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Ein Museum im Museum · Wo einst die DNA entdeckt wurde

Nach elf Monaten Bauzeit wurde das Schlossküchenlabor eröffnet

Mit Superlativen wurde am Donnerstagabend nicht gespart, als nach nur elf Monaten Bauzeit das Schlosslabor als Museum des Unimuseums eröffnet wurde. Rektor Bernd Engler rühmte es als „Ort von herausragender wissenschaftlicher Bedeutung“.

05.11.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Eine der weltweit ersten Forschungsstätten der Biochemie verkümmerte in einer Nische von Schloss Hohentübingen als Technik- und Lagerraum. Mochte der Tübinger Biochemiker Peter Bohley in den vergangenen Jahren noch so nachdrücklich auf den vergessenen Ort aufmerksam machen, nachhaltig aus dem Winterschlaf zu wecken vermochte ihn erst die großherzige Spende von Ingmar Hoerr, der Mitgründer und Geschäftsführer der Tübinger Biopharma-Firma Curevac.

Nach elf Monaten Bauzeit wurde das Schlossküchenlabor eröffnet
Auf knappem Raum die wesentlichen Informationen nachvollziehbar und anregend präsentiert: Die Wiege der Biochemie am authentischen Ort im Schloss. In den Vitrinen Originalgeräte aus dem historischen Schlosslabor, in der Mitte ein Foto, das den Zustand im Jahr 1871 zeigt. Bild: Sommer

Hoerrs Geschäftsgrundlage ist der Stoff, der als Hauptexponat zu besichtigen ist und den der 1861 nach Tübingen berufene Friedrich Miescher Nuklein nannte – nichts anderes als die Nukleinsäuren DNA und RNA, die Träger der Erbinformation. Unglaublich aber wahr: das von Miescher noch selbst beschriftete Reagenzglas mit der Original-Substanz ist zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen.

Der Museumsraum wäre zu klein gewesen, um die Gäste der Eröffnungsfeier zu fassen. Also erinnerte Ingmar Hoerr vor den knapp 200 Zuhörern im Rittersaal an die „bahnbrechenden Entwickungen“ im Schlosslabor gegenüber, die nichts Geringeres als die Grundlagen des Lebens zum Gegenstand hatten. Aus EU-Preisgeldern zweigte das Tübinger Unternehmen 100 000 Euro ab und ermöglichte damit die Verwandlung des Lagerraums in ein innovatives eigenständiges Museum im Unimuseum, das übrigens kostenlos zugänglich ist.

Man betritt das Museum durch einen gläsernen Windfang, der den Blick auf die historischen Exponate selbst dann freigibt, wenn die Tür verschlossen ist. In diesem Fall lenkt ein Audioguide die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche.

Thomas Beck, der Kurator der Ausstellung, achtete darauf, die Raum-Architektur nicht mit Texttafeln zu verdecken. Informationen über die Geschichte der Tübinger Biochemie lassen sich per Touchscreen am PC aufrufen und sind mit Lichteffekten gekoppelt, die im passenden Moment biochemische Instrumente des alten Schlosslabors optisch hervorheben. In diese historische Abteilung ist auch das Hauptexponat eingebunden, ziemlich genau an der Stelle, wo sich einst Friedrich Mieschers Arbeitsplatz befand.

Nach elf Monaten Bauzeit wurde das Schlossküchenlabor eröffnet

Eine zweite Abteilung vergegenwärtigt die Historie, indem sie auf Touchscreen-Pfaden durch die augenblicklichen Forschungen und deren Anwendungen führt und mit einem 3 D-Modell die Genexpression veranschaulicht. Wer sein Smartphone dabei hat, kann 640-fache Vergrößerungen von biochemischen Präparaten anschauen.

Raum ist noch in einer Ecke für Arbeitsgruppen, die dort bei Bedarf sogar einfache chemische Experimente machen können.

Oberbürgermeister Boris Palmer stellte den neuen Schau-Platz den schon vorhandenen herausragenden Tübinger Museumsstücken zu Seite. Und Ernst Seidl, der Leiter des Uni-Museums nutzte die Gelegenheit, auf noch viele weitere kostbare und präsentable Stücke aus den über 50 Uni-Sammlungen aufmerksam zu machen. „Man muss nicht gleich 100 000 Euro ausgeben“, ermutigte er schmunzelnd potenzielle Sponsoren. „Für manches reicht auch weniger.“

„Vor knapp 200 Jahren übertrug der württembergische König Wilhelm I. das Tübinger Schloss der Universität. In der ehemaliger Schlossküche wurde bald eines der ältesten, wenn nicht sogar das älteste biochemische Labor der Welt eingerichtet. Hier arbeitete ab 1818 der erste deutsche Biochemiker, Carl Sigwart. Felix Hoppe-Seyler, der Begründer der Physiologischen Chemie, entdeckte hier den Blutfarbstoff und gab ihm den Namen Hämoglobin. Sein Schüler Friedrich Miescher isolierte ebenfalls hier 1869 aus einem Extrakt aus Eiterzellen die Desoxyribonukleinsäure. Damit legte er, so der Wissenschaftshistoriker Ralf Dahm, den Grundstein für ein völlig neues Verständnis von Lebewesen. „Die volle Tragweite dieser Entdeckung konnten aber damals weder Miescher noch seine Zeitgenossen absehen.“
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