Diskussion um Verkauf der Wielandshöhe

Nur Tee und Kekse für die Demonstranten

Von Philipp Koebnik

Über 40 Tübinger forderten von der Schwesternschaft in Herrenberg, das im Oktober besetzte Haus einem sozialen Zweck zuzuführen. Boris Palmer erinnerte an die „historische Verantwortung“.

Nur Tee und Kekse für die Demonstranten

Für 2,8 Millionen hätte Maria den Stall nicht genommen“, stand auf einer kleinen Krippe, die Aktivisten aus Pappe und Papier gebastelt hatten. Nicht nur mit diesem Mitbringsel, passend zur Weihnachtszeit, brachten die über 40 Demonstranten am Dienstag ihren Protest zum Ausdruck gegen den aus ihrer Sicht überteuerten Verkaufspreis der „Wielandshöhe“. Das Haus in der Stauffenbergstraße war Ende Oktober vorübergehend besetzt worden. Die Aktivisten kritisierten nicht nur die hohen Mieten und den Wohnraummangel in Tübingen im Allgemeinen. Sie forderten von der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal, der das 1902 erbaute Haus gehört, die „Wielandshöhe“ zu einem fairen Festpreis zu verkaufen, sodass auch soziale Initiativen eine Chance haben. Stein des Anstoßes war gewesen, dass das Haus seit dem Frühjahr leer steht – brisant angesichts des angespannten Wohnungsmarkts in der Neckarstadt.

Vom Herrenberger Hauptbahnhof zogen die Demonstranten zum Sitz der Schwesternschaft in der Hildrizhauser Straße. Dabei verteilten sie 500 Flugblätter an Passanten. „Die Leute sind bereits gut informiert“, freute sich einer der Aktivisten. „Es ist gut, dass sie sich für bezahlbaren Wohnraum einsetzen“, fand Helga Schmidt, die den Demo-Zug vom Straßenrand aus beobachtete. Das sei „eine wichtige Forderung an die Politik“. Auch in Herrenberg seien die Mieten sehr hoch. „Gerade für Alleinstehende ist es schwer, etwas bezahlbares zu finden“, sagte Schmidt.

Der Makler bekommt 100000

„Geben ist seliger denn nehmen“, war auf einem Transparent der Aktivisten zu lesen. Auf einem anderen die Frage: „Bezahlbare Mieten und soziale Nutzung unmöglich machen – ist das gemeinnützig?“ Beim Sitz der Schwesternschaft angekommen, empfingen Mitglieder und Beschäftigte der Schwesternschaft die Demonstranten mit Tee und Keksen. Oberin Heidrun Kopp, gekleidet in ihrer Schwesterntracht, wies den Vorwurf zurück, mit dem Verkauf des Hauses Profit machen zu wollen. Den Preis habe man selbst festgelegt – das Maklerunternehmen Engel&Völkers sei lediglich ein „Instrument“. Indem die Schwesternschaft kein Bieterverfahren eröffnet, sondern einen Festpreis bestimmt hat, sei sie den Aktivisten bereits entgegengekommen.

Um seine Gemeinnützigkeit nicht zu riskieren, dürfe der Verein nicht unter Wert verkaufen, betonte Kopp. Gelder und Vermögen dürften daher nur für die in der Satzung genannten Zwecke verwendet werden – und dazu zähle nun einmal nicht die Schaffung günstigen Wohnraums. Zwei Gutachten haben laut der Schwesternschaft unabhängig voneinander den Wert von 2,8 Millionen Euro ermittelt.

Marc Amann von der „Initiative Freelandshöhe“, die zur Demo aufgerufen hatte, sah dies anders. „Offensichtlich ist das Interesse, möglichst viel rauszuholen“, sagte er mit Verweis darauf, dass auch die Stadtverwaltung den Verkaufspreis als sehr hoch bewertet und das Vorgehen der Schwesternschaft kritisiert hatte. Die Aktivisten seien „entsetzt“ darüber, dass „ein sozialer Träger so handelt und damit an der Preisspirale mitdreht“. Zu den 2,8 Millionen kämen noch knapp 100000 Euro Maklergebühr hinzu. Unter diesen Bedingungen könne kein günstiger Wohnraum entstehen, so Amann. Es gebe durchaus andere Möglichkeiten, den Wert eines Hauses oder Grundstücks zu bestimmen. Man müsse sich nicht an dem orientieren, was auf dem Markt erzielt werden kann.

Wie die Schwesternschaft in den Besitz des Hauses kam, schilderte Simon Priesching. Einst gehörte das Gebäude der theologischen Verbindung Luginsland, die es 1937 verkaufte, „um es dem Zugriff durch die Nazis zu entziehen“. Die Luginsländer trennten sich für 35000 Reichsmark von dem Haus. Dieser Preis habe der Hälfte des damaligen Werts entsprochen, sagte Priesching. Das gehe aus den Protokollen hervor, welche die Diskussion um den Neuerwerb eines Hauses nach Kriegsende nachzeichnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Verbindung eine „Ausgleichszahlung“ von 15000 DM. „Ist die moralische Verantwortung damit erloschen?“, so Prieschings rhetorische Frage an die Schwesternschaft.

„Wir haben das Haus den Nazis entzogen“, verteidigte sich Andreas Löw, leitender Pfarrer der Schwesternschaft, und fügte hinzu: „Kein Mensch bereichert sich hier.“ Der Erlös käme der Pflege zugute, auf die sich die Schwesternschaft spezialisiert hat. Bezahlbarer Wohnraum und Pflege dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, sagte er. Das sehen die Aktivisten allerdings genauso. Dass die Stadt nicht schon längst Mieterin des Hauses ist, bedauerte Löw, der auch Mitglied im Vereinsvorstand ist. Er betonte: „Wir wären dankbar, wenn die Stadt uns ein Angebot machen würde.“

Ein solches Angebot lag im Frühjahr bereits vor, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer dem TAGBLATT. Die Verwaltung wollte das Haus damals haben, um dort Geflüchtete unterzubringen und auch für andere Gruppen günstigen Wohnraum zu schaffen. Die Schwesternschaft sagt, die Stadt habe die Verhandlungen platzen lassen, weil sie nicht bereit gewesen sei, das Gebäude für 25 Jahre zu mieten. Die Frage der Mietdauer sei von der Schwesternschaft jedoch nie als K.O.-Kriterium genannt worden. Vielmehr habe diese die Verhandlungen abgebrochen und sich dazu entschieden, das Haus zu verkaufen. Dabei hätte die Stadt „sofort“ zugesagt, die „Wielandshöhe“ für 25 Jahre zu mieten.

Zwar sei es richtig, dass die Schwesternschaft nicht unter Wert verkaufen dürfe. Statt jedoch einen Festpreis durch ein Maklerbüro festlegen zu lassen, hätte sie ihn „genauso gut durch einen städtischen Gutachterausschuss“ bestimmen lassen können. Palmer kritisierte es als „nicht legitim, die Verantwortung für die Entscheidung der Stadt zuzuschieben oder auf das Stiftungsrecht zurückzuführen“. Das alles habe den „Charakter einer Ausrede“.

Der nun in Rede stehende „exorbitant hohe Preis“ bewirke, dass soziale Initiativen de facto keine Chance hätten. Dort entstehe nun „Luxuswohnen“, so Palmer. Der OB erinnerte die Schwesternschaft auch an ihre „historische Verantwortung“: „Sie wollen jetzt 2,8 Millionen erlösen für ein Haus, in dessen Besitz sie allein durch die Nazi-Herrschaft gelangt sind.“


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


22.12.2016 - 01:00 Uhr