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„Kinder trauern in Wellen“
Warum ist die Oma weg? Foto: © Tomsickova Tatyana/Shutterstock.com
Psychologie

„Kinder trauern in Wellen“

Jungen und Mädchen erleben den Verlust eines nahestehenden Menschen ganz anders als Erwachsene. Sie brauchen in solchen Phasen besondere Zuwendung.

04.11.2017
  • GUDRUN SOKOL

Ulm. Was machen die da mit der Oma?“ Der dreijährige Julius versteht nicht, warum der Sarg, in dem seine Großmutter liegt, in dem großen Loch im Boden verschwindet. Warum so viele Menschen gekommen sind, die dunkle Kleidung tragen. Und warum die Oma ihm nie wieder eine Geschichte vorlesen kann. Kinder erleben Tod, Trauer und endgültiges Abschiednehmen anders als Erwachsene. Ihre Reaktionen verunsichern und irritieren uns manchmal. Oliver Junker, Trauerbegleiter für Kinder, beantwortet Fragen dazu.

In welchem Alter fangen Kinder an zu begreifen, dass das Leben endlich ist?

Oliver Junker: Bis etwa drei Jahre haben Kinder noch gar keine Vorstellung davon, dass es den Tod gibt. Ab etwa vier Jahren beginnt das erste Verständnis, doch da werden Tod und Schlaf oft noch gleichgesetzt. Aus dieser Phase entsteht die Vorstellung, dass es den Tod zwar gibt, jedoch man selbst und die engsten Bezugspersonen nicht davon betroffen sein könnten. Erst mit Beginn des Schulalters kann der Tod besser verstanden werden.

Ab welchem Alter ist es sinnvoll, mit Kindern über den Tod zu sprechen?

Ab etwa vier bis fünf Jahren beginnen Kinder, sich für den Tod zu interessieren. Dies ist die richtige Phase, den Kindern das Thema näherzubringen. Eine selbst gestaltete Tierbeerdigung – ob nun von einem gefundenen toten Tier oder einem verstorbenen Haustier – ist ein guter Moment. Hilfreich ist auch der Vergleich mit den Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter. Auch das Leben hat einen Kreislauf.

Wie bringt man einem Kind einen Todesfall möglichst schonend bei?

Ganz wichtig sind Wahrheit und Klarheit. Kinder können damit viel besser umgehen, als wenn die Erwachsenen versuchen, es vor ihnen geheim zu halten. Es sollte ein ruhiger Ort möglichst ohne Störungen – Telefon oder andere Personen – aufgesucht werden. Dem Kind sollte gesagt werden, dass man ihm etwas sehr sehr Trauriges (diese Doppelung des „sehr“ ist wichtig) mitteilen möchte. Dann sollte kurz und knapp gesagt werden: „Dein Onkel Herbert ist tot.“ Diese Nachricht muss erst einmal ankommen. Nach einer kurzen Pause und abhängig von der Reaktion des Kindes sollte man dann kurz über die eigenen Gefühle sprechen. Viel mehr ist am Anfang vor allem bei jüngeren Kindern nicht notwendig. Kinder werden ihre Fragen, die sie haben, oft erst zeitversetzt stellen.

Wie findet man die richtigen Worte für „tot sein“?

Ganz wichtig ist: Keine Umschreibungen wie „entschlafen“, „von uns gegangen“ oder ähnliches verwenden. Viel besser ist die Erklärung: „Tot sein bedeutet, dass sein Herz nicht mehr schlägt, dass er nicht mehr atmet.“

Warum hat man manchmal den Eindruck, dass Kinder in Trauerphasen völlig ungerührt sind?

Trauer bei Kindern kommt nicht in Phasen, sondern in Wellen. Ihre Trauer ist sprunghaft. So ist ein plötzlicher Wechsel von Traurigkeit zu Spiel und Spaß für Kinder völlig normal – für Erwachsene oft irritierend. Kinder brauchen immer wieder auch Distanz und Ablenkung von ihrem Gefühlsdurcheinander und ihrer Trauer.

Inwieweit sollte man Kinder in Trauer-Rituale einbeziehen?

Das frühzeitige Einbeziehen der Kinder ist sehr wichtig. Sie erleben nicht nur Angst und Traurigkeit, sondern auch ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit. Wenn sie mit eingebunden werden und wenn sie etwas tun können, verringert sich dieses Gefühl. Rituale sind grundsätzlich sehr wichtig auf dem Trauerweg – gerade für Kinder. Zudem brauchen sie etwas, um sich an den Verstorbenen erinnern zu können: Fotos, Kleidungsstücke oder vertraute Gegenstände des Toten, die sie zum Beispiel in einer schönen Holzkiste aufbewahren können.

Sollten Kinder den Leichnam zu sehen bekommen?

Ja, die persönliche Abschiednahme ist auch für Kinder sehr wichtig. Sie wollen den Tod begreifen – und so hilft auch das „Greifen“, also das Berühren des Verstorbenen – so lange es aus eigenem Impuls heraus kommt. Manche Kinder brauchen auch die Erlaubnis hierzu, weil sie nicht wissen, was man jetzt darf und nicht darf. Wichtig ist, dass Kinder auf den Besuch in der Aussegnungshalle vorbereitet werden. Gut für sie ist zum Beispiel, dem Verstorbenen noch etwas in den Sarg zu legen: ein selbst bemalter Stein, ein selbst geschriebener Brief an den Verstorbenen, eine Blume, ein kleines Geschenk . . .

Was tun, wenn das Kind nicht zur Beerdigung mitkommen will?

Am häufigsten liegt es daran, dass es Angst hat oder unsicher ist. Es versteht nicht, was dort passiert. Ihm machen die vielen Leute Angst, die dunkle Kleidung, die düstere Stimmung, die weinenden Menschen. Auch wird viel zu oft aus Erwachsenensicht gefragt: „Willst Du nochmal vom Opa Abschied nehmen?“ Dies ist gerade für jüngere Kinder viel zu abstrakt. Nein, natürlich wollen sie das nicht. Sie wollen ja nicht, dass der Opa tot ist, sie wollen nicht, dass der Opa weggeht.

Wie kann man ihm den Gang zur Beerdigung leichter machen?

Das Kind sollte die Gelegenheit haben, den Abschiedsort zuvor zu besuchen. Wo sitzen Eltern und Kind? Wie ist der Ablauf? Wo wird das Grab sein? Dann braucht das Kind unbedingt eine stabile Vertrauensperson, die es dorthin begleitet. Es sollte wissen, dass es die Kirche oder Aussegnungshalle jederzeit verlassen darf. Und dass dann jemand mit ihm geht.

Was sind die größten Fehler, die im Umgang mit trauernden Kindern gemacht werden?

Ich spreche ungern von Fehlern, eher von ungünstigen Verhaltensweisen. Hierzu gehört vor allem: die Kinder nicht mit einzubeziehen, die Unwahrheit zu sagen, auf existenzielle Fragen ausweichend zu antworten, sie für ihre Art zu trauern zu kritisieren, sie als „Ersatz“ für den Verstorbenen einzusetzen. Ein tatsächlicher Fehler ist zu glauben, dass Kinder nicht trauern, nur weil sie nach außen hin kaum oder keine Trauer zeigen.

Wie können weniger nahestehende Menschen etwa im Kindergarten, Schule oder Nachbarschaft helfen?

Einerseits, indem sie die betroffene Familie entlasten. Zum Beispiel bei Alltagsdingen wie Einkaufen, Kochen, Haushalt. Ebenso ist es sehr wichtig, dass Kinder immer wieder Distanz finden vom Trauerort, meist also dem Zuhause. Deshalb sie öfter mitnehmen zu Aktivitäten – in die Natur, zum Schwimmen oder ins Kino. Gerade vom Umfeld wie Kindergarten, Schule oder Sportverein brauchen sie ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit – und dass dort die Welt noch „normal“ ist.

Leistungsabfall, Angstzustände, Aggressivität, Bettnässen . . . ? Ab wann oder bei welchen Symptomen brauchen trauernde Kinder professionelle Hilfe?

Solche Symptome sind in der Anfangszeit ganz normal. Sie sind Ausdruck der verletzten Seele, sie sind oft wie ein Ventil zum Abbau des inneren Drucks. Grundsätzlich ist Trauer keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion auf einen Verlust. Falls die Symptome oder ein Teil davon jedoch über Wochen hinweg nicht abnehmen oder sogar zunehmen, sollte fachlicher Rat gesucht werden.

Wo findet man professionelle Hilfe?

Eine erste Anlaufstelle ist der Kinder- oder Hausarzt. Von dort aus können bei Bedarf weitere Maßnahmen eingeleitet werden. Welche Angebote es in der Umgebung gibt, erfährt man meist bei den regionalen Hospizvereinen oder anderen Hilfsorganisationen. Ansonsten brauchen die Kinder vor allem ein stabiles soziales Umfeld mit Menschen, die ihnen jetzt empathischer und liebevoller Begleiter sind. Sie brauchen positive Menschen, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln – und die Kinder spüren lassen, dass das Leben trotz all der Traurigkeit über den Verlust sehr viele schöne und wertvolle Seiten hat.

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04.11.2017, 06:00 Uhr
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