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Leitartikel

Kein Schlussstrich

Vor ein paar Tagen, zufälligerweise genau eine Woche vor Beginn der Ausstellungen der Sammlung Gurlitt in Bonn und Bern, flatterte die Nachricht herein. Ein weiterer Fall von NS-Raubkunst sei aufgedeckt.

30.10.2017
  • LENA GRUNDHUBER

Ein Porträt von Thomas Couture stamme wohl aus dem Kunstschatz des jüdisch-französischen Politikers Georges Mandel, der 1944 ermordet wurde. Höchst unwahrscheinlich, dass es auf saubere Art zu NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gelangte. Es ist nun das sechste Bild aus seiner Sammlung, das als Raubkunst gilt – im Jahr sechs nach dem „Schwabinger Kunstfund“.

Die Bilanz nimmt sich mager aus gegenüber den mehr als 1500 Werken, die man 2012 in der Münchner Wohnung und später im Salzburger Haus von Gurlitts Sohn Cornelius gefunden hatte. Tatsächlich ist ein großer Teil unbelastet, doch die Bundeskunsthalle Bonn widmet sich nun 250 Werken, von denen die meisten unklarer Herkunft sind oder „verfolgungsbedingt entzogen“ wurden. Viele Fragen sind offen, die Schau heißt „Bestandsaufnahme“ – nicht „Schlussstrich“.

Die Faktenlage ist nun mal kompliziert, und je deutlicher das wurde, desto mehr wurde geschimpft auf die Sensationsmache der Medien und die Überreaktion der Justiz. So wie der „Nazi-Schatz“ anfangs skandalisiert wurde, so wird er jetzt teils normalisiert – was ebenso problematisch ist. Selbst wenn es bei sechs Raubkunst-Fällen bliebe, wären das sechsmal Unrecht zuviel, und man sollte nicht darauf wetten: „Es gibt leider noch viel zu tun“, heißt es im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

Lange genug hat man zu wenig getan. Hildebrand Gurlitt war beileibe nicht der einzige im Kulturbetrieb, der mit den Nazis kollaborierte und später wieder in Amt und Würden kam. Belastete Kunst blieb auch nach dem Krieg in den Museen oder zirkulierte weiter im Handel. Erst in den 1990ern etablierte sich die Provenienzforschung, erst seit der Unterzeichnung der „Washingtoner Erklärung“ 1998 gilt die Selbstverpflichtung für Institutionen, nach NS-Raubgut zu suchen und es gegebenenfalls zurückzugeben. Erst 2009 wurde etwa eine eigene Provenienzforschungsstelle in Baden-Württemberg geschaffen. So war es möglich, dass Objekte aus einer bekannten jüdischen Sammlung jahrzehntelang in einem Museum wie in Ulm stehen konnten, bevor sie 2016 restituiert wurden. Inzwischen bekommen auch kleinere Häuser die Mittel, um die Herkunft ihrer Objekte zu erforschen.

Gleich wie man ihn bewertet: Historisch wird es der Gurlitt-Skandal bleiben, der Kunsthandel und Museen dazu zwang, sich endgültig ihrer Rolle in der NS-Zeit zu stellen. Indirekt hat er wohl auch befeuert, dass sich brisante Fragen nun ebenso an die ethnologischen Sammlungen richten. Wie steht es um die Herkunft von Objekten aus der Kolonialzeit? Sind sie rechtmäßig in unseren Museen und wie kann man sie angemessen präsentieren? Debatten um Provenienzforschung handeln von Macht und Unterwerfung, sie sind naturgemäß konfliktgeladen, doch sie müssen sein. Damit der Fall Gurlitt sich nicht wiederholt.

leitartikel@swp.de

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30.10.2017, 06:00 Uhr
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