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Oberbürgermeister Boris Palmer mit Rollstuhl unterwegs in der Tübinger Altstadt unterwegs.

© Video: Kolb 02:51 min

Seitliche Neigung macht zu schaffen

OB Boris Palmer testete im Rollstuhl das Altstadt-Pflaster

21.07.2016
  • Renate Angstmann-Koch
OB Boris Palmer testete im Rollstuhl das Altstadt-Pflaster Alexander Breitung unterstützte Boris Palmer dabei, mit dem Rollstuhl unterschiedliche Straßenbeläge und Steigungen in der Altstadt auszuprobieren. Der Vorsitzende des RSKV, der auch schon mit vielen BG-Patienten trainierte, behielt aber vorsichtshalber die Hand stets am Griff. Bild: Metz

Es kostet ziemlich viel Kraft, die Räder des Rollstuhls mit beiden Händen die Neue Straße hinauf zu bewegen – selbst für Boris Palmer, als Radfahrer gut durchtrainiert. Schon einen anderen zu schieben, ist eine Last. „Anstrengend“, räumt Palmer ein. „Ein Leben mit Behinderung ist grundsätzlich anstrengend“, sagt Ludwig Schmitz-Salue, der nicht nur zu Testzwecken, sondern täglich Rollstuhl fährt.

Ginge es nach ihm, käme als Straßenbelag nur Asphalt in Frage. Doch der Oberbürgermeister sieht das anders – auch nach seiner Exkursion am frühen Dienstagabend unter Anleitung Alexander Breitungs, des Vorsitzenden des Tübinger Rollstuhlsport- und Kulturvereins RSKV. Begleitet von annähernd zwanzig Experten in eigener Sache – sie kamen vom RSKV und vom Forum Inklusion – erkundete Palmer die Altstadt.

Anstrengend sei, mit dem Rollstuhl die Steigung zu überwinden – ob auf glattem oder rauem Belag, beschäftige ihn hingegen weniger, sagt Palmer. „Es gibt Beläge, die sind deutlich einfacher zu fahren“, widerspricht ihm Schmitz-Salue. Die unterschiedlichen Erfahrungen bleiben so nebeneinander stehen.

Das historische Kopfsteinpflaster mit glatt abgefräster Oberfläche wie am Zugang zum Rathaus, große oder kleine Quader, Beton oder Naturstein, breite oder schmale Fugen, in Bögen oder in Reihen verlegt, lose auf Sand oder fest einzementiert, mit einer mittleren oder zwei seitlichen Rinnen in der Straße: Seit die Stadt Tübingen ihre Altstadtgassen saniert, wurde schon vieles ausprobiert. Die Beläge sollen ästhetischen Ansprüchen genügen, aber Menschen im Rollstuhl, mit Rollator, Krücken oder Prothesen nicht zu stark behindern.

„Je größer die Steine, desto größer die Rillen“, fasst eine Rollstuhlfahrerin das Problem zusammen. „Keine Frage, glattere Pflastersteine sind eine deutliche Verbesserung, das merkt man sofort“, räumt Palmer gleich nach seinen ersten Versuchen vor dem Rathaus ein.

Anlass für das Treffen und den Rundgang, das bei den Beteiligten gut ankam, war die Auseinandersetzung um den künftigen Belag der Neckargasse. Stadt und Gemeinderat lehnten einen glatten Streifen im Pflaster, wie ihn die Betroffenenverbände fordern, wegen Rutschgefahr ab. Es gab Leserbriefe. „Das, was wir über das SCHWÄBISCHE TAGBLATT ausgetauscht haben, wollen wir jetzt gemeinsam besprechen und ausprobieren“, sagte der OB umringt von Rollstuhlfahrern am Treffpunkt vor dem Rathaus. Bis vor drei Monaten habe er angenommen, die Art der Straßensanierung nach dem städtischen „Generalpflasterplan“ – zuerst in der Marktgasse, inzwischen auch in der Hafengasse oder Neuen Straße und jüngst in der Haaggasse praktiziert – sei in Ordnung.

Die Neckargasse, thematisierte Palmer den Konflikt, sei doppelt so steil wie für Rampen noch zulässig. „Sie kann nicht im eigentlichen Sinn barrierefrei werden“, schilderte er das Problem. Sie sei aus seiner Sicht nur mit dem Elektrorollstuhl befahrbar – doch das löste vielstimmigen Protest aus, zumal es genug Rollstuhlfahrer gibt, die mit der Steigung zurecht kommen. Überdies wollten auch sie die Schaufenster anschauen. Von vornherein davon auszugehen, dass ein Rollstuhlfahrer den Umweg über die Mühlstraße in Kauf nehmen müsse und nicht die Neckargasse durchqueren könne, widerspreche der von der Stadt unterzeichneten Barcelona-Erklärung, sagte Breitung.

Dennoch: Der Nachteil eines glatten Streifens, nämlich die Rutschgefahr, sei höher einzuschätzen „als ein minimal geringerer Rollwiderstand“ – darauf beharrte der OB. In der Debatte sei eine „unnötige Schärfe“ entstanden. Vielleicht sei eine andere Verlegeart ein Kompromiss.

Der Psychologe Alexander Breitung, selbst Prothesenträger, trainiert seit Jahrzehnten mit Patienten der BG, im Alltag zurecht zu kommen. Nach seiner Erfahrung ist es ein großer Unterschied, ob man mit dem Rollstuhl auf einem glatten oder gröberen Belag unterwegs ist – nicht nur für Querschnittsgelähmte und selbst mit Elektroantrieb. So lösten Erschütterungen etwa bei Spastikern sofort Krämpfe aus.

„Probieren Sie auch mal extreme Rinnen aus“, bat er Palmer, ehe er ihm zeigte, wie er sich am besten im Rollstuhl zurechtsetzt. „Wir sollten auch die Menschen mit Rollator und diejenigen, die Rollstühle schieben, nicht aus den Augen verlieren“, forderte Gotthilf Lorch, Stadtrat der Linken.

„Der Wechsel von großem Pflaster auf kleines war eine Erleichterung. Und beim Bergabfahren war parallel verlegtes, glatteres wesentlich angenehmer. Doch bergauf dominierte für mich die Steigung“, berichtete Palmer, nachdem er die Hirschgasse hinunter und wieder hinauf gefahren war.

Weiter ging es durch die Hafengasse. Bei jedem Halt streckte Palmer seine langen Beine aus und stellte sie auf den Boden. Breitung ermahnte ihn jedes Mal, die Füße wieder hochzustellen, ehe die Tour weiterging. In der Neuen Straße schilderte er ein Problem, das dem Mathematiker Palmer unmittelbar einleuchtete: Zur Entwässerung weist sie nicht nur eine Steigung, sondern auch eine seitliche Neigung und eine Wölbung zur den Rinnen hin auf. Im unteren Abschnitt zum Nonnenhaus sind sie besonders stark ausgeprägt – kein Vergleich zu den geraden Gehwegen, die es vor der Sanierung gab. Im Rollstuhl macht es große Mühe, dennoch geradeaus zu fahren, da beide Räder mit unterschiedlicher Kraft bewegt werden müssen.

Ähnliche Probleme gibt es auf dem Gehweg in der Wilhelm- oder Rümelinstraße, berichtete eine Rollstuhlfahrerin. „Das sehe ich sofort ein. Ob man das verbessern kann, muss man die Techniker fragen“, sagte Palmer, der bei dem Rundgang erstmals von diesem Problem hörte.

Für die Neckargasse bahnt sich eine Lösung an: Gespräche mit der Bauverwaltung ergaben, dass man drei oder vier Pflasterreihen statt in runden Bögen parallel zur Mittelrinne verlegen könnte, berichtete Norbert Jacobi, der zweite Vorsitzende des RSKV. „Das könnte gar nicht so schlecht sein.“

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21.07.2016, 01:00 Uhr
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