Museumsgründer Walter Tiedemann sammelte alles, was ihm unter die Finger kam

Mit einem Seitengewehr fing alles an

Von Manfred Hantke

Der Arbeitskreis Schlossmuseum feiert seinen 25. Geburtstag. Ohne Walter Tiedemann würde es ihn aber gar nicht geben. Tiedemann sammelte alles, was er nur kriegen konnte – vom Kruscht bis zur teuren Antiquität und Rarität. Er war Gründer des Heimatmuseums, auch Herr des Großen Schlosses und vermachte seine 10.000 Exponate umfassende Sammlung 1976 der Gemeinde.

Mit einem Seitengewehr fing alles an

Schlosseinweihung mit Walter Tiedemann und Bürgermeister Bernhard Knauss im September 1988. Bei der Wiedereröffnung des Museums im März 1989 erhielt Tiedemann als Erster die goldene Bürgermedaille. Archivbilder: Grohe

Kirchentellinsfurt. Dabei war Walter Tiedemann gar kein Kirchentellinsfurter, erst recht kein Historiker und kein Kulturwissenschaftler. Geboren am 17. Mai 1914 in Großrosen (Kreis Johannisburg), lernte er zunächst einen Bürojob, wurde Krankenpfleger, Religionslehrer und Diakon. Dass der Ostpreuße in den Kreis Tübingen kommen sollte, war für ihn allerdings schon 1939 ausgemacht. Bevor er gegen Frankreich in den Krieg zog, kam er als Sanitätssoldat nach Tübingen. Dahin wollte er zurück – falls er überlebt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es ihn zunächst nach Dußlingen, 1958 kam er nach Kirchentellinsfurt. Gewohnt, besser: gehaust hat er in der „Villa“. So nannte er seine etwa drei mal vier Meter kleine Bretterbude, die er sich selbst auf einem gekauften Wengert gebaut hatte – ohne fließendes Wasser, ohne Strom, erinnert sich der heutige Museumschef Dieter Sommerey. Sein Geld verdiente er als Maurer bei der Tübinger Firma Kürner & Gugel.

Nur zwei Jahre später zog er ins Große Schloss. Seine Sammelleidenschaft begann 1962. Da frug sich der 48-Jährige, wie er denn seine Rente aufbessern könne. Zufällig fand er ein altes Seitengewehr, zog es aus der Mülltonne beim einstigen französischen Exerzierplatz, dem heutigen Waldhäuser-Ost. Anfangs sammelte er nur Waffen, davon könne er ja die eine oder andere verkaufen, wenn das Geld im Alter knapp wird, sagte er dem TAGBLATT damals. Bald hatte er 200 Pistolen zusammen. Doch das Waffengesetz wies seiner Sammelleidenschaft neue Pfade: Er tauschte die Pistolen gegen andere Sammlerstücke.

Bei Händlern hat Tiedemann fast nie etwas gekauft. Als Maurer kam er schließlich in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Nürtingen herum, schaute sich Keller und Speicher an. Was anderen als Gerümpel erschien, war für ihn eine Antiquität, ein Stück aus der Vergangenheit, die er bewahren wollte. „Ihm schien nichts zu gering“, sagt Bürgermeister Bernhard Knauss. Oft hat er auch privat in den Häusern gearbeitet, ließ sich aber nicht mit Geld entlohen, sondern mit Kruscht und Krempel, Antiquitäten und Raritäten aus drei Jahrhunderten. Vieles sammelte er auch, um es gegen andere Sammlerobjekte zu tauschen.

Proteste gegen das Nazi-Zimmer

Anfangs transportierte Tiedemann seine Fundstücke mit dem Fahrrad, später mit dem Moped, einer Florett samt Anhänger, weiß Sommerey. Da fuhr der Alleinstehende mit Schäferhund „King“ in jeder freien Minute los, sammelte ein und auf, vergrößerte seinen Schatz. So kamen rund 10.000 Objekte zusammen, schätzt Ortshistoriker Peter Maier: Trachten, Uniformen, Backformen, Heiligenbilder, Kirchenfenster (auch von der Tübinger Jakobuskirche), Bibeln, Schreibmaschinen, landwirtschaftliche Geräte, Spinnräder, Zinnkrüge, Möbel und und und – Stücke aus dem 18. Jahrhundert, dem Biedermeier, der Gründerzeit und dem Jugendstil. Knauss taxiert den heutigen Wert der Sammlung im siebenstelligen Bereich.

Für so viele Objekte brauchte Tiedemann viel Platz. Er kaufte Zimmer um Zimmer im Schloss hinzu, auch Grundstücke um das Schloss herum, die Schweineställe, und die Scheuern. Konkurrenten gab es nicht, für das Schloss im damaligen Zustand interessierte sich niemand.

1977 endlich gehörte ihm das gesamte Schloss, Tiedemann war Schlossherr. Aber einer, der „sehr bescheiden gelebt“ hat, wie Sommerey sagt. Er sparte sich seine Sammlung sprichwörtlich vom Munde ab, verzichtete auf die Wurst zum Vesper oder bot als Zahlungsmittel seine Arbeitskraft an.

Im Mai 1974 zeigte er seine gesammelten Schätze erstmals der Öffentlichkeit, Kirchentellinsfurt erhielt ein „Heimatmuseum“, obwohl die Ausstellungsstücke lokal nicht begrenzt waren. Alle zwölf Zimmer im ersten Stock waren vollgestopft, der Rest stand im Rittersaal und auf den Dachböden. Das Museum konnten sich Besucher samstags und sonntags anschauen, Tiedemann war Museumsführer.

Doch so mancher Kreis-Tübinger und -Reutlinger hatte in den 1960er Jahren auch die Vergangenheit aus der NS-Zeit entsorgt. Das störte den leidenschaftlichen Sammler nicht. Im Gegenteil: Er nahm mit, was er transportieren konnte: Hitler-Büsten und -Porträts, Hakenkreuzfahnen, Orden, Ehrendolche, NS-Symbole, Spruchbänder.

Während andere Heimatmuseen die NS-Diktatur noch mit spitzen Fingern anfassten, stellte Tiedemann die Nazi-Überbleibsel aus. Das Problem dabei: Er setzte weder erläuternde Hinweise noch eine kritische Kommentierung hinzu, von Kriegsopfern und KZ-Häftlingen war nicht die Rede. Es war keine böse Absicht, Tiedemann war halt kein Wissenschaftler.

So erregte das vier Quadratmeter kleine Nazi-Zimmer (von insgesamt 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche) mit seinen knapp 100 Nazi-Ausstellungsstücken immer mal wieder Ärger. Eine russische Zeitung schrieb 1978 von einer „monumentalen Ausstellung“ nazistischen Charakters. Die Tübinger Ortsgruppe der Vereinigten der Verfolgten des Naziregimes (VVN) stellte Strafanzeige gegen Tiedemann, protestierte im September 1981 zusammen mit der Sozialistischen Arbeiterjugend (SDAJ) gegen die Ausstellung.

Drei Jahre später begannen Renovierung und Sanierung des Schlosses, im September 1988 war es für rund 1,5 Millionen Euro hergerichtet. So zog die Sammlung Tiedemann wieder ein, zuvor vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Meyer neu aufbereitet und wissenschaftlich bearbeitet. Bereits 1976 hatte Tiedemann der Gemeinde seine Museumsstücke mit der Auflage vermacht, die Sammlung zu erhalten und weiterzuentwickeln. Bürgermeister Knauss ist davon überzeugt, dass die Tiedemann’schen Schätze eine Initialzündung für die Schlosssanierung waren. Und die Sanierung war wiederum Anstoß für die Gründung gleich zweier Arbeitskreise: dem AK Schlossmuseum und dem AK Kultur im Schloss.


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05.11.2014 - 12:00 Uhr