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Krebs mit Schnupfen heilen
Die Computerdarstellung zeigt ein Schnupfenvirus, das gezielt gegen Tumore eingesetzt werden könnte. Rot die Fresszellen der körpereigenen Immunabwehr, die das Virus normalerweise schon in der Blutbahn unschädlich machen. Grün die vom Ulmer Genforscher Florian Kreppel entwickelte „molekulare Badehaube“. Sie soll garantieren, dass die Viren unbeschadet im Tumor ankommen und dort ihre zerstörerische Wirkung gegen den Krebs entfalten.F Foto: Uni Ulm
Ulmer Gen-Forscher arbeitet an Virotherapie der Zukunft

Krebs mit Schnupfen heilen

Krebs mit Schnupfenviren heilen? Das klingt unseriös. Aber in wenigen Jahren könnte es soweit sein. Gen-Forscher Florian Kreppel arbeitet daran.

09.06.2016
  • CHRISTOPH MAYER

Ulm. Jeder weiß es: Viren machen einen mitunter ganz schön krank. Sie tun das, indem sie in körpereigene Zellen eindringen und diese umprogrammieren. Das muss nicht immer schlecht sein. Es gibt seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegte, wenngleich seltene Fälle, in denen sich Krebskranke mit einem Virus, zum Beispiel Masern oder Herpes, infizierten – binnen kurzer Zeit war der Tumor verschwunden. Der Mechanismus dahinter ist simpel. Die Viren zerstören Zellen im Tumorgewebe und setzen dabei auch Bruchstücke des Tumors frei, die zusätzlich eine Immunreaktion gegen den Krebs auslösen.

An diesem Punkt setzt Florian Kreppel an. Der Ulmer Genforscher von der Abteilung Gentherapie der Universität Ulm will Adenoviren – im Volksmund auch Schnupfen- oder Erkältungsviren genannt – einsetzen, um Krebspatienten zu heilen. Das soll sogar dann funktionieren, wenn die Krankheit bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hat und der Tumor Metastasen gebildet hat. Was Kreppel zuversichtlich stimmt? Tumorzellen bilden ein geradezu ideales Milieu für Viren. „Weil sie bereits entartet sind, können sich Viren in ihnen besonders gut vermehren.“

Das größte Problem: Wie die Viren zum Tumor bringen? Natürlich kann man die Krankheitserreger ins Blut eines Patienten spritzen. Doch der Weg durch die Blutbahn bekommt Viren im Normalfall ziemlich schlecht. Die körpereigene Immunabwehr schlägt erbarmungslos zu. „Es dauert nur ein paar Sekunden oder höchstens Minuten und das Virus ist neutralisiert“, sagt Kreppel. Klar, dass dann auch der Tumor ungeschoren davonkommt.

Die Frage, die Kreppel seit Jahren umtrieb: Kann man das Virus so lange schützen, bis es im Tumor angelangt ist? Offenkundig ja. Der Genforscher hat eine Methode („eine Kombination aus Gentechnik und Chemie“) entwickelt, die er sich jetzt hat patentieren lassen und für die er kürzlich in Leipzig mit dem Innovationspreis der Bio-Regionen ausgezeichnet worden ist. Bis zur Anwendung am Patienten dauere es allerdings noch, sagt er.

Zwar gab und gibt es bereits andere Forscher, die versucht haben, Viren mittels molekularer Verfahren „einzupacken“, um sie vor der Immunabwehr zu schützen – was auch gelang. „Doch dann waren die Viren nicht mehr infektiös und konnten dem Tumor nichts anhaben.“

Kreppel konzentrierte sich dagegen allein auf die Achillesverse des Virus – jene sensiblen Angriffspunkte auf der Virusoberfläche, auf die sich die Fresszellen der Immunabwehr stürzen. Für diese Stellen entwickelte er passgenau eine Art „molekulare Badehaube“, wie er es ausdrückt. Sie schützt den Krankheitserreger vor Angriffen und lässt ihn ungestört zum Tumor schwimmen. Dort kann er seine zerstörerische Wirkung gegen den Krebs entfalten.

In Tierversuchen mit Mäusen waren Kreppel und seine sieben Teamkollegen bereits erfolgreich. „Das Prinzip funktioniert. Und vor allem schadet es den Mäusen nicht anderweitig.“ Frühestens im Jahr 2019, so schätzt er, könnte es erste klinische Tests an Probanden geben. Um das Präparat unter zertifizierten Bedingungen herzustellen bedürfe es allerdings noch zahlreicher pharmakologischer Tests.

Dennoch ist Kreppel fest davon überzeugt, dass die Nebenwirkungen der Virotherapie schwach ausfallen. Fieber, Übelkeit, Abgeschlagenheit, wie bei einer leichten grippalen Virusinfektion eben üblich. „Verglichen damit ist jede Chemotherapie viel heftiger.“

Die Herstellung zertifizierter Viren für den klinischen Einsatz ist allerdings teuer, sagt Kreppel, der sich deshalb schon bald aus dem universitären Umfeld verabschieden und ein Unternehmen gründen will – zumal die bisherige Förderung durch ein Forschungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft 2017 turnusgemäß ausläuft. „Als Firma hat man es leichter, denn man braucht einen Investor.“ Etwa zwölf Millionen Euro seien notwendig. Die Chancen dafür, dass Investoren in das Projekt einsteigen, bezeichnet er als sehr gut. „Virotherapie ist das nächste große Ding.“

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09.06.2016, 10:00 Uhr
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