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Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über die Faszination Nofretete

Noch immer stehen Menschen Schlange, um die Nofretete zu sehen. Wieso die schöne Ägypterin so viel Leidenschaft - und Streit - entfacht, dazu hat die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy eine ganz eigene These.

05.12.2012
  • LENA GRUNDHUBER

Nofretetes Entdecker, Ludwig Borchardt, notiert 1912: "Beschreiben nützt nichts, ansehen". Woher rührt diese Faszination?

BENEDICTE SAVOY: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Als die Amarna-Kunst ausgegraben wurde, wusste man zwar einiges darüber, hatte aber wenig gesehen. Und dann fand man plötzlich 40 tolle Köpfe, darunter die Nofretete. Das war ein ästhetisches Ereignis, ein Überraschungseffekt sondergleichen! Gleichzeitig wurde in Berlin vor dem Ersten Weltkrieg viel über Skulptur und Raum gesprochen, das war ein populäres Thema, das Auge der Leute war geschult.

Aber warum wurde ausgerechnet Nofretete zur "Mona Lisa Berlins", zum deutschen Idol?

SAVOY: Das hängt auch damit zusammen, dass sie zehn Jahre lang gar nicht sichtbar war. 1913 wurde erstmal ihre "Familie", wurden die anderen Amarna-Funde in Berlin ausgestellt, und schon diese haben die Berliner elektrisiert. Als 1924 die Nofretete gezeigt wurde, war das Terrain vorbereitet - man konnte nur begeistert sein. Zudem war bis 1925, als der Deutschen-Hass sich nach dem Ersten Weltkrieg langsam legte, kaum internationales Publikum in der Stadt, den direkten Eindruck hatten nur die Berliner, und so wurde die Nofretete massiv von ihnen vereinnahmt.

Es ist von jeher aber auch das Gesicht selbst, das die Leute anzieht.

SAVOY: Der Vergleich zum Film drängt sich auf. Mitte der 20er Jahre wird Greta Garbo berühmt. Nofretetes Gesicht passte in diese aufgeregte Zeit, in das Berlin der sexuellen Befreiung. Ich weiß nicht, wie sie in Stuttgart gewirkt hätte. Zeitgleich zur Amarna-Ausstellung 1913 waren afrikanische Plastiken neben Gemälden von Picasso zum ersten Mal in Berlin zu sehen. Das ist kein Zufall, die Leute suchten nach neuen Formen. Es gab Kunstkritiker, die in der Amarna-Kunst den eigentlichen Futurismus, die ursprüngliche Avantgarde sahen.

Weiß man, wie die Nofretete damals im Museum inszeniert wurde?

SAVOY: Davon gibt es Fotos, ja. Sie stand in einem "white cube", in nüchternen weißen Wänden, ganz im zeitgenössischen Stil der Neuen Sachlichkeit, des Bauhauses.

Nofretetes Gemahl Echnaton gilt als Erfinder des Monotheismus. Spielt das auch eine Rolle?

SAVOY: Das spielt natürlich eine wahnsinnig große Rolle. Die Leute hatten das Gefühl, ihre eigene biblische Geschichte ausgegraben zu haben. Der Monotheismus hatte jetzt ein Gesicht, die Zeit zwischen Amarna und dem Großstadtmenschen des 20. Jahrhunderts wurde in der Wahrnehmung radikal verkürzt. Man hatte den Eindruck: "Die sind wir" - und verblüffenderweise sahen die auch noch so aus. Selbst Schriftsteller wie Rilke und Thomas Mann identifizierten sich mit diesen "melancholischen" Gesichtern wie aus dem Fin de siècle.

Um die Nofretete tobt seit langem ein Streit. Den Deutschen wird vorgeworfen, sie hätten die französischen Altertümerverwalter ausgetrickst. Sie vertreten eine andere These.

SAVOY: Es gibt die These, die Franzosen hätten den Wert nicht erkannt. Ich glaube, dass Gustave Lefebvre, der die Teilung der Amarna-Funde verantwortete, sehr genau darum wusste. Doch die französische Altertümerverwaltung hatte kein Problem damit, tolle Stücke ins Ausland zu geben. Die Franzosen wollten sich in der Ägyptologie international behaupten, indem sie kooperierten. Außerdem wollte man die Funde nicht auseinanderreißen. Das war nicht so national gedacht.

Später dachte man umso nationaler.

SAVOY: Der spätere Direktor der Altertümerverwaltung konstruierte im Nachhinein einen Fehler seiner Kollegen und meinte, die hätten sich von den Deutschen übers Ohr hauen lassen. Im Ersten Weltkrieg wurde die Debatte ideologisch, eine "Ausweitung der Kampfzone" auf das Feld der Archäologie.

Sie haben eine Studie dazu veröffentlicht und schreiben, das seien sie den Ägyptern "schuldig". Wieso?

SAVOY: Ich habe dieses Buch geschrieben, als ich im Fernsehen die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz sah. Mein Material hatte ich schon lange, aber die Sympathie für diese Bewegung war für mich erst der Impuls, das Buch zu schreiben.

Sind Sie dafür, die Nofretete an Ägypten zurückzugeben?

SAVOY: Es geht nicht darum, undifferenziert radikale Restitutionen zu fordern. Aber die Nofretete-Affäre ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit einer weltweit offenen Diskussion über den Umgang unserer Museen mit den archäologischen Schätzen, die den Weg in ihre Sammlungen gefunden haben. Was ich anregen möchte, ist, dass die Museen Transparenz über die Herkunft der Objekte herstellen. Zumindest intellektuell kann man sich so einen Besitz teilen, indem man etwa die ägyptischen Kollegen bei wichtigen Entscheidungen einbezieht. Die Nofretete als nationales Eigentum zu verstehen, passt nicht zu dieser globalisierten Welt. Man sollte sich als zeitweiliger Verwalter für Werke verstehen, die der ganzen Menschheit gehören - ob sie in Berlin, Irkutsk oder Kairo stehen.

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über die Faszination Nofretete
Der Büste der Nofretete wird von jeher eine besondere Aura zugeschrieben. Fotos: dpa, Markus Hilbich

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über die Faszination Nofretete
Bénédicte Savoy.

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05.12.2012, 12:00 Uhr
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