Einfach zart

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

Von Teresa Dapp und Christoph Meyer, dpa

Er schreibt Bestseller mit literarischem Anspruch. Die Schwedische Akademie ehrt den britisch-japanischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro.

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

Bekommt den Literaturnobelpreis 2017: der britisch-japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro. Foto: dpa

Stockholm. Mit den Gefühlen fängt alles an. Ob er dann einen historischen Roman aufs Papier bringe, Science Fiction oder moderne Erzählungen, sagte Kazuo Ishiguro einmal, entwickle sich am Schluss. Der britische Autor mit japanischen Wurzeln sprengt Grenzen. Er kann experimentell sein, aber auch konservativ. Modern und traditionell. Ishiguro ist ein Brückenbauer – und genau das machte ihn wohl auch für die Jury zur idealen Wahl im Jahr eins nach Bob Dylan.

Kazuo Ishiguro also bekommt den Literaturnobelpreis 2017. Er schreibe Romane mit „starker emotionaler Kraft“, lobte Jury-Chefin Sara Danius. Sie könnten beginnen wie ein Jane-Austen-Roman – und enden wie Franz Kafka. Der 62-Jährige kombiniere ihre psychologische Einsicht mit seiner Erforschung der existenziellen Absurdität, sagte sie.

Doch Ishiguro nur über andere Autoren zu charakterisieren, werde ihm überhaupt nicht gerecht, sagte Danius. „Er hat sein ganz eigenes ästhetisches Universum entwickelt.“ Sein Stil sei zurückhaltend, unaufdringlich, sehr diskret, eher einfach und zart. Seine Themen dagegen riefen dramatische Ereignisse wach, wenn man zwischen den Zeilen lese.

Sein Romandebüt „Damals in Nagasaki“ machte Kazuo Ishiguro auf einen Schlag berühmt. Der Roman, der 1982 erschien, spielt in seiner Heimatstadt in Japan. Ishiguro verließ das ostasiatische Land mit seinen Eltern bereits als kleiner Junge in Richtung Großbritannien. Erst als Mittdreißiger kehrte er 1989 für einen Besuch zurück.

Die Erinnerungen an Nagasaki seien aber mehr als „ein paar verschwommene Bilder“, sagte der heute 62-Jährige der britischen Tageszeitung „The Guardian“ im Jahr 2005. Er habe die Stadt als „echten Teil“ seines Lebens im Gedächtnis. Ishiguro wuchs mit zwei Schwestern im Guildford südlich von London auf. Sein Vater arbeitete als Meeresforscher. Eine Einwanderermentalität hätten seine Eltern nicht gehabt, sagte Ishiguro. „Sie dachten immer, sie würden eines Tages wieder nach Hause gehen.“

Im Tross von Queen Mum

Seine Leidenschaft zum Schreiben entdeckte er bereits als Grundschüler, als er sich mit Vorliebe Spionagegeschichten ausdachte. An der Universität von Kent studierte er Philosophie und Anglistik, an der Universität von East Anglia belegte er den Studiengang Kreatives Schreiben. Doch es dauerte, bis er die Schriftstellerei zum Beruf machte. Er trat zeitweise in Londoner Pubs als Gitarrist, Sänger und Pianist auf. Ein Jahr lang arbeitet er im Tross der Queen Mum, der Mutter von Königin Elizabeth II., reiste durch die USA und Kanada. Erst seit 1983 widmet er sich voll und ganz dem Schreiben.

Und das erfolgreich: Für „Was vom Tage übrig blieb“, sein wohl berühmtestes Buch über einen alternden Butler, bekam der Schriftsteller 1989 den Booker-Preis. Es wurde mit dem US-Schauspieler Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt. Dem „Guardian“ verriet er, den Großteil des Buchs in nur vier Wochen verfasst zu haben. „Ich habe nichts als geschrieben, von neun Uhr morgens bis halb elf abends, montags bis samstags“, so Ishiguro. Er habe weder Post geöffnet noch sei er ans Telefon gegangen. Für ein späteres Buch, „The Buried Giant“ (Der begrabene Riese), habe er zehn Jahre gebraucht, sagte Ishiguro bei einem Literaturfestival vor einigen Jahren.

In jüngeren Werken verwendete er immer wieder Science-Fiction-Elemente. Die Horrorvision „Alles, was wir geben mussten“ über als Organspender herangezogene Klone wurde unter anderem mit Keira Knightley verfilmt. Ishiguros Werke sind in mehr als 40 Sprachen übersetzt und verkauften sich nach Verlagsangaben millionenfach.

Auch die Musik spielt eine große Rolle in seinem Leben und Werk. Als seine „Helden“ nannte er einst Leonard Cohen, Joni Mitchell und Bob Dylan, den das Nobelpreiskomitee im Jahr vor ihm auswählte. Mit seinen Freunden habe er „endlos“ über die Beziehung zwischen Text und Musik diskutiert, sagte er dem „Guardian“.

Im Jahr nach dem höchst umstrittenen Preis an den Musiker Bob Dylan, der der Jury einige graue Haare eingebracht haben dürfte, ist Ishiguro unumstritten. Die aktuelle Entscheidung habe damit überhaupt nichts zu tun, betonte Danius. „Wir haben jemanden ausgewählt, den wir für einen absolut brillanten Romanautor halten.“ Die Jury-Chefin kündigte auch gleich an, Ishiguro habe versprochen, zur Preisverleihung an Alfred Nobels Todestag, dem 10. Dezember, nach Stockholm zu kommen. Das hatte Dylan nicht getan.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


06.10.2017 - 06:00 Uhr