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Schon die fünfte Generation Schäfer versorgt die Rottenburger mit schönen Dingen

Kinderwagen-Sturz mit Folgen

Vor gut 160 Jahren ließ sich Uhrmachermeister Sebastian Schäfer in Rottenburg nieder. Auf ihn folgten Sohn, Enkel, Urenkel, Ururenkel und Ururenkelin, die das Angebot um Schmuck und Optik erweiterten. Das Geschäft am Marktplatz ist der wohl älteste Familienbetrieb in der Bischofsstadt.

06.10.2014
  • Ursula Kuttler-Merz

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Ein blumenumranktes Porträt der zweiten und dritten Schäfer-Generation, aufgenommen um 1905 vor ihrem Laden am Marktplatz. Hinten in der Tür steht Johanna, rechts neben ihr Emil Schäfer. Der kleine Junge in der Mitte ist Alsons Schäfer, Großvater des heutigen Firmeninhabers Andreas Schäfer. Bei den anderen drei Jungs handelt es sich vermutlich um Lehrbuben.

Rottenburg. Als Sebastian Schäfer am 29. April 1827 in Grünmettstetten, Oberamt Horb, seinen ersten Schrei tat, war er rundherum gesund. Doch dann fiel der kleine Sohn von Hirschwirt Johannes Schäfer und Kreszenz geborene Steimle und Enkel des Grünmettstetter Lindenwirts Sebastian Schäfer eines Tages aus dem Kinderwägele und verletzte sich dabei so, dass er fortan ein Klumpfüßle hatte und hinkte. Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater, ein Jahr später die Mutter. Für’s Erlernen eines Berufs hatte der gehbehinderte Bub kaum Auswahl: Beamter, Schneider oder Uhrmacher. Er wurde Uhrmacher, kam nach Rottenburg und ließ sich 1853 im Gewerbekataster eintragen. Er befasste sich auch mit Schmuck und betätigte sich als Brillenmacher.

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Die Firma Schäfer hatte eines der ersten Telefone in Rottenburg.

Nachdem Sebastian Schäfer am 12. März 1856 die „Königliche Erlaubniß zum Heirathen“ erhalten hatte, konnte Stadtpfarrer Stütz am 8. April 1856 (im Familienregister steht die falsche Jahreszahl 1855) in St. Moriz die Trauung mit Anna Maria, der Tochter des Rottenburger Schreiners Ludwig Saile und Eleonore geborene Mickeler, vornehmen. Zeugen waren die Ehgner Franz Xaver Mickeler und Franz Bolz. „Die Hochzeitskosten“, so berichtet ein altes Schriftstück, „wurden mit den an baarem Geld geflossenen Hochzeitsgeschenken bestritten.“ Die Festgäste hatten demnach eine beachtliche „Schenke“ in die traditionelle Suppenschüssel gelegt.

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Seit über 100 Jahren ist Optik-Schäfer am Rottenburger Marktplatz, in den Anfängen allerdings nur in der rechten Hälfte des Gebäudes. Die heutigen Inhaber sind von links: Andreas Schäfer, seine Eltern Ilse und Arnold Schäfer, die beide noch im Geschäft mithelfen. Auf dem Bild fehlen Tochter Martina Bettinger, jetzige Inhaberin von Juwelier Schäfer sowie Schwiegersohn Michael Bettinger und Schwiegertochter Renate Schäfer. Bilder: Kuttler-Merz

Die Brautleute waren nicht gerade arm: Sie besaßen zwar jeder nur elf Gulden, dafür aber eine Menge „Fahrniß“. Zum „Mannsbeibringen“ gehörten eine „Blischkapp“, ein blauseidenes „Cravättle“, stählerne Brille, Reißzeug, „zizene Halstüchlen“, ein kirschbaumener Sessel und ein Pfeiler-Kommödle, ein Lithographenstein, eine Photographie von Sebastians Schwester mit Kind, ein grün-baumwollener Regenschirm, gemalte Rouleaux, zwei Vogelkäfige und „5 Pfund dürre Zwetschgen“. Außerdem brachte Sebastian Schäfer Handwerkszeug im Wert von 158 Gulden und „Uhrenmacher-Waaren“ für 300 Gulden mit in die Ehe – eine Summe, für die dazumal bereits ein kleines Haus gekauft werden konnte.

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Emil Oskar Schäfer

Anna Maria besaß eine „Haube von schwarzen Seidenspitzen“, feine „Glacéhandschuhe mit Pelz“, dazu eine Silberbrosche mit weißer Rose, Corallennuster und goldene Ohrringe, außerdem „Handwerkszeug zur Ausübung der Blumenmacherkunst“ sowie „gemachte Blumen“. Sie war also kunsthandwerklich tätig und hatte obendrein eine „Sächsisch-katholische Bilderbibel“, 30 Hefte mit Heiligenlegenden, viele Bilder und sogar eine „Photographie, den Ehemann darstellend“. Sebastian nannte eine „Karte von Deutschland“ und „Wieses Sagen- und Märchenwald“ ebenso sein eigen wie auch „Krafts Zinstafel“, Geschichte von Württemberg, einen kleinen geistlichen Führer, „Glocke der Andacht“ und „Tempel der Heiligen“. Das war, im Hinblick auf die damals nicht sehr belesenen alten Rottenburger, ein Bildungs-Sensatiönchen!

Schon die Bad Niedernauer Kirchturmuhr gerichtet

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Johanna Schäfer

Laut Kaufbuch erwarben die Schäfers 1857 das Haus 165 (Königstraße 49) das zuvor Eigentum des „Beks“ Karl Friedrich Schwab gewesen war und dessen Witwe Johann Ruggaber geheiratet hatte. Diese früher „einstockigte Behausung“ hatte eine gemeinsame Riegelscheidewand mit dem Gasthof Dreikönig. Sie umfasste einen Stall und „Platz unter der Stiege“, in der Beletage eine Stube und Küche, darüber zwei Kammern „gegen Bek Heberles Haus“, unterm Dach ein Zimmer und „das ganze Gerech“. Sebastian Schäfers historischer Laden (jetzt Goldschmied Mayer) mit der wunderschönen Schaufensterfront blieb bis heute erhalten.

Bei der Uhrmacherarbeit ging’s zuweilen hoch hinauf: So musste 1879 die Niedernauer Turmuhr repariert und gereinigt werden. Der Meister arbeitete zwei Tage, zwei Gehilfen je vier Tage – für insgesamt 52,90 Mark samt Schmied-Arbeit, Uhrenöl, Lichter und „Abnutzung von Bürsten, Seife und Lumpen“, die er der „Wohllöbl. Gemeinde Pflege Niedernau“ mit kunstvoll geschwungener Handschrift in Rechnung stellte.

Das jüngste der sechs Schäfer-Kinder, Emil Oskar, wurde am 9. Dezember 1867 von Kaplan Klaiber „im Haus“ getauft. Emil wurde Nachfolger seines Vaters, nachdem der älteste Sohn Karl Julius nach Innsbruck geheiratet hatte und dank ledig gebliebener Töchter auch keine Schwiegersöhne in Sicht waren.

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In der Königstraße 49 eröffnete Firmengründer Sebastian Schäfer 1857 sein Geschäft, in dem heute der Goldschmied Thomas Mayer ist. Die historische Ladenfront stammt noch von damals.

Emil Schäfer heiratete 1892 die acht Jahre ältere Rexinger Schneiderin Johanna Maria Kaupp. Sie hatte in ihrem Heimatdorf für viele jüdische Frauen genäht: spezielle Kleidung mit extra vielen Knöpfen. Ihr „Heiratsguth“ bestand ausschließlich in „Forderungen“ von über 5000 Mark. Der Bräutigam hatte eine Barschaft von 600 Mark zu bieten, dazu Goldringe, eine silberne Ankeruhr mit Kette und zwei Meerschaumspitzen. Er konnte sich einen Seidenhut und einen Hochzeitsanzug für 60 Mark leisten. Fünf Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Alfons, der jüngste Sohn, erblickte am 27. Juli 1897 das Licht der Welt. Im Beisein der Paten Eugen Schäfer und Theresia Hummel wurde er am 2. August 1897 in der Ehgner Kirch von Stadtpfarrer Bitzenauer getauft.

Bald zog Emil Schäfer auf den Marktplatz – in die total verschachtelte West-Hälfte des Hauses 19 mit riesigem Gewölbekeller. Hinter dem Laden befand sich der Pferdestall samt Futtertrögen und darüber auf drei Stockwerken jede Menge Küchen, Kammern und für jede Etage seiner Wohnung ein „halber Abtritt“, also ein Plumpsklo, das mit weiteren Hausbewohnern geteilt wurde. In diesem Haus war früher der vornehme Gasthof „Hirsch“, in dem sich in den 1790er Jahren hochadelige Damen und Herren aus Frankreich beim Souper verwöhnen ließen – sie hatten nach der Revolution als königstreue Emigranten, samt Dienstboten und Pferden, in Rottenburg ihr Winterquartier gefunden.

Wie alle Schäfers war Emil offen für technische Fortschritte: Er hatte Wasserleitung, Elektrizität und einen der ersten Rottenburger Telefonapparate, der bis heute ebenso erhalten ist wie viele historische Geräte von ihm und Firmengründer Sebastian. Emil Schäfers Sohn Alfons, Goldschmiede-, Optiker- und Uhrmachermeister, wollte Vaters Geschäft nicht übernehmen, machte sich in der Bahnhofstraße selbständig und nahm auch Haushaltsartikel und Spielwaren mit ins Sortiment. Sein BMW Dixi, eines der ersten Automobile in der Stadt, machte ihn zum gefragten Mitbürger, vor allem bei Notfällen.

Während eine von Alfons Schäfers Töchtern samt Ehemann und später eine Enkelin das elterliche Geschäft weiterführten, eröffnete Sohn Arnold – Uhren- und Augenoptikermeister – mit seiner Frau Ilse in Großvaters Haus am Marktplatz ein eigenes Fachgeschäft für Uhren, Schmuck und Optik und baute es mit Hingabe aus: „Wir haben Tag und Nacht gearbeitet“, sagt der jetzige Senior, der 2002 den Bereich Optik an Sohn Andreas, Uhren und Schmuck an Tochter Martina Bettinger übergab. Wie seine Frau hilft Arnold Schäfer weiterhin mit im Geschäft, in dem auch Schwiegertochter Renate – Buchhaltung und Schriftverkehr - und Schwiegersohn Michael Bettinger – als Geschäftsführer – arbeiten.

Andreas Schäfer ist Uhrmacher, Augenoptikermeister und Kontaktlinsenspezialist, der vor der elterlichen Firmenübergabe zunächst ein eigenes Fachgeschäft „Blickpunkt Optik“ in der Königstraße eröffnete. Auch Schäfer-Tochter Martina Bettinger, Goldschmiedin und Einzelhandelskauffrau, führte zuerst ihr eigenes Geschäft „Zeitsprung“ in der Marktgasse. Bei ihr, jetzt „Juwelier Schäfer“, kam 2008 das Trauring-Studio mit Goldschmuckbereich hinzu.

Im Rückblick hatte Sebastian Schäfers Sturz aus dem Kinderwägele ungeahnte Folgen: Die Notlösung, wegen seiner Behinderung Uhrmacher zu werden, hielt seine Nachkommen nicht davon ab, in seine beruflichen Fußtapfen zu treten: Inzwischen sind es fünf Generationen.

Am Sonntag, 5. Oktober, feiert die Firma Schäfer ihr Jubiläum. Senior Arnold Schäfer hatte zunächst vermutet, der traditionsreiche Familienbetrieb sei um die 150 Jahre alt. Doch schon bei den allerersten Tagblatt-Nachforschungen im Stadtarchiv ergab sich, dass seit der Gründung bereits 160 Jahre vergangen sind - und mittlerweile fast 161. In den Schaufenstern am Marktplatz zu sehen sind viele liebevoll aufbewahrte Geräte und historisches Werkzeug der Schäfer-Vorfahren, darunter auch ein Uralt-Telefon und ein Zapfenrollierstuhl.

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06.10.2014, 12:00 Uhr

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