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Babyboom im Internet

Kinder werden oft schon vor der Geburt im Netz verewigt

Im Internet scheint es von Babys nur so zu wimmeln. Familienleben im Web ist in - nicht nur, wenn es um Urlaubsfotos geht. Der Trend, alle am Leben des Kindes teilhaben zu lassen, birgt aber auch Risiken.

29.07.2013
  • HANNA JOCHUM, EPD

München Genüsslich mampft der kleine Simon seine Portion Spaghetti. Weil der Löffel so unhandlich ist, nimmt der Junge die Finger zu Hilfe und bearbeitet sein Essen, bis er über beide Ohren mit Tomatensoße verschmiert ist. Den letzten Happen verreibt er auf seiner Stirn - ein abenteuerliches Festmahl, gefilmt von Simons Vater. Der ist sichtlich stolz auf seinen Sohn und veröffentlicht das Nudel-Video sogleich auf der Online-Plattform YouTube. Dort ist es dann für jedermann zu sehen.

Tausende Eltern tun es Simons Vater mittlerweile gleich und stellen Aufnahmen ihrer Sprösslinge ins Internet. Lustige, skurrile oder ganz banale Erlebnisse des Nachwuchses werden in Echtzeit auf Videoportalen oder in sozialen Netzwerken verbreitet. Andere legen Blogs an, um das Leben der Kinder im Netz zu verewigen - und das oft schon vor ihrer Geburt. So erzählt Tanja "Traumberg" auf ihrer gleichnamigen Homepage in Wort und Bild von der Entbindung ihrer Mädchen samt intimer Details aus dem Kreißsaal.

Renate aus München hat ihre Tochter mit der Liebe zur Onlinepräsenz bereits angesteckt. "Ich bin jetzt vier", posaunt das Mädchen nach dem Kindergeburtstag auf Mamas Blog "Moonjumper". "Mit der Oma und dem dünnen Opa hab ich gefeiert." Allerdings gab es einen Wermutstropfen, wie das Mädchen schreibt: "Leider waren meine andere Oma und mein dicker Opa nicht da." Immerhin können die Großeltern via Internet sehen, was ihre Enkelin treibt.

Unterdessen kursieren auf Twitter und Facebook Schnappschüsse von Emmas ersten Beißerchen oder Jacobs Sitzung auf dem Töpfchen. Die User danken es den Eltern mit dem "Gefällt mir"-Button. Das eigene Kind wird zum Klickgaranten - auch für die Werbeindustrie. Die nämlich bestückt die Seiten mit Anzeigen zu Babynahrung oder Spielzeug. Der Hype um das öffentliche Familienalbum macht auch vor Promipärchen nicht halt: Skandalrapper Sido und Moderatorin Charlotte Würdig teilen sich in "Mein Baby Blog" auf YouTube mit.

Gibt man den Begriff "Babyblogs" bei Google ein, spukt die Suchmaschine mehr als 496 000 Treffer aus. Fast drei Viertel aller deutschen Kinder besitzen irgendwo im Netz einen digitalen Fußabdruck, noch bevor sie richtig laufen können, wie eine internationale Studie des US-Softwareherstellers AVG ergab. Das Unternehmen ließ 2010 insgesamt 2200 Mütter in zehn Ländern interviewen. Rund 71 Prozent der Befragten in Deutschland stellten Fotos von ihren Kindern vor dem zweiten Lebensjahr online. Dabei sorgten sich nur 15 Prozent um den Datenschutz.

Social-Media-Experte Rainer Demski vom Bundesverband Digitale Wirtschaft erinnert an die Persönlichkeitsrechte eines Kindes. Eltern könnten die Kleinen nicht fragen, ob sie private Inhalte verbreiten dürfen. "Kinder werden damit zur Ware der eigenen Eitelkeit der Eltern", findet Demski.

Ähnlich kritisch sieht der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar den freimütigen Umgang mit Persönlichem: Das Internet vergesse nicht. Einmal veröffentlicht, seien Fotos noch über Jahre auffindbar. Für unverantwortlich hält er es, wenn Eltern Informationen preisgäben, die den Kindern schaden könnten. Schon das Hochladen von Ultraschallaufnahmen sei bedenklich, weil daraus sensible Schlussfolgerungen gezogen werden könnten, mahnt Schaar.

Zu viel Offenheit im Web erhöhe die Gefahr, Opfer von Cybermobbing zu werden, fügt Anwalt Tobias Schäfer aus dem nordrhein-westfälischen Wetter hinzu. Außerdem werde häufig vergessen, wie peinlich die Bildergalerien später für Betroffene sein könnten. Dabei genierten sich viele Erwachsene selbst, wenn beim Kaffeeklatsch die Kinderalben hervorgezaubert würden.

Kompromittierende Bilder oder Nacktaufnahmen gehörten nicht ins Netz, stimmt Digitalexperte Mike Schnoor zu. "Damit lädt man die Leute zum Voyeurismus oder Schlimmerem ein", ist der Autor des Leitfadens "Meine Kinder in Sozialen Netzwerken" überzeugt.

Gewöhnliche Fotos seien dagegen unbedenklich, solange sie mit dem privaten Umfeld geteilt würden, urteilt er.

Nach Auffassung der Jugendschutzinitiative "Netkids" gehören Babyfotos überhaupt nicht ins Web. Man wisse nie, wer sich die Aufnahmen ansehe und zu welchem Zweck kopiere, heißt es auf http://www.kindersindtabu.de. Sie könnten auch auf Pädophilen-Seiten auftauchen.

Kinder werden oft schon vor der Geburt im Netz verewigt
Verständlich, dass Eltern ihren entzückenden Nachwuchs vorzeigen wollen. Aber nicht alles gehört ins Netz. Foto: dpa

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29.07.2013, 12:00 Uhr

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