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Es ist fünf vor zwölf

Mehr als tausend Besucher bei der ersten Nacht der Nachhaltigkeit

Eine Freitagnacht von geballter Nachhaltigkeit: Mehr als tausend Leute interessierten sich in Tübingen für Finanzmärkte, Rohstoffe und Umweltschutz.

02.12.2013
  • Matthias Reichert

Tübingen. Zur Nachhaltigkeit gehören Konsequenzen aus der Euro- und Finanzmarktkrise. Im Weltethos-Institut beschäftigten sich Banker und Wirtschaftsexperten vor rund 150 Zuhörern mit der Frage nach dem Geld. Nach Ansicht des Münchner Geldkritikers und -visionärs Prof. Karl-Heinz Brodbeck, der eine buddhistische Wirtschaftsethik vertritt, hat die Ökonomie als Wissenschaft seither „fundamental versagt“. Auch nach der europaweiten Krise habe sich an den Beratungen in den Banken nichts geändert. „Man rechnet immer noch dieselben Modelle aus und tut so, als ob sie funktionieren“, so Brodbeck

Wie man sein Geld auch anlegen kann, zeigte die ökumenische Stuttgarter Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit im katholischen Gemeindezentrum St. Johannes. Oikocredit versorgt Projekte in Entwicklungsländern mit günstigen Krediten. Unter weltweit mehr als 48 000 Anlegern sind auch 300 aus dem Kreis Tübingen. Zu ihnen gehört Clemens Ruhnau: „Ich bin jetzt 67 und will meinen Kindern nicht auf der Tasche liegen. Nebenbei erreiche ich, dass das Geld segensreich in der Dritten Welt eingesetzt wird.“ Ruhnau glaubt: „Irgendwann klappen die Finanzmärkte zusammen. Wahrscheinlich kriege ich mein Geld eher zurück als diejenigen, die in Investmentfonds investiert haben.“

Nachhaltigkeit kann mit kleinen Aktionen beginnen. Das Stadtmuseum hat für 15 000 Euro 400 LED-Leuchten installiert. Die haben jeweils noch sechs Watt Leistung, die Halogenstrahler zuvor kamen auf je 35 Watt. So spart das Museum 29 000 Kilowattstunden Energie im Jahr, rechnete Hermann Jacobi bei einer gut besuchten Führung vor. Das koste 6000 Euro weniger – somit habe sich die Investition nach zwei Jahren schon amortisiert. Ein willkommener Nebeneffekt: „Die Objekte sind besser zu bestrahlen und haben eine ganz andere Wirkung“, sagte Museumsmitarbeiterin Evamarie Blattner. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Licht. Das ist sehr sachlich und nüchtern, ohne kalt zu sein.“ Zudem heizen die LED-Leuchten auch nicht mehr so stark wie die Vorgängermodelle.

Kritik am Tübinger Beleuchtungskonzept

Doch andere Tübinger Leuchten sind umstritten. Das Stuttgarter Projekt „Sternenpark Schwäbische Alb“ kritisiert das städtische Beleuchtungskonzept in der Innenstadt. Es leuchte um tausend Kelvin zu stark, sagte Matthias Engel: „Das Licht ist zu kalt. Die Blauanteile beeinträchtigen das menschliche Hormonsystem und locken mehr Insekten an.“ Engel ist schon bei der Stadt vorstellig geworden, aber „die Leute dort sind so stolz auf ihr Konzept, da ist es schwierig durchzudringen“.

Das Sternenprojekt informierte im evangelischen Gemeindehaus Lamm. Im Saal gab es Recyclingaktionen. René Kalweit bastelte aus alten Dosen „Pyrolyseöfen“. Die darin verbrannte Kohle soll auch den Boden düngen. Nebenan wurden Leuchten in alte Flaschen eingeschraubt. Und die Eßlinger VHS-Dozentin Susanne Eßlinger bastelte CD-Hüllen aus Plastiktüten: „Die werden zurechtgeschnitten und mit dem Bügeleisen verschmolzen.“

Das mitveranstaltende Umweltzentrum öffnete seine Türen in der Kronenstraße. Filme im Kino Arsenal thematisierten Brasiliens letzte Wälder und die Frage, wie Hilfsorganisationen werben sollen. Mehr als hundert Leute verfolgten die abschließende Mitternachtsrede von OB Boris Palmer auf dem Marktplatz – symbolträchtig um fünf vor zwölf.

„Am Nordpol schmilzt das Eis“ – laut Palmer ist der weltweite CO2-Ausstoß seit dem Jahr 2000 um 50 Prozent gestiegen. Zugleich sei das Umweltbewusstsein gesunken. Tübingen hingegen habe den CO2-Ausstoß pro Kopf in den vergangenen sechs bis sieben Jahren um „deutlich mehr als zehn Prozent“ reduziert, bei gleichzeitigem Anstieg der Arbeitsplätze und der Einwohner. Für den grünen OB „ein Zeichen der Hoffnung“.

gsiehe die Text-Bilder-Seite und www.tagblatt.de

Mehr als tausend Besucher bei der ersten Nacht der Nachhaltigkeit
Der Arbeitskreis Klima am Forum Scientiarum der Universität Tübingen zeigte auf der Eberhardsbrücke mit der Wärmebildkamera den Passanten eindrücklich, wo das TAGBLATT seine undichten Stellen hat – nämlich an den Lüftungsschächten. Bild: Franke

Großer Andrang in der Buchhandlung Osiander in der Wilhelmstraße: Dort hielt der Chemiker Prof. Michael Braungart seinen Vortrag über „Upcycling“. Er plädiert mit seinem Konzept für eine neue Wirtschaftsweise, bei der Materialien und Verfahren so entwickelt werden, dass sie einen Nutzen haben. Essbare Lederbezüge oder die Luft reinigende Teppiche sind praktische Beispiele, die bereits Realität sind. Der Denkfehler in der aktuellen Ökologiedebatte liegt für Braungart darin, dass das Ziel lediglich sei, weniger schlecht zu sein – anstatt gut. Initiativen für weniger CO2-Ausstoß oder für den Verzicht auf Plastiktüten seien letztlich eine Form der Beschäftigungstherapie. „Wenn wir das Falsche perfekt machen, machen wir es perfekt falsch“, sagte Braungart. (Ausführlicher Bericht in der morgigen Ausgabe.) far

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02.12.2013, 12:00 Uhr

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