Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Wegen Sturheit eingesperrt?

Nach einer Anzeige landet Gustl Mollath in der Psychiatrie

Ein Psychiatriefall sorgt in Bayern für Aufregung: Ein Mann zeigt seine Ex-Frau wegen Schwarzgeldgeschäften an. Sie wird nicht belangt, stattdessen wird er weggesperrt. Ein übles Komplott?

22.12.2011
  • PATRICK GUYTON

Gustl Mollath verschickt Videobotschaften. "Ich bin in eine absolut unglaubliche Geschichte geraten", sagt der 55-jährige Mann mit Schnauzbart und schwarzem Sweatshirt. Er spricht ruhig und konzentriert, redet vom "Rosenkrieg" mit seiner Ex-Ehefrau und vom "Wahnsinn", der ihm wiederfahre. Gustl Mollath versendet Nachrichten aus der geschlossenen Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Seit fünf Jahren sitzt er dort fest, denn für das Landgericht Nürnberg ist er gemeingefährlich und von "Wahnideen" befallen. Ein Mann ist weggesperrt, auf unabsehbare Zeit.

Mittlerweile sorgt der Fall des Nürnbergers bayernweit für Aufsehen. Denn manches deutet darauf hin, dass Gustl Mollath völlig normal ist und Opfer eines üblen Komplotts geworden sein könnte. Was war geschehen? Vor mehr als zehn Jahren begann der Ingenieur aus Nürnberg, einen bösen Verdacht gegenüber seiner Frau zu hegen: Als Vermögensberaterin der dortigen Hypo-Vereinsbank solle sie in illegale Geldtransfers verwickelt sein. Sie habe Schwarzgeld von ihren Bankkunden in großem Stil in die Schweiz geschafft.

Edward Braun, ein Zahnarzt aus dem niedersächsischen Bad Pyrmont, kennt das Ehepaar schon seit mehr als 25 Jahren, er war ein enger Freund. Nachdem der Kontakt versickerte, erhielt er kürzlich einen Hilferuf von Mollath aus der Psychiatrie. Nun erzählt Braun an Eides statt, was er damals von dem Schwarzgeld und dem Ehestreit mitbekommen hatte. Etwa dass Gustl Mollath seine Frau immer wieder inständig gebeten habe, mit diesen Geschäften aufzuhören. Und dass Frau Mollath sagte, Gustl solle sich nicht in ihre beruflichen Belange einmischen. Wörtlich erklärte sie dem Freund: "Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig. Ich habe sehr gute Beziehungen. Dann zeige ich ihn auch an. Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen, dann hänge ich ihm was an, ich weiß auch wie." Möglicherweise waren das mehr als leere Drohungen.

Das Paar trennte sich. Mollath hatte viel Material gesammelt und erstattete 2003 eine sechs Seiten lange Anzeige wegen der möglichen Schwarzgeldverschiebungen. Er nannte Namen von Kunden und Bankmitarbeitern, gab Berufsbezeichnungen und Adressen an. Die Staatsanwaltschaft beschied jedoch knapp, der Anzeige sei "keine Folge gegeben" worden. Der Verdacht sei nur "pauschal" geäußert, es bestünden "keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte".

Die Entscheidung verblüfft mittlerweile viele. "Im Normalfall wären die Staatsanwaltschaft und die Steuerfahndung sofort losmarschiert", sagt der Jurist Wilhelm Schlötterer. Der 70-Jährige ist pensionierter Ministerialrat aus der CSU-Staatsregierung und gehört selbst den Christsozialen an. Für Furore sorgte er mit seinem CSU-kritischen Buch "Macht und Missbrauch". Seine Meinung zu Mollaths Anzeige: "Detaillierter kann man es gar nicht vorbringen."

Dagegen wurde die Staatswaltschaft tätig, als Mollaths Frau ihren Mann anzeigte. Er soll sie geschlagen und die Autoreifen einiger ihrer Freunde zerstochen haben. Sie brachte auch die Ferndiagnose einer Ärztin mit, die Gustl Mollath nie gesehen hatte, aber attestierte, er leide "mit großer Wahrscheinlichkeit an einer psychischen Erkrankung".

Nun begann Gustl Mollaths großer Fehler, meint sein jetziger Verteidiger Hans-Berndt Ziegler aus Marburg. Der Ingenieur hätte den Strafbefehl über 1000 Euro wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung bezahlen sollen. "Dann wäre die Sache erledigt gewesen." Doch Mollath bestreitet die Taten bis heute. So kam es zur Verhandlung, von der es heißt, er habe sich dort "ziemlich daneben benommen". Die Richter ließen ein psychiatrisches Gutachten anfertigen, laut dem er gemeingefährlich ist. Auch leide er an einem "paranoiden Wahn", dass von Nürnberg aus Schwarzgeld in die Schweiz verschoben werde. Es folgte die Einweisung. Anwalt Ziegler aber ist sich sicher: "Dieser Mann ist nicht irre, er ist stinknormal und starrsinnig."

Auch die Hypo-Vereinsbank hatte Mollaths Schreiben keineswegs als die Anschuldigungen eines Wahnsinnigen angesehen, wie nun herauskam. Das Institut teilte jetzt mit: "Frau Mollath war Mitarbeiterin unserer Bank . . . Diverse Schreiben des Herrn Mollath hatten damals zu einer internen Untersuchung geführt." Es sei festgestellt worden, dass sich Mitarbeiter im Zusammenhang mit Schweizer Bankgeschäften "weisungswidrig verhalten hatten". Dies habe "zu entsprechenden personellen Konsequenzen" geführt. Im Kern waren Mollaths Vorwürfe also richtig.

Selbst die Staatsanwaltschaft Nürnberg ist sich ihrer früheren Einschätzung nicht mehr sicher. Sie hat, so berichtet die "Nürnberger Zeitung", Vorermittlungen gegen die Hypo-Vereinsbank eingeleitet wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und verlangt die Beantwortung verschiedener Fragen. Der Fall kam auch in den bayerischen Landtag, der Freie-Wähler-Abgeordnete Florian Streibl wittert einen "vorweihnachtlichen Justizskandal". Nun soll sich der Rechtsausschuss damit befassen. Gustl Mollaths Anwalt wiederum strebt eine Wiederaufnahme des Körperverletzungsverfahrens an, wegen dem der Mann nun schon seit fünf Jahren in der Psychiatrie schmort.

Nach einer Anzeige landet Gustl Mollath in der Psychiatrie
War Justitia im Fall von Gustl Mollath blind? Der Verdacht besteht. Der Mann wurde vor fünf Jahren in die Psychiatrie eingewiesen. Foto: Fotolia

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.12.2011, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb

Umfrage zu vollen Altstadtgassen

Zur Chocolart strömten über 250.000 Besucher in die Tübinger Altstadtgassen. Wie finden Sie das?
1008 abgegebene Stimmen
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Medizintechnik - Schrittmacher der Region Neckar-Alb
Neueste Artikel
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular