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Kulturtankstelle und „Lamm“ stellten Nachrichten und Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg vor

Mit den Kindern des Feindes geteilt

Zum Themenabend „1914 – Feld der Ehre – Ährenfelder“ lud das Börstinger Dorfmuseum Kulturtankstelle am Samstagabend ins Gasthaus Lamm. Dort gab es zu den Lesungen und einer kleinen Ausstellung auch „schmackhafte Kriegskost“.

18.08.2014
  • Ursula Kuttler-Merz

Börstingen. „Da lagen einige, die keine Köpfe oder keine Füße, Arme, den Leib oder sonst was verstümmelt hatten“ schrieb der Ofterdinger Glaser Hermann Mayer im Mai 1915 in einem unzensierten Feldpostbrief an seine Familie und fügte hinzu: „Einige (Soldaten) haben sogar den Verstand verloren!“ Solche Zeitzeugnisse von Soldaten aus der Region wurden am Samstagabend im Börstinger „Lamm“ vorgestellt. Die Fördervereins-Vorsitzende Monika Laufenberg begrüßte die dicht gedrängten fast 70 Zuhörer: „Ein Satz des Kaisers, die Erklärung des Kriegszustands, stürzte 17 Millionen Menschen in den Tod, machte Unbekannte zu Feinden und aus Landschaften und Menschen Ruinen.“

Die Gäste wurden mit lecker zubereiteten Sauren Grombiererädlen bewirtet. Das Programm des Abends freilich war alles andere als leicht verdauliche Kost. Mit einer einfühlsam zusammengestellten Mischung von lokalen Einzelschicksalen, Bekanntmachungen und literarischen Texten gelang es Monika Laufenberg zusammen mit Eckart und Inka Frahm, Gustl Speiser, Richard und Renate Lohmiller sowie Ralf und Steffi Striebel, die Zeit von 1914 bis 1918 in ebenso eindrucksvoller wie erschütternder Weise lebendig werden zu lassen.

Alles andere als leicht verdauliche Kost

Besonders deutlich wird die Situation im Spätsommer 1914 am Deckengemälde des Horber Künstlers Wilhelm Klink in der Börstinger St. Ottilia-Kirche (im Bild): Soldaten auf dem Weg zum Bahnhof Eyach winken in Börstingen einer Frau zu, die mit ihren Kühen ein abgeerntetes Feld pflügt. Zu dieser Szene gibt es ein Vorgänger-Ölgemälde aus der Zeit vor Kriegsbeginn als friedliches Landschaftsbild, das im „Lamm“ gezeigt wurde.

Renate und Richard Lohmiller hatten Feldpostbriefe ihres 1890 in Börstingen geborenen Onkels Leo mitgebracht und lasen die Texte vor. „Wir liegen in einem von seinen Bewohnern verlassenen Haus“ berichtet er und ergänzt: „Mit der zurückgebliebenen Bevölkerung vertragen wir uns ganz gut. Wir teilen vor allem mit den hungernden Kindern.“ Das war im Advent 1914.

Im April 1918 dankte Lohmiller seiner Familie für zwei Pakete, „von denen leider die Küchle nicht mehr genießbar waren“. Im Oktober 1918 bestätigte er den Empfang „des Lebkuchenpakets“ und hoffte: „Einmal muss doch Friede werden!“ Der tiefgläubige Katholik, der in Tübingen Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft studierte und in Freiburg promovierte, wurde später Redakteur beim Sonntagsblatt im Erzbistum Paderborn.

Auch der Glaser Mayer, zwei Mal verwundet, kehrte nach vier Jahren voll grauenhafter Kriegserlebnisse heim nach Ofterdingen. Er hatte 1915 mit ansehen müssen, wie die zur Kapitulation bereiten Franzosen von der „Unmasse“ deutscher Artillerie zusammengeschossen wurden und berichtete in einem Brief nach Hause: „Sie haben uns mit weißen Fähnchen gewunken, sie wollten sich ergeben, aber wir konnten nicht vor wegen unserem Artilleriefeuer.“

Reichskartoffel-Stelle und Steckrübenwinter

Was sich in der Heimat abspielte, zeichnete Eckart Frahm in kurzen Notizen nach. Bereits am 5. August 1914 wurde in Bad Niedernau ein Reservelazarett eingerichtet. Vier Wochen später kamen die ersten Verwundeten im Rottenburger Spital an. 1915 wurde die „Reichskartoffel-Stelle“ gegründet, und fünf Millionen Schweine mussten geschlachtet werden, weil das Futter nicht mehr reichte. 1916 folgte eine Nachmusterung der Untauglichen, es gab Butter-, Zucker-, Kleider- und Seifenkarten und einen „Steckrübenwinter“.

1917 wurden in Börstingen die beiden kleinen Kirchenglocken zum Einschmelzen abtransportiert. Und im Herbst 1918 wandte sich der Rottenburger Bischof Paul Wilhelm von Keppler in seinem Kriegs-Hirtenbrief ans Volk: „Wahre Bußgesinnung und demütiges Gebet wird uns der Hilfe Gottes würdig machen“ und zitierte den Propheten Jeremia: „Ich erschließe ihnen die Segnung des Friedens und der Wahrheit, und auch ihre Gefangenen führe ich wieder heim“.

Sorgsam ausgewählte literarische Texte von Zuckmayer, Remarque, Céline, Renn und Barbusse, von Sapper und Schauwecker („Kein Schrei ist so gellend wie der Schrei des Hungers“) bereicherten den Gedenkabend ebenso wie die ausgestellten Erinnerungsstücke aus Börstingen und Umgebung, darunter der schmucke Deckel-Bierkrug und das „Ehrenblatt“ des Gefreiten Josef Schorp (Großvater von Rolf Schorp) und der Brotbeutel von Friedrich Rutschmann aus Bieringen, dazu zahlreiche Exponate der Familie Probst aus Wachendorf und von anderen Leihgebern.

Eine Feldpostkarte für Anna Letzgus in Weiler war ebenso zu sehen wie Fotografien, Sterbebildchen, bunte Kartengrüße und alte Briefe – darunter auch manche „Heeressache“, die den Angehörigen in möglichst verklärender Formulierung den grausamen „Helden“-Tod des Sohnes oder des Ehemanns mitteilte.

Mit den Kindern des Feindes geteilt
Szene um 1914, Soldaten auf dem Weg zum Bahnhof Eyach winken in Börstingen einer Frau zu, die mit ihren Kühen ein abgeerntetes Feld pflügt. Deckengemälde des Horber Künstlers Wilhelm Klink in der Börstinger St. Ottilia-Kirche. Repro: Laufenberg

Mit den Kindern des Feindes geteilt
Bierseidel von Josef Schorp, Großvater von Rolf Schorp Bild: Kuttler-Merz

Von 1914 bis 1918 fanden 16 junge Börstinger auf den Schlachtfeldern in Frankreich, Russland, Belgien und Italien den Tod. Das Dorfmuseum, in dem auch eine Schautafel zum Ersten Weltkrieg sowie das Börstinger Vorkriegs-Landschaftsbild von Wilhelm Klink zu sehen sind, hat bis einschließlich Oktober sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Das 1914 entstandene, oben abgebildete Deckengemälde des Horber Künstlers Wilhelm Klink kann in der St. Ottilia-Kirche angeschaut werden.

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18.08.2014, 12:00 Uhr
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