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„Bruchwald“ am Süd-, Wakeboardanlage am Nordufer

Kirchentellinsfurter Baggersee: Gemeinde will Schwule und Nacktbader vertreiben

Ein Urwald am Südufer, eine Wakeboardanlage am Nordufer: damit will Bürgermeister Bernd Haug die Nacktbade- und Schwulenszene vom Baggersee vertreiben. Der Gemeinderat fand die Ideen gut und hat sie „auf den Weg gebracht“.

16.04.2016
  • Manfred Hantke

Kirchentellinsfurt.Über ein Jahr lang hat Bürgermeister Bernd Haug „sehr intensiv daran gearbeitet“, hat Gespräche geführt – mit dem Landratsamt, den Baggersee-Eigentümern, nicht zuletzt mit dem Gemeinderat und dem Investor Christoph Jeggle.

Was dabei herauskam, erfuhr die Öffentlichkeit am Donnerstagabend während der Gemeinderatssitzung. Unterstützend saßen ihm Hans-Erich Messner, Erster Landesbeamter, Rolf Strohmaier, Sachgebietsleiter Naturschutz beim Landratsamt, und Sandra Heusel als Vertreterin der Epplesee-Eigentümer, zur Seite. Denn es sei nicht nur damit getan, Ideen zu haben, sie müssten auch rechtlich verankert und umgesetzt werden, sagte Haug. So hat er im Vorfeld abgeklopft, was machbar ist. Und war schließlich überzeugt, eine Balance zwischen Naturschutz und Freizeitnutzung gefunden zu haben.

Wie mehrfach berichtet, fühlen sich Badende und Spaziergänger durch die Schwulenszene um den Parkplatz am Nordufer und durch die Nacktbadeszene am Südufer belästigt. Obwohl das Südufer eine Naturschutzzone mit geschütztem Grünbestand und das Betreten verboten ist, sind die freien Flächen im Sommer mit Nackten belegt. Dort seien die Tore „weit offen“, so Sandra Heusel, durch „wilde Zugänge“ bretterten auch die Mountainbiker.

In seinem Konzept plant der 34-jährige Investor Christoph Jeggle aus Stuttgart eine „konsequente Sperrung“ des Südufers – mit einem „Bruchwald“. Der macht es unattraktiv für (nackte) Badegäste. „Da fallen die Bäume kreuz und quer“, ergänzte Strohmaier, „auch mit Dornen“. Jedes Loch werde gestopft. „Zurückgebaut“ würden auch die Wege am Süd- und Südwestufer. Rechtlich sei die „Unwegbarrmachung“ keine Schwierigkeit, so Messner. Schließlich drohten Kontrollen, Platzverweise, Hausverbote und Anzeigen, sagte Jeggle.

Am Nordufer will der studierte Betriebswirtschaftler eine Wakeboardanlage bauen. Er habe bereits bei Anlagen mitgearbeitet, betreibe den Sport und kenne sich aus. Wakeboarder schnallen sich ein Brett unter die Füße und lassen sich am Seil von der Anlage übers Wasser ziehen. Solch eine Anlage funktioniere ähnlich wie ein Skilift. Im Umkreis von 110 Kilometern gebe es keine Möglichkeit, Wakeboard zu fahren, so Jeggle. Die Nachfrage sei hoch. Anbieten will er auch Wasserski.

Unliebsame Gäste sollen gleich an der Zufahrt zum See gehindert werden. Zwei automatische Schranken mit Münzeinwurf und Kameraüberwachung werden aufgestellt – die eine von Kirchentellinsfurt aus gleich hinter dem P&M-Parkplatz, die zweite in Richtung Altenburg. Während der Öffnungszeiten koste das Parken fünf Euro. Ansonsten ist der Parkplatz geschlossen, das Betreten verboten. Es drohen Anzeigen und Abschleppwagen. Für die Frühschwimmer und die Angler müssten noch Lösungen gefunden werden.

Zur Wakeboardanlage am Nordufer will Jeggle zunächst Container mit Wakeboard- und Wasserskiverleih, Imbiss mit Sitzgelegenheiten, Shop, Duschen und Toiletten hinstellen, dazu einen kostenlosen Grillplatz anbieten. Das Wasser kommt aus dem Brunnen am Nordufer, mit Filtern soll Trinkwasser daraus werden, das Abwasser wird in Containern gesammelt und zur Kläranlage gefahren. Um den nötigen Strom für die Wakeboardanlage zu bekommen, soll ein Kabel vom Süd- zum Nordufer unter den See durchgezogen werden.

Da Wakeboard und Wasserski mehr Sauerstoff in den See bringen und die Sanitäranlagen die „Natur-Toilettengänge“ reduzieren, werde auch die Gefahr der Blaualgenblüte geringer, so Jeggle.

Wegen der Finanzierung des Projekts habe er bereits mit Banken gesprochen. Auch die IHK habe es geprüft. „Durchweg“, so Jeggle, gab es „ein positives Feedback“. Er wolle 100 Prozent Engagement geben und ein neues Kapitel beim Baggersee aufschlagen. Er rechne mit dem Verkauf von 8000 Tickets im Jahr.

Nun sollen weitere Gespräche folgen – etwa mit Anglern und Seglern. Der Gemeinderat jedenfalls schien überzeugt. Andreas Heusel (FWV) erkannte „zum ersten Mal ein tragbares Gesamtkonzept“. Auch Peter Beckert (CDU) unterstützte das, in den vergangenen Jahren habe er nur „Flickschusterei“ gesehen. Nun müssten die verschiedenen Gruppen ins Boot geholt werden, das Projekt spreche nicht gegen die Bürgerumfrage von 2012.

Werner Rukaber (SPD) sah „Chancen“, dass am Baggersee wieder „geordnete Verhältnisse“ geschaffen werden und die Kirchentellinsfurter ihren See wieder akzeptierten. „Der Neuordnung“ wollte Ruth Setzler (GAL) „nicht im Wege stehen“, und Markus Appenzeller (FWV) befand, dass es schlechter als jetzt nicht kommen könne.

Eine „große Attraktivität“ bescheinigte dem Projekt Susanne Weitbrecht. Sie wolle aber die Bürger am Prozess beteiligen, sonst könne sie nicht zustimmen. Beschließen wolle sie im Mai. Das lehnten Haug und die Räte ab. Auch Strohmaier wollte „Gas geben“, denn ein artenschutzrechtliches Gutachten müsse nun begonnen werden.

So stimmte der Rat bei einer Enthaltung (Anette Reiff) und einer Gegenstimme (Weitbrecht, beide RAT) für den Vorschlag der Verwaltung, einen Bebauungsplan „auf den Weg zu bringen“ – mit allen notwendigen Prüfaufgaben, Untersuchungen und Anträgen. Dafür stehen 35 000 Euro im Haushalt.

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16.04.2016, 01:00 Uhr
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