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Kirchentellinsfurter erlebte in New York den Hurrikan
Noch zwei Tage nach dem Sturm wurde beim One World Trade Center Wasser aus den Kellern gepumpt. Und immer noch war kaum jemand unterwegs.
Sandy wirbelte im Urlaub

Kirchentellinsfurter erlebte in New York den Hurrikan

Es sollte ein schöner und erholsamer Abschluss einer ganzen Reihe von USA-Aufenthalten werden – doch dann kam Sandy. Der Kirchentellinsfurter Siegfried Leidig war mit seiner Familie in New York, als dort der Hurrikan zuschlug.

07.11.2012
  • von Sabine Lohr

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Kirchentellinsfurt / New York. „Ich war noch nie so froh, wieder zuhause in Kirchentellinsfurt zu sein“, sagt Siegfried Leidig. Dabei hatten der 47-Jährige und seine Familie enormes Glück, als der Hurrikan Sandy am Montag vor einer Woche die nordamerikanische Ostküste traf.

Dass der Wirbelsturm kommen würde, wusste Leidig schon vor seiner Abreise. „Wir haben am Donnerstag davon erfahren“, berichtet er. Den Flug abzusagen, der für den Samstag gebucht war, kam aber nicht in Frage. Von früheren Besuchen in den USA kennt er viele Leute dort, und auch zu amerikanischen Geschäftspartnern hält er Kontakt. Viele davon hat er gefragt, wie die Lage einzuschätzen sei. Sie beruhigten ihn: Hurrikans seien in dieser Saison völlig normal und eigentlich halb so wild.

Von Panik war nichts zu spüren

Also flogen Leidig, seine Lebensgefährtin, die drei Töchter und ein Freund am Samstag nach New York, nahmen sich einen Mietwagen und bezogen das gebuchte Ferienhaus auf Long Island. Das Haus liegt etwas erhöht und gut geschützt zwischen größeren Häusern. „Und im Keller ist eine Pumpe. Die Vermieterin sagte, wir sollten das Wasser, falls welches reinlaufen sollte, einfach rauspumpen.“ Von Panik jedenfalls sei am Sonntag nichts zu spüren gewesen, sagt Leidig. „Die Nachbarn haben ein oder zwei Sandsäcke gefüllt, das war‘s.“ Alle sagten, das Wasser würde vielleicht zehn oder 20 Zentimeter hoch in die Straßen laufen, wie immer.

Auch am Montag, als der Wind immer stärker wurde, machte sich die Familie keine Sorgen. „Wir waren zuhause, haben gelesen und Karten gespielt.“ Dann fiel der Strom aus. Auch das sei ganz normal bei so einem Wetter, sagt Leidig. Wie sich der Hurrikan Sandy draußen austobte und was er anrichtete, bekamen die sechs Deutschen in ihrem Haus nicht mit. „Lothar damals fand ich schlimmer.“

Sie blieben auch noch ruhig, als sie das Wasser im Keller unter ihnen gluckern hörten. „Das Kellerfenster war kaputt, da ist das Wasser rein und bis an die Decke gestiegen.“ Mit Auspumpen war aber nichts: Die Pumpe tat ohne Strom nicht.

„Gegen 21 Uhr ging das Wasser wieder zurück“, berichtet Leidig. Kurz danach gingen die sechs Deutschen ins Bett. Was nur wenige Straßen weiter vor sich ging, ahnten sie nicht. „Wir dachten, dass alles nicht so tragisch ist.“

Wie tragisch es aber tatsächlich war, sahen sie am nächsten Tag. „Wir fuhren mit dem Auto rum – und schon wenige Straßen weiter war Chaos.“ Dort sah es aus wie sonst am entfernten Strand: Alles war voller Sand. Weggespülte Balkone und ein abgedecktes Dach lagen herum, vollgeschwemmte Autos standen durcheinander, und sie sahen Menschen, die verzweifelt damit beschäftigt waren, ihre Häuser freizuschaufeln.

Endzeitstimmung in Manhattan

Südlich der 34. Straße in Manhattan gab es nach wie vor keinen Strom. Am Abend – es wird in New York zur Zeit gegen 17 Uhr dunkel – brannten an den Kreuzungen bengalische Feuer. Polizisten regelten den Verkehr und bewachten die Läden, damit sie nicht geplündert wurden. Beleuchtet war nur das neue One World Trade Center – es hat ein Notstromaggregat. Drumherum war aber alles dunkel. „Es war unheimlich und gespenstisch. Sonst ist dort richtig viel los, aber alles war wie ausgestorben. Es herrschte Endzeitstimmung“, beschreibt Siegfried Leidig.

Im Norden der Stadt waren die Straßen dagegen verstopft. „Die Kneipen waren voller Leute, die versuchten, ihre Handys zu laden und dann Verwandte zu erreichen.“ Wer ein Notstromaggregat hatte, konnte nicht nur sein Handy laden, sondern auch den Keller auspumpen – vorausgesetzt, er hatte auch Sprit. Der aber wurde schnell zur Mangelware. „An den Tankstellen haben sich die Leute geprügelt.“ Auch auf dem Parkplatz des Supermarktes, an dem die Familie vor dem Sturm noch eingekauft hatte, standen die Autos kreuz und quer. Lebensmittel gab es keine – die Geschäfte hatten alle zu. „Nachbarn halfen sich gegenseitig mit allem Nötigen aus.“ Niemand hätte die Warnungen zuvor wirklich ernst genommen – „die meisten hatten das für die übliche Panikmache gehalten.“

Abgeschnitten von Informationen

Wie groß die Schäden waren, die Sandy angerichtet hatte, wussten Leidig und seine Familie immer noch nicht. Sie waren ja, wie alle um sie herum, von sämtlichen Informationsflüssen abgeschnitten. Kein Fernseher tat, kein Radio, die Handys funktionierten auch zwei Tage lang nicht. „Wir wussten nicht, ob wir am Freitag zum Flughafen kommen und ob unser Flugzeug tatsächlich starten würde“, sagt Leidig. Es blieb der Familie nichts anderes übrig, als sich am Flughafen direkt zu erkundigen.

Sie hatten auch mit dem Mietwagen Glück: Trotz des Benzinmangels erreichten sie den Flughafen ohne Probleme. Und der Flieger startete wie geplant.

Kirchentellinsfurter erlebte in New York den Hurrikan
Eine mit Sand überspülte Straße in Long Beach nach dem Sturm. Hinten sind Menschen zu sehen, die versuchen, ihre Autos und Häuser freizuschaufeln.

Kirchentellinsfurter erlebte in New York den Hurrikan
Siegfried Leidig mit seinen Töchtern Isabel (links) und Linda Erben. Die Familie erlebte in New York den Hurrikan Sandy.

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07.11.2012, 12:00 Uhr
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