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Kühlschranklosigkeit
Kulturphänomene (107)

Kühlschranklosigkeit

Heute morgen strich ich versonnen, ja zärtlich über die Arbeitsplatte meiner neuen Küche. Nein, es ist kein Porsche unter den Küchen. Es ist nur so: Ich hatte schlicht einen Monat lang keine. Abspülen in der Badewanne. Wasserholen, Nudelabgießen im Badezimmer. Immerhin konnte ich eingeschränkt kochen auf einer mobilen Platte mit zwei Kochfeldern, die ich noch hatte.

12.05.2016
  • Peter Ertle

Erhitzen konnte ich also. Kühlen nicht. Nach einem Monat ohne Kühlschrank kann ich heute das Ergebnis verkünden: Wer Balkon und/oder Speisekammer hat, braucht nahezu keinen Kühlschrank. Gut, zwischen Mitte Mai und Mitte September wird man vermutlich an 50 Prozent der Tage Probleme bekommen, das sind: zwei Monate. Mit Ausnahme von zwei Monaten brauchen wir keinen Kühlschrank.

Es hat sogar Vorteile: Den Käse muss man schon nicht mehr zwei Stunden vorher raus legen, damit er das richtige Aroma entfaltet. Das Bier ist endlich mal nicht eiskalt, auch wenn es jeder Dödel am liebsten so trinkt, sondern Speisekammer-kühl, wie es am besten schmeckt und am gesündesten ist. Der Champagner hat mit seiner ganzen Balkonnachtkälte ideale Temperatur, vor allem wenn man ihn, wie ich, schon eimerweise zum Frühstück trinkt.

Alle Milchprodukte hielten sich bis hin zu drei Wochen. Nein, einmal flockte eine Buttermilch aus. Ehrlich gesagt, so was passiert auch im Kühlschrank mal. Essiggurken, Senf, Tomatenketchup: Den ganzen Monat nicht im Kühlschrank, nichts schimmelte, roch seltsam, nichts veränderte die Konsistenz. Die Eiswürfel sahen nach einem Monat noch aus wie am ersten Tag.

Nein, das kann nicht sein!

Ja gut, das mit den Eiswürfeln war jetzt gelogen, das mit dem Champagner war auch ein bisschen geflunkert, aber davon abgesehen stimmt sonst alles, wirklich.

Bei den Eiern muss man halt aufs Datum gucken, macht man ja eh. Salami hält Wochen, andere Wurst isst man eben ein bisschen rascher, aber es empfiehlt sich ja vom Geschmack bis hin zum Vitamingehalt – bei Salaten zum Beispiel – grundsätzlich, die Sachen nicht ewig herumzuziehen, da ist die Kühlschranklosigkeit eine gute Schule. Nur bei rohem Fisch und Fleisch habe ich erst gar nicht experimentiert. Da sollte man sich dann wohl doch geschrotetes Eis aus dem Supermarkt holen. Oder pökeln. Oder räuchern. Am besten: Sofort essen.

Auch Boris Palmer machte vor Jahren ein ohne Kühlschrank-Experiment. Aber bei ihm hat so was ja sofort den Charakter eines sendungsbewussten Öko-Pilotprojekts. Bei mir nicht. In mir haust keine schwäbische Tüftlermentalität und kein forciertes Weltrettertum. Ich will auch keinen Serviceartikel schreiben. Ich habe nur Freude am Bruch mit der Gewohnheit und was man daraus lernt. Falsche Schlüsse sollte man aus dem Experiment aber nicht ziehen: In den Kühlschrank nur wenig reinzustellen ist unter dem Gesichtspunkt des Energiebewusstseins grundfalsch. Ein gut gefüllter braucht weniger Energie als ein leerer. Manchmal braucht man eben ein bisschen Physik. Einen Kühlschrank brauchen wir dagegen nicht. Und haben doch alle einen.

Ich auch wieder. Und ich verspüre keinen Ehrgeiz, ohne ihn auszukommen. Ärgerlich ist nur: Schon morgen werde ich nicht mehr versonnen über die Arbeitsplatte streichen. Nichts in mir wird denken: Wow, ein Kühlschrank wie toll! Schnöde werde ich ihn öffnen, werde den Quark herausholen und das Kaffeepulver reinstellen, weil es gekühlt angeblich weniger Aroma verliert. Und wenn mal das Licht unter der Dunstabzugshaube ausfällt, werde ich maulen wie einer, der ein Anrecht hat auf das Funktionieren seiner kleinen Welt.

Zum Dossier: Kulturphänomene

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12.05.2016, 01:00 Uhr
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