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Zweidimensionale Betrachtung von Gravitationswellen, die von zwei einander umkreisenden Neutronensternen ausgesandt werden. Bild: Wikimedia: Nasa/Frank Glowna

Sternentod als Klingelton

Karsten Danzmann teilte im Kupferbau sein Wissen über Gravitationswellen

Herausragend forschen und faszinierend darüber reden: Karsten Danzmann verzückte mit seinem Vortrag über Gravitationswellen einen vollen Saal.

10.11.2017
  • Wolfgang Albers

Eigentlich ist die „Bild“-Zeitung nicht unbedingt der Publikationsort, den seriöse Wissenschaftler anstreben. Aber wenn man vom diesjährigen Physik-Nobelpreis zumindest mitgestreift wird, dann kann man die Dinge deutlich lockerer sehen: „Wenn Sie auf der Titelseite der ‚Bild’-Zeitung stehen, dann sind Sie angekommen im Leben“, sagt Karsten Danzmann – und ein vollbesetzter Hörsaal 25 im Kupferbau jubelt ihm zu.

Der Professor aus Hannover hat zwei herausragende Eigenschaften. Die erste hat ihm am Donnerstagabend die Einladung nach Tübingen verschafft: Der Mann kann, siehe oben, Sprüche raushauen im Dutzend und einen Saal eineinhalb Stunden glänzend unterhalten über ein Thema, von dem sicher die wenigsten Ahnung haben – der Allgemeinen Relativitätstheorie und ihren Raum-Zeit-Implikationen.

Klarer Fall: Den Mann musste Professor Olaf Kramer vom Seminar für Allgemeine Rhetorik einkaufen für die Vortragsreihe Rhetorik und Wissen. Weil von ihm zu erwarten war, was Olaf Kramer generell vom Wissenschaftler fordert: „Man kann von ihm verlangen, sein Wissen zu teilen und verständlich zu machen.“

Keine Frage: Karsten Danzmann teilt sein Wissen gerne. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sich endlich jemand dafür interessiert. Der Experte für Gravitationswellen – seine zweite herausragende Eigenschaft – gehört momentan zur astronomischen Avantgarde, aber das war nicht immer so.

Die Suche nach Gravitationswellen galt lange als eher obskures Forschungsgebiet. Vor 50 Jahren haben sich gerade drei Forscher auf der Welt damit abgemüht – einer davon war Danzmanns Vorgänger Heinz Billing.

Karsten Danzmann teilte im Kupferbau sein Wissen über Gravitationswellen
Karsten Danzmann

Einstein hat die Gravitationswellen in der Theorie beschrieben: Mit Lichtgeschwindigkeit breiten sie sich aus und stauchen dabei alles, auf das sie treffen, zusammen. Diesen Effekt kann man messen. Nur: Es geht um Abweichungen von 10-21 Nullstellen hinter dem Komma, und das während einiger Millisekunden. „Da müssen Sie genau hinschauen“, sagt Karsten Danzmann.

Die Geräte dafür zu entwickeln – das ist seine Aufgabe. Laserinterferometer heißen sie und stehen in riesigen, kilometerlangen Anlagen etwa in den USA. Dort hatte Danzmanns Team im Jahr 2015 die neueste Generation verbaut und nahm von Hannover aus vor dem offiziellen Start probehalber die Detektoren schon mal in Betrieb.

Danzmanns Postdocs Marco Drago und Andrew Lundgren saßen am 14. September 2015 vor ihren Rechnern, als ein Signal aufleuchtete. Ein Irrtum oder ein Test, dachten sie: „Es war zu schön. Es sah aus, wie wenn zwei Objekte ineinander stürzen.“

Nach vielen hektischen E-Mails und Telefonaten war aber klar: Es war die erste beobachtete Gravitationswelle, ausgesandt von zwei Schwarzen Löchern, die sich verschmolzen hatten. Vor 1,3 Milliarden Jahren ist das passiert. „Und dann treffen sie genau dann auf die Erde, als die Detektoren gerade in Betrieb waren. Manchmal muss man einfach Glück haben.“

Diesen Crash, bei dem 36 und 29 Sonnenmassen kollidierten, kann man auch hören. Das Signal, erst in tiefen Tönen, dann abrupt in die Höhe jaulend, gehört seitdem zu Danzmanns Lieblings-Melodien: „So hört es sich an, wenn schwarze Löcher sterben. Ist das nicht schön? 27 Jahre habe ich daran gearbeitet, diesen Ton zu hören. Das hat sich doch wirklich gelohnt.“

Viele Jahrzehnte mehr hatte Heinz Billing daran gearbeitet – und der 1914 Geborene hatte immer angekündigt, er bleibe solange am Leben, bis er die Wellen hören könne. Und tatsächlich: In seinem 101. Lebensjahr hat er es geschafft, mit 102 ist er dann gestorben.

Das sind Kontinuitäten, die große Entdeckungen ermöglichen – Karsten Danzmann wies darauf eigens hin: „Das geht nur mit einer stabilen Finanzierung über Jahrzehnte und nicht mit einer Evaluitis. Dazu braucht es auch visionäre Persönlichkeiten. Und Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft, die das treu unterstützen. Ohne das alles hätte es diese Entdeckungen nicht gegeben.“

Die den Forschen neue Erkenntnisse beschert haben („wir haben schwarze Löcher entdeckt, so groß, dass es sie gar nicht geben dürfte“) oder Novitäten wie dieses Jahr die erste gehörte und gesehene Neutronenstern-Verschmelzung. Und wieder lauscht Karsten Danzmann verzückt dem Gezirpe aus dem All: „100 Sekunden Todeskampf der Neutronensterne!“

Was hat der Laie von all dem? Neben echten Star-Wars-News immerhin auch einen neuen Klingelton mit den Signalen aus dem Weltall: Unter www.ligo.org/multimedia.php stehen so nette Tonabfolgen wie „Enchilada Cool Waves“ oder „Black Hole Billiards“ bereit.

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10.11.2017, 22:00 Uhr
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