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Langsam, aber spannend: Per Zug nach Almaty zu reisen, hält Überraschungen bereit
Christine Faget
Mit der Bahn nach Kasachstan

Langsam, aber spannend: Per Zug nach Almaty zu reisen, hält Überraschungen bereit

Bangen Herzens sitze ich in der riesigen Wartehalle des Moskauer Pawelezkij Bahnhofs: Allein als junge Frau, dreieinhalb Tage, 4000 Kilometer von Moskau nach Almaty – in der „Holzwagenklasse“?!

11.12.2012
  • von Christine Faget, 22

„Pass bloß auf, dass dir nichts geklaut wird“; „Lass dich auf keinen Fall zum Wodkasaufen verführen“; „da drin wird es stickig; ungefähr 40 Menschen zusammengepfercht in einem Waggon, ohne Klimaanlage, bei 50 Grad durch die Wüste“ – die schockierten Reaktionen meiner russischen Bekannten in Deutschland reizten mich umso mehr, die Vorurteile selbst zu überprüfen.

Wie im Rausch spaziere ich inmitten des hektischen Treibens den Bahnsteig entlang: Asiatische Gesichter lächeln mich an. Der hellblaue Zug mit dem gelben Geschnörkel strahlt prachtvoll in der Nacht. Tapfer zwänge ich meinen schweren Koffer durch den engen Gang.

In meiner Ecke sitzen bereits eine ältere Dame und zwei Männer. Die Betten sind so angeordnet, dass sie immer ein Sechserabteil ergeben: Zwei Hochbetten stehen seitlich und eins am Kopfende. Bei Wera, der alten Dame, kommen sogleich Muttergefühle auf, als ich in gebrochenem Russisch auf sie einrede: Ob mir denn nicht langweilig werden würde, so ganz alleine? Mitleidig mustert sie mich. Da ich nicht viel verstehe, begreife ich erst nach wildem Gestikulieren, dass Wasja, wie sich einer der zwei Männer vorstellt, freundlicherweise das Bett mit mir tauschen will. So kann ich mich unten ausbreiten, während er sich in die obere Schlafecke zwängt. Das hat zugleich den Vorteil, dass ich meine Wertsachen unter meinem Bett verstauen kann. Keine Chance für Diebe also, denn nachts schlafe ich darauf.

Träume ich noch? Verunsichert recke ich mich. Direkt vor meiner Nase ist ein Schlaraffenland für den hungrigen Magen ausgebreitet: Hähnchen, Eier, Brot, Gemüse und Kartoffeln türmen sich auf Augenhöhe. Darüber auffordernde Blicke: „Dawaj, dawaj!“ Dankbar greife ich nach einem Stück Hühnchenfleisch. Aufmunternd nicken mir meine Abteilgefährten Wera, Wasja und Oleg zu, drücken mir Gemüse in die Hand.

Beim Schaffner gibt es Tee- und Suppenwasser

Bedrohlich schnell rast der Zug gen Wüste, vorbei an spärlicher Bewaldung und vereinzelten Siedlungen. Der holzbeheizte Wasserkessel am Eingang des Waggons brodelt: Hier beim Schaffner kann man heißes Wasser für Tee und Suppen zapfen. Wera beruhigt mich ob meiner Angst vor der Wüstenhitze: Im Zug gebe es eine Klimaanlage. Am nächsten Morgen jedoch der Schock – sie funktioniert nicht! Ich versuche, mich durch Smalltalk, Essen, Schlafen, Lesen und Aus-dem-Fenster-gucken abzulenken.

Im Waggon hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass ich eine „Inostranka“, eine Ausländerin bin. So posieren die Menschen vor meiner Kamera und testen ihre Deutschkenntnisse. Da ist die Mutter, an deren Seite sich ein kleines Kind schmiegt, die alte aufgedrehte Kasachin, der usbekische Professor, der so stolz auf seine Englischkenntnisse ist, dass er mich vor Begeisterung vollspuckt, und der alte Usbeke, der stets für gute Laune im Abteil sorgt. Langsam wechselt die Landschaft von der Steppe zu immer dürftiger bewachsener Wüste. Schajsan, Aktöbe, Schalkar – egal wo der Zug mit einem lauten Quietschen zum Stehen kommt, eilen Babuschkas (ältere Frauen) und Kinder heran, verkaufen je nach Region saftige Melonen, getrocknete Fische und Äpfel. Ein Verkäufer schreit im Wettstreit mit dem nächsten – der Bahnsteig lebt.

Kuh- und Ziegenherden, wilde Pferde, Esel und Kamele ziehen an der vom Wüstensand verstaubten Fensterscheibe vorbei. Vielleicht hilft ja eine Dusche zur Abkühlung? Mit Flip-Flops und einer leeren Wasserflasche bewaffnet, mache ich mich auf den Weg in Richtung Toilette. Zum Duschen füllt man Wasser in die Flasche und gießt sie über sich. Diese Erfahrung bleibt mir jedoch erspart: Mitten in der Wüste ist das Wasser so trüb vom Sand, dass der Duscheffekt gleich Null wäre.

Schweren Herzens verabschiede ich mich in Schu von meiner Zug-Mami, die mir sämtlichen Proviant da lässt. Am Morgen dann Aufbruchstimmung: Jeder richtet sich, so gut er eben kann. Eine Wolke aus Parfüm umhüllt mich. Und endlich sind sie da: die Berge! Innere Jubelschreie, Glücksgefühle. Geschafft! Almaty strahlt mich in der Morgendämmerung an. Frohen Mutes und um eine kostbare Erfahrung reicher stürze ich mich in das wilde Treiben der Stadt.

Langsam, aber spannend: Per Zug nach Almaty zu reisen, hält Überraschungen bereit
Händler am Bahnsteig: Sie verkaufen die Köstlichkeiten der Region. Bilder: Faget

Langsam, aber spannend: Per Zug nach Almaty zu reisen, hält Überraschungen bereit
Ohrstöpsel helfen: Die blenden das Schnarchkonzert im Schlafwagen aus.

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11.12.2012, 12:00 Uhr
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