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Kratzen, beißen, salzen
Einer der lebenslang gesperrten Russen: Alexander Legkow, Sotschi-Olympiasieger im Langlauf. Foto: dpa
Olympia

Kratzen, beißen, salzen

Russland weigert sich, systematisches Staatsdoping einzugestehen. Und hofft auf einen Kuhhandel mit dem IOC über eine Starterlaubnis bei den Winterspielen in Pyeongchang.

05.12.2017
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Wladimir Putin geht auch das Thema Doping offensiv an: Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) hätte die Proben der russischen Olympia-Athleten von Sotschi ohne Beanstandungen in Empfang genommen, zwei Jahre seien diese im Lausanner Wada-Labor gewesen. „Erst danach kamen Fragen auf, ob sie jemand geöffnet hätte“, erklärte Russlands Staatschef kürzlich vor andächtig lauschenden Fabrikarbeitern in Tscheljabinsk. „Was man dort mit ihnen gemacht hat, wissen wir nicht. Ob sie jemand angekratzt oder reingebissen hat.“ Nicht nur der Judoka und Eishockeyspieler Putin, ganz Sportrussland spottet über die Kratz- und Beißspuren auf olympischen Reagenzgläsern.

Denn heute will das IOC-Exekutivkomitee in Lausanne verkünden, ob Russland von den bevorstehenden Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang ausgesperrt wird. Seit Wochen hagelt es Katastrophenmeldungen. Anfang November wurden neue Enthüllungen über massenhaftes Doping-Vertuschen im Moskauer Antidoping-Labor bekannt, vor einigen Tagen verlängerte der Leichtathletikweltverband die Wettkampfsperre der russischen Leichtathleten.

Elf Medaillen sind futsch

Aber noch schlimmer eskalierte der Staatsdopingskandal von Sotschi: Auf der Grundlage eines im vergangenen Jahr veröffentlichten Berichts des unabhängigen Ermittlers Richard McLaren sperrte das IOC 25 russische Athleten lebenslang für Olympia und erkannte Russland elf Medaillen ab, darunter drei goldene.

Im Ergebnis rutschte das Gastgeberland in der inoffiziellen Gesamtwertung der Winterspiele 2014 vom ersten auf den fünften Platz ab, ein nationaler Schock: „Sotschi, das waren die sinnlosesten Kämpfe in der Geschichte des Sportes“, klagt das Fachportal sports.ru. Russlands olympischer Supergau, auch weil die Spiele als Chefsache galten, weil Putin persönlich immer wieder den „Sieg“ im Medaillenspiegel bejubelte. Jetzt weigern sich die russischen Athleten reihenweise, ihre Medaillen zurückzugeben. Duma-Abgeordnete, Sportjournalisten und Fans leugnen vehement das Verdikt McLarens, Russlands Sportministerium, die staatliche Antidopingagentur und der Geheimdienst hätten die Dopingproben russischer Medaillenfavoriten systematisch ausgetauscht.

Der Oligarch Michail Prochorow droht eine Klage vor einem US-Gericht gegen Grigori Rodtschenkow an, den Ex-Chef des russischen Antidopinglabors, der selbst feste mit gedopt hatte, dann aber nach Amerika floh und dort auspackte. Für fast ganz Russland ein Verräter. „Das staatliche Dopingsystem ist eine Erfindung Rodtschenkows, die Westjournalisten und einige Wada-Beamte übernommen haben“, fasst der kremlnahe Politologe Alexei Muchin die nationale Stimmung zusammen. „Sie wollen unsere Sportler demotivieren, und den Ruf der Führung Russlands nach Kräften schädigen. Aber sie haben keine Beweise“.

Wirklich gibt es keine positive Dopingprobe der entthronten russischen Sotschi-Helden. Und wirklich qualmt Rodtschenkows Geschichte wie eine Räuberpistole: Von den Cocktails aus teurem Whiskey und Steroiden, die er in Sotschi mixte, bis zum „Mauseloch“ in der Wand des Abstellraums, durch die er positive Proben fingerfertigen Geheimdienstlern im Nebenraum reichte, die die versiegelten Reagenzgläser „knackten“, leerten und sauberen Urin hineinschütteten.

Aber ausgerechnet die Kratzspuren, über die ganz Russland lästert, untermauern die Story des Kronzeugen klarer als alle E-Mails, anonymen Zeugen und seine Tagebucheinträge. Es gibt inzwischen zwei verschiedene forensische Untersuchungen der betroffenen Reagenzgläser. Sie beweisen, dass diese wirklich geöffnet wurden, unter Hinterlassung winziger Kratzspuren, ein paar auch ohne diese. Hineingebissen hatte niemand. Aber in acht Gläsern fand sich Urin mit extrem hohem Salzgehalt, Rodtschenkow hatte ausgesagt, er habe mit Salz Gewichtsunterschiede der manipulierten Proben zu den offiziellen Testprotokollen ausgeglichen. Auch Indizien sind bisweilen erdrückend. Und bei aller Wut stecken die russischen Verantwortlichen in Erklärungsnot: Warum ließen sie in Sotschi die Proben ihrer Olympiasieger heimlich öffnen und zum Teil gründlich versalzen?

Wladimir Putin aber wäre nicht Putin, wenn er jetzt nicht ganz andere Verdächte hegte. Den Tscheljabinsker Fabrikarbeitern klagte er, ihn beunruhige sehr, dass die Spiele in Südkorea im Februar begingen. „Und wann finden bei uns Wahlen statt? Richtig. Im März.“ Er habe den Verdacht, man wolle Russland von den Winterspielen ausschließen, um Unruhe unter russischen Fans zu stiften. Die USA, die das Kontrollpaket im IOC besäßen, wollten so die russischen Präsidentschaftswahlen beeinflussen. „Das wäre sehr schlecht, weil es die olympische Idee pulverisiert.“

Ohne Fahne und Hymne?

Gleichzeitig äußern einige Moskauer Experten die Hoffnung, dass das IOC, dessen Präsident Thomas Bach als Putin-Spezi gilt, nicht nur nach amerikanischer Pfeife tanzt. „Die, die nach russischem Blut gierten, haben ihr Opfer bekommen“, erklärt der Duma-Abgeordnete Marat Barijew. Jetzt heißt es in Moskau, ohne Russland seien die Winterspiele wertlos, würden Einschaltquoten und Ticketverkäufe abstürzen.

Die Zeitung Sowetski Sport aber berichtet unter Berufung auf Quellen im IOC, Russland werde eine Starterlaubnis erhalten, müsse allerdings ohne russische Fahne und Hymne antreten muss. Eine Schmach, Alexander Schukow, Vorsitzender des NOKs drohte schon mit Boykott: „Unter neutraler Flagge werden keine Russen antreten.“ Die Debatte um Olympia ist in Russland noch lange nicht vorbei.

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05.12.2017, 06:00 Uhr
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