Sprache der Mörder, der Liebe

Morgen liest Elazar Benyoetz aus seinen Gedichten

Der gestern mit dem Justinus-Kerner-Preis ausgezeichnete Elazar Benyoetz liest am morgigen Dienstag um 19 Uhr im Hölderlinturm aus seinen Gedichten. Wir zitieren aus der Preislaudatio, die gestern der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel in Weinsberg hielt.

Morgen liest Elazar Benyoetz aus seinen Gedichten

Laudator Karl-Josef Kuschel

Tübingen. (. . .) Als Paul Koppel wird er 1937 in der Wiener Neustadt in eine jüdische Familie hineingeboren. „Zu einer Welt“ kommt er hier, wie er später schreiben wird, die ihn nur zwei Jahre später, ein Jahr nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, „ausschließt“. „Erez Israel“ nimmt die vierköpfige Familie auf (. . .) Heimat gibt ihm zunächst das Hebräische.

Muttersprache ist es, dieses Hebräisch. Buchstäblich Mutters Sprache. Ihr schenkt er als Kind, das jetzt in Israel aufwächst, derart „Gehör“, dass er mit zwölf Jahren, 1951, sein erstes Gedicht schreiben kann, auf Hebräisch natürlich. In den nächsten zehn Jahren entstehen vier Gedichtbände im Idiom von Mutter und Mutterland. Und Paul Koppel hat sich mittlerweile einen hebräischen Namen zugeschrieben: Elazar Benyoetz (. . .)

Zu Beginn der siebziger Jahre vollzieht Elazar Benyoetz einen unerhörten Sprachwechsel ins Deutsche. Das hatte familiäre Wurzeln. Die Mutter spricht mit dem Vater nur Deutsch, auch in Erez Israel. Der Junge hatte also immer auch Deutsch im Ohr. Mit 16 Jahren beschafft er sich in Tel Aviv für billiges Geld deutsche Bücher, Literaturgeschichten vor allem. Mit 23, 1962, riskiert er den ersten Ausbruch aus der Welt des Hebräischen. Ein Exodus, jetzt selbstgewählt, in vollem Bewusstsein, nicht in ein „gelobtes Land“, sondern in eine versehrte Sprachlandschaft zu geraten.

Benyoetz reist zunächst nach Österreich und in die Schweiz, um dann in Deutschland, in Berlin, von 1963 an ein tollkühnes Unternehmen zu anzugehen. Er plant ein Lexikon sämtlicher jüdischen Schriftsteller, die einen Beitrag zur deutschen Literatur geleistet haben (. . .)

Elazar war der Landessprache nur mangelhaft kundig, als er nach Deutschland kam. Während seines ausgedehnten Aufenthaltes (aber) bemächtigte sich die deutsche Sprache seines Geistes, unterjochte ihn und beherrschte ihn als seine Gebieterin so völlig, dass er anfing, deutsch zu denken, zu schreiben und zu dichten. Zugleich ergab sie sich ihm wie eine Liebende, enthüllte ihm ihre Schönheit und ließ ihn ihre Geheimnisse ahnen, die sie vor Deutschgeborenen verbarg, so, dass er ihrem Zauber verfiel. Elazar selber empfand es als ein tragisches Geschick, dass er in der Sprache der Menschen dichtete, die er als die Mörder seines Volkes ansah, in einer Sprache, die weder seine Frau noch sein Sohn verstanden, anstatt, was er für seine Pflicht hielt, die eigene Muttersprache zu bereichern.

Seiner Autobiographie von 2001 gibt er nicht zufällig den mehrsinnigen Untertitel „Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche“ (2001). Als sei das „Deutsche“ ein fremdes Territorium, in das man „hineingehen“ muss, um sich seiner zu vergewissern. Das auf den Prüfstand gehört, bevor man es öffentlich benutzt. Die Bücher dieses Autors sind denn auch solche Explorationen in ein fremd-vertrautes Land namens „deutsche Sprache“, immer neue Tests, was diese Sprache noch taugt. Sie ist ja nicht nur die Sprache der Hitlers und Goebbels, sondern auch die Sprache von Heine und Kafka. Schon die Titel seiner Bücher signalisieren kalkulierte Mehrsinnigkeit, als herrsche die Angst vor, durch ein Wort sich festzulegen, durch einen Begriff in die Falle des Klischees zu geraten: „Vielleicht – Vielschwer“ (1981) „Treffpunkt Scheideweg“ (1990), „Paradiesseits“ (1992) „Der Mensch besteht von Fall zu Fall“ (2002), „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (2000), „Scheinhellig“ (2009).

Doppelsprachlichkeit: Das ist seither sein Schicksal und seine Bestimmung. Das aber macht ihn zu einzigartigen Sprachexerzitien fähig, gerade weil er simultan zu denken gelernt hat. „Aphoristiker“ hat man ihn genannt und ihm damit ein Etikett aufgeklebt. Einer der wenigen Aphoristiker der deutschen Literatur sei er in der Tradition von La Rochefoucauld und Lichtenberg. Er selber beruft sich lieber auf biblische Kronzeugen: das Hohe Lied, die Sprüche Salomos, Kohelet. Es ist die biblische Tradition der Weisheitsliteratur, in die er sich stellt, ohne sie zu imitieren . . .


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19.09.2011 - 12:00 Uhr