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Leitartikel · #metoo

Macht und Missbrauch

Seine Mitarbeiter nannten Harvey Weinstein „das Schwein“. Was er vielen Frauen über viele Jahre angetan hat, wie er seine Macht und dabei zahlreiche Schauspielerinnen missbraucht hat, ist widerwärtig und unverzeihlich.

04.11.2017
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Es ist eine Schmutzlawine, die über die US-Unterhaltungsbranche niedergeht, seit die ersten Vorwürfe gegen den Produzenten laut wurden. Den digitalen Aufschrei #metoo mögen manche als Hysterie bezeichnen. Und leider ist die mediale Aufbereitung des Skandals oft voyeuristisch, sich an immer neuen Namen aufgeilend. Dennoch ist #metoo wichtig. Die Kampagne macht Opfern Mut, endlich mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, sich wehren zu können. Und sie vermittelt einen Eindruck von den Dimensionen des Problems.

Etwaige Wortmeldungen, dass Karrieren schon seit je her nun mal so gemacht würden, sind nur eins: zynisch. Und ja, es gibt Schauspielerinnen, die gesagt haben: „Ich hatte so oft miesen Sex, nun hatte ich wenigstens mal einen Vorteil davon.“ Aber wir schreiben das Jahr 2017, und die Besetzungscouch gehört auf den Sondermüll.

Zur ideologischen Debatte zwischen modernen und konservativen Positionen der Sexualmoral taugt das Thema nicht. Als öffentliche Figur trat Weinstein liberal auf, förderte Filme mit starken Frauenrollen. Doch wenn er die Tür zuzog, nutzte er gewissenlos und gewalttätig seine Position aus. Das beweist nichts, außer dass Weinstein ein Heuchler ist.

Mit dem Fall Spacey hat der Skandal eine weitere Facette bekommen. Wie der Oscar-Preisträger versucht, von den Vorwürfen gegen ihn durch ein Coming-out abzulenken, erweist der Sache einen Bärendienst.

Doch diese Formen des Missbrauchs sind nicht auf Hollywood, nicht auf die Filmwelt beschränkt. Man findet sie überall, wo es um Macht und Abhängigkeit geht. Sexismus hat in der Unterhaltungsindustrie seit Generationen System, aber eben nicht nur dort.

Auf die USA ist das Problem auch nicht begrenzt, siehe Rücktritt des britischen Verteidigungsministers. Und in Deutschland dürfte es kaum besser zugehen als anderswo. Im Rückblick wird beispielsweise die Dekolleté-Affäre um den FDP-Politiker Brüderle noch unappetitlicher. Dass solches Verhalten als Kavaliersdelikt – was für ein Begriff! – durchgeht, muss passé sein.

Aber wie vermeiden wir, dass wir in der Folge des Skandals zu einer misstrauischen, angstvollen, lustfeindlichen Gesellschaft werden? In der das offene Miteinander, das Flirten sofort verdächtig werden, wie es an US-Colleges der Fall ist?

Eigentlich ist es einfach: Es ist alles eine Frage der Haltung und des Respekts. Eine Frage des Hinsehens, des Zuhörens und des Ernstnehmens. Und im Zweifelsfall eine Frage der klaren Ansage – auch weil jeder Mensch andere Sensibilitäten hat. Zudem ist eines klar: In der Arbeitswelt und überall dort, wo es Machtgefälle und Hierarchien gibt, ist besondere Zurückhaltung geboten.

Ja, Harvey Weinstein ist ein Schwein. Aber den Stall ausmisten müssen wir alle.

leitartikel@swp.de

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04.11.2017, 06:00 Uhr
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