Mittwoch und Donnerstag angesetzten Streik per einstweiliger Verfügung zu verhindern, sorgte besonders für Unmut. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Aktion deshalb kurzfristig abgesagt, bevor das zuständige Arbeitsgericht Reutlingen eine Entscheidung traf. „Das Risiko, dass das Gericht den laufenden Streik für illegal erklärt, war uns zu hoch“, sagte Personalratsvorsitzende Angela Hauser.

Trotzdem zeigte sich die Vertreterin der Pflegekräfte weiterhin kämpferisch. Man werde wohl erneut mit den Arbeitgebern reden, die seien aber nicht gesprächsbereit, so Hauser. „Wenn eine Krankenschwester nachts alleine 48 Patienten versorgen muss, dann brauche ich keine Bewertung, sondern mehr Personal“, betonte sie. Der Klinikvorstand ist hingegen der Meinung, dass die Situation in den einzelnen Stationen erst analysiert werden müsse und starre Personalschlüssel unzweckmäßig seien.

Fremdes Wesen Pflegekraft

Besonders wütend waren die Redner bei der Kundgebung am Holzmarkt über den Vorwurf der Arbeitgeber, dass der Streik bundespolitisch motiviert sei und die Gewerkschaft ihren Mitgliedern das Personalproblem nur einrede. „Das ist nur Profilierung einzelner Verdi-Mitglieder“, hatte die Kaufmännische Direktorin des UKT , Gabriele Sonntag, am Montag die Streitpläne. Für die Vorstände seien die Pflegekräfte fremde Wesen, sie hätten längst keine Ahnung mehr, was auf den Stationen täglich abgehe, sagte dazu Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross.

Bei der Kundgebung berichteten mehrere Pflegekräfte aus ihrem Alltag. Seine Abteilung habe es noch gut, da es viele Spenden für krebskranke Kinder gebe, berichtete ein Pfleger aus der Kinderonkologie. Es sei „für ein reiches Land wie Deutschland ein Unding“, dass nur wegen solcher Zuwendungen ausreichend Pflegepersonal vorhanden sei.

Unzufrieden zeigten sich die Demonstranten auch mit den Arbeitsbedingungen. „Während die Arbeitgeber eine Auszeichnung bekommen, bekommen wir graue Haare, Bluthochdruck und Rückenschmerzen“, schimpfte eine Pflegerin aus der Frauenklinik. „Der Arbeitgeber tritt unsere Gesundheit mit Füssen“, sagte auch Hauser. Zum Beispiel hätten 76 Prozent der Mitarbeiter keine Zeit, während der Arbeit eine Pause zu machen.

Der Personalmangel betrifft auch die Azubis. „Wir wollen unsere Zukunft retten“, so die 23-jährige Vanessa Demmler am Rande der Demo. Es sei schon oft vorgekommen, dass sie bis 23 Uhr in der Klinik arbeiten musste, obwohl ihre nächste Schicht wieder um sechs Uhr morgens beginnt. „Die Überstunden werden nur manchmal mit einem Freizeitausgleich verrechnet.“ Oft müssten die Azubis die Körperpflege der Patienten komplett übernehmen, obwohl sie während der Ausbildung in der Klinik unter Anleitung arbeiten sollten, sagt Linda Kasperkoviak. Die 21-Jährige mag ihren Job, hat aber wegen des Personalmangels Angst vor der Zukunft.


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08.11.2017 - 19:14 Uhr