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Die Kinder nicht um Gott betrogen

Mit großem Festakt verabschiedete die katholische Fakultät Religionspädagogik-Professor Albert Biesinger in den Ruhestand

Die ehemalige Sekretärin kam und der ehemalige Ministerpräsident. Es war schon ein ganz, ganz großer Bahnhof, mit dem der Religionspädagoge Professor Albert Biesinger in die Emeritierung verabschiedet wurde.

09.06.2014
  • Wolfgang Albers

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Tübingen. Eine Fakultät lebt auch von großen Namen. Wer wüsste das besser als die katholischen Theologen Tübingens, die, analog zu Deutschlands Fußball-Weltmeistern, in den 70er Jahren auch eine goldene Generation hatten, von Haag zu Küng, von Auer zu Kasper, und, und, und. Dass die nächste Generation da nicht verzagen muss, sondern aus dem Schatten der Über-Väter treten kann, hat ein Auer-Schüler bewiesen: Albert Biesinger.

Welche Wirkung der Lehrstuhlinhaber für katholische Religionspädagogik entfaltet hat, erzählte Jörn Hauf, ein Biesinger-Mitarbeiter, am Freitagabend einem vollem Audimax mit einer Episode vom Katholikentag. Dort habe sich ein junger Mann beklagt, dass den Religionspädagogen nur noch deprimierende Analysen vom Werteverfall und dem Bedeutungsverlust der Religion einfallen. Außer einem Mann aus Tübingen. „Albert Biesinger ist eine Lichtgestalt“, zitierte Jörn Hauf den jungen Mann.

Biesinger wird weithin wahrgenommen. Natürlich erstmal durch das klassische Arbeitsmittel eines Professors – durch Veröffentlichungen. „Kinder nicht um Gott betrügen“ – das ist einer seiner Bestseller. Ein Titel, der Programm und Schlagwort gleichzeitig geworden ist, und der auch sonst etwas von der Methode Biesinger verrät: Er bringt die Dinge auf den Punkt, und jeder versteht das.

Professor Andreas Odenthal, der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, sagte: „Du hast uns immer einen Stachel ins Fleisch gesetzt gegen eine verquaste Fachsprache. Du hast hast immer auf dem bestanden, was du Elemen-tarisierung genannt hast.“

Wirkung hat Biesinger sicher aber auch erzielt, weil der Kommunikations-Begabte ein starker Netzwerker ist. Seine Verabschiedung war ein eindrucksvoller Beleg dafür. Schon beim Empfang im Theologicum, wo allein die Vorstellung der Gäste ein zeitfüllender Programmpunkt war, und beim abendlichen Festakt in der Neuen Aula. Dort saßen viele, mit denen er zusammengearbeitet, Pläne geschmiedet, Projekte gemacht hat, von Ex-Ministerpräsidenten Erwin Teufel bis zu Bruder Andreas aus Taize´und dem orthodoxen Mönch Pater Maximos vom Kloster Karakalou auf dem Berg Athos.

Auch die lokalen Spitzen von Kirche und Staat waren gekommen. Universitäts-Rektor Bernd Engler dankte für alles, was Albert Biesinger für die Universität geleistet habe. Speziell auch im Konflikt um das Islamzentrum: „Sie haben Stellung bezogen in einer Diskussion, die auch ganz anders hätte laufen können.“ Außerdem hat Engler die Person Biesinger in bester Erinnerung – zum Beispiel den spontanen Nikolaus-Auftritt im Rektorat. Auch ein Beleg für das, was der Rektor „Zugewandtheit zu seinen Mitmenschen“ nannte und „die Kunst der vielschichtigen, vielsinnigen Kommunikation“.

Bischof Gebhard Fürst erinnerte an Biesingers großes Anliegen: „Die Kompetenz zu einer persönlichen religiösen Sprache fördern, in Zeiten, in denen sie zu verschwinden droht.“ Der Rottenburger Bischof hob den praktischen Nutzen hervor: „Gemeinden und Schulen dürfen die Früchte ernten, die Albert Biesinger gesät hat. Seit Jahrzehnten bereichern seine Ansätze die Diözese, seine Konzepte gehören vielerorts zum Standard.“ Albert Biesinger beherrschte nicht nur die Theorie. Als Diakon in der Domgemeinde „konnte er Menschen ansprechen, die von anderen nur schwer zu erreichen waren.“

Überhaupt: die Praxis. Biesinger ging mit seinen Studierenden nach Südamerika und saß mit ihnen tapfer vor Merrschweinchenbraten. Er hat, wie Matthias Gronover vom Katholischen Institut für berufsorientierte Religionspädagogik, Klaus Lorenz vom Kultusministerium und Andreas Verhülsdonk von der Bischofskonferenz lobten, dem Religionsunterricht an Berufsschulen wieder Selbstbewusstsein eingehaucht, und er hat die Aufmerksamkeit auf die Familienkatechese gelenkt.

Und der Religionspädagoge hat, ganz weitsichtiger Netzerwerker, „Kleine neben sich wachsen lassen.“ Wie Professor Klaus Kießling selbst erlebt hat. Er gehört zu den Biesinger-Schülern und -Assistenten, die jetzt, von Feldkirch bis Frankfurt, von Innsbruck bis Dresden, Lehrstühle innehaben. Einer steht gerade auf einer Tübinger Berufungsliste – und Biesinger nutzte seinen Abschied, um ihn coram publico dem Rektor ans Herz zu legen.

Ein Netzwerk besonderer Art ist er mit seinem evangelischen Kollegen Friedrich Schweitzer eingegangen. Die beiden waren in vielen gemeinsamen Projekten fast schon die siamesischen Zwillinge der Tübinger Religionspädagogik. Die Zusammenarbeit begann ganz Biesinger-typisch, erzählte Schweitzer: „Als ich nach Tübingen kam, hat mich ein mir unbekannter katholischer Kollege gleich zum Essen in die Wurstküche eingeladen.“ Er sei damals klassisch evangelisch sozialisiert gewesen: „Man darf Katholiken nie trauen.“ Jetzt ist sein Fazit: „Wer konfessionell kooperiert, kommt weiter, wird reicher und wird katholischer und evangelischer. Wir wollten den anderen nicht bekehren, sondern Gemeinsamkeiten stärken und Unterschieden gerecht werden.“

Soviel Lob, auch von den Mitarbeitern und Studierenden, beantwortete Biesinger mit einem langen, langen Gegenlob, das von den vielen beruflichen Partnern bis zur Familie alle aufzählte, die für seinen Weg so wichtig waren. Seine Schlussworte waren der berühmte Biesinger-Gruß: „Bleiben Sie im Glück!“

Mit großem Festakt verabschiedete die katholische Fakultät Religionspädagogik-Professor Albert
Albert Biesinger bei seinem Abschiedsfest. Bild: Albers

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09.06.2014, 12:00 Uhr
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