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Generalstreik im Kino

Katharina Thoms drehte einen Dokumentarfilm über das Mössinger Theaterprojekt

Noch nie hatte sie vom Mössinger Generalstreik gehört. Obwohl sie in Tübingen Geschichte studierte. „Dass ich davon nichts wusste, hat mich geschockt“, sagt Katharina Thoms. Dann aber war die Journalistin so gefesselt, dass sie einen Dokumentarfilm über das Theaterprojekt „Ein Dorf im Widerstand“ drehte.

04.11.2014
  • Susanne Wiedmann

Mössingen. Die Vorpremiere macht sie nervös. In der nächsten Woche wird die Regisseurin den Dokumentarfilm erstmals zeigen. Die Schauspieler hat sie dazu eingeladen, die Musiker, alle Mitwirkenden vor und hinter den Kulissen. „Ich bin total aufgeregt“, gesteht Katharina Thoms. Immerhin: „Es ist eine freudige Nervosität.“

Nicht weniger als zwei Jahre hat die Journalistin an ihrem Dokumentarfilm „Widerstand ist Pflicht“ gearbeitet. Und kein anderes Thema hat sie seither so beschäftigt wie der Generalstreik. Ihren Urlaub hat sie in den Film gesteckt und ihre komplette Freizeit.

Als im November 2012 das Melchinger Lindenhof-Theater sein Mammutprojekt vorstellte, war Katharina Thoms sofort „angefixt“. Zunächst hatte die freie SWR-Journalistin nur ein Radio-Feature geplant. Aber bald entstand die Idee, das Theaterprojekt zu begleiten. „Regisseur Philipp Becker war begeistert“, erzählt sie. Mit ihm als einem der Protagonisten des Films konnte der Generalstreik ins Hier und Jetzt transferiert werden. Ein Theatermacher, der sich einem riesigen Unterfangen stellt und nicht weiß, ob es funktionieren wird. „Das Theater ist eine Schablone dessen, was vor 80 Jahren passiert ist“, betont Thoms. „Viele tun sich zusammen. Und egal, was dabei herauskommt: Sie ziehen es durch.“

Katharina Thoms drehte einen Dokumentarfilm über das Mössinger Theaterprojekt
Katharina Thoms

Unter den Laiendarstellern des Theaterstücks ist Andrea Ayen. Als Enkelin, Nichte und Tochter von Generalstreikern wird sie im Film – neben Regisseur Philipp Becker – zur zweiten Protagonistin. „Sie stellt die Verbindung zur Vergangenheit dar und den persönlichen Bezug.“ Noch dazu ergibt es sich „perfekt“, dass ihr Vater Paul Ayen, einer der Anführer des Generalstreiks, die Hauptfigur des Theaterstücks ist.

Ein halbes Jahr begleiten Katharina Thoms mit dem Mikro und ein Kameramann die Proben, erleben Höhen und Tiefen des Projekts. Ein Beispiel aus dem Filmtrailer: „Ruhe, mich nicht unterbrechen, hey, genau darum geht’s, haltet jetzt die Konzentration, das frisst jedes Mal Energie. Ihr wisst nicht, wo wir sind!“, ruft ein verzweifelter Philipp Becker während einer Probe den Schauspielern zu. Auch als sich die Temperatur in der Bogenhalle dem Nullpunkt nähert, proben die Darsteller stundenlang. „Psychisch und körperlich verlangen die Proben den Menschen enorm viel ab. Der Regisseur Philipp Becker ist hier gnadenloser Antreiber und Motivator“, betont Thoms. Von Anfang an hatte sie das Gefühl, das Theaterstück wird etwas Besonderes. „Das hat sich bestätigt.“

Für Andrea Ayen, die als einzige Nachfahrin von Generalstreikenden am Bühnenstück mitwirkt, ist es auch eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie. Mit dem Hauptdarsteller Martin Rottach, der im Stück ihren Vater verkörpert, begab sie sich an Originalschauplätze des Generalstreiks.

Es ist ein beobachtender Dokumentarfilm, der sich über die O-Töne trägt. „Ich wollte gar nicht so arg eingreifen“, erklärt Katharina Thoms. Mit der Premiere des Theaterstücks im Mai vergangenen Jahres endet auch der Film. 60 Stunden Rohmaterial sind zu einem 80-minütigen Film geschnitten worden. „Das war total schwierig“, sagt die Regisseurin. „Ich musste alles genau in Wort und Struktur fassen können.“ Den Rohschnitt hat sie selbst gemacht, mit Kameramann Fabian Hennig, der auch Cutter ist, hat sie ihn letztlich in Form gebracht.

Und für die Journalistin war es eine Premiere als Filmemacherin. Zwar arbeitet sie auch fürs SWR- Fernsehen, macht Beiträge für Sendungen, aber noch nie hat sie einen Film gedreht, den sie zudem aus eigener Tasche bezahlt habe, sagt sie. Ohne jede Förderung! Da sie keinen Verleih hat, kontaktiert Katharina Thoms nun auch selbst die Kinos. Am Jahrestag des Generalstreiks wird er in Mössingen Premiere haben.

Das Hauptziel sei, so Thoms, dass der Film es schafft, den Generalstreik zu verankern. „Es ist unglaublich, dass er so wenig bekannt ist.“ Sie möchte darauf aufmerksam machen – über die Region hinaus. „Alle, denen ich vom Generalstreik erzählt habe, sagten: Krass, warum habe ich noch nie davon gehört?“ Die Journalistin glaubt, das Theaterprojekt habe den Generalstreik am ehesten aus der Tabuisierung herausgeholt. „Das Thema ist gesetzt und ist nicht mehr so leicht wegzudiskutieren.“

Der Streit um den Streik ist auch im Film präsent, aber aus der persönlichen Sicht von Andrea Ayen und Theatermacher Philipp Becker. „Ich habe nicht versucht, mich auf eine Seite zu schlagen“, betont die Filmemacherin. Obwohl sie die kontroverse Diskussion in Mössingen überhaupt nicht nachvollziehen könne. „Es hat mich erschüttert, dass man 80 Jahre danach so kritisch damit umgeht – um es vorsichtig zu formulieren.“ Jedenfalls habe sie das sehr verblüfft. „Die Stadt kann auf den Generalstreik wirklich stolz sein.“

Katharina Thoms drehte einen Dokumentarfilm über das Mössinger Theaterprojekt

Katharina Thoms drehte einen Dokumentarfilm über das Mössinger Theaterprojekt

"Widerstand Ist Pflicht" - Trailer zur Doku from K. Thoms on Vimeo.

Am Samstag, 31. Januar 2015, hat der Dokumentarfilm „Widerstand ist Pflicht“ im Lichtspiele Kino Mössingen Premiere. Anschließend wird er in Kinos in Tübingen, Rottenburg und Hechingen gezeigt. Die Termine stehen noch nicht fest. Katharina Thoms möchte noch bei weiteren Kinos anfragen. Ihn aber auch Gedenkstätten anbieten. www.widerstandfilm.de

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04.11.2014, 12:00 Uhr

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