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Wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis

Junge Frau erhielt Bewährung, ein Mann muss einsitzen

Als die Staatsanwältin von Gefängnis sprach, rannen der jungen Frau die Tränen aus den Augen. Sie war doch nur ein paar Mal ohne Fahrschein gefahren. Sie kam mit Bewährung davon, ein etwas älterer Angeklagter muss in Haft.

14.08.2012
  • von Gert Fleischer

Rottenburg. „Erschleichen von Leistungen“ heißt das Delikt, weshalb die beiden gestern im Amtsgericht saßen. Es ging um sehr geringe Schadensbeträge. Aber beide Angeklagte waren der Deutschen Bahn mehrfach als Schwarzfahrer aufgefallen, weshalb sie sie anzeigte. Die Staatsanwaltschaft erkannte jeweils ein öffentliches Interesse, das Verhalten anzuklagen.

Die Frau ist Mitte zwanzig, hat Hauptschulabschluss, arbeitet derzeit auf 400-Euro-Basis. Zuhause gibt sie 100 Euro ab. Sie habe etwa 5000 Euro Schulden, die sie derzeit nicht zurückbezahlen kann. Aber sie bekomme bald einen Ganztags-Job.

Vorigen Herbst wurde sie zwei Mal ertappt, in Horb und in Reutlingen, als sie ohne gültigen Fahrausweis mit der Bahn gefahren war. Wert der nicht gelösten Fahrkarten zusammen: 9,60 Euro. „Ich sehe das auf jeden Fall ein“, entgegnete die Angeklagte auf den Vorhalt der Staatsanwältin. „Ich war dumm, ich komme nicht gegen die Deutsche Bahn an.“

Wer beim ersten und zweiten Mal Schwarzfahren erwischt wird, kommt nicht gleich vor Gericht. Wie überall in den Zügen zu lesen, nimmt die Bahn in diesen Fällen ein erhöhtes Beförderungsentgelt: den doppelten Fahrpreis, mindestens aber 40 Euro. Dies hatte die junge Frau schon hinter sich. Vor knapp zwei Jahren wurde sie in einem Monat vier mal ohne Fahrschein kontrolliert.

Die Angeklagte fühlte sich damals ungerecht behandelt, weil eine bestimmte Fahrkarte nur bis zum 21. Lebensjahr galt, sie davon aber nichts wusste. Sie meinte deshalb, sie müsse ihre vermeintliche Benachteiligung der Bahn anlasten, indem sie schwarz fuhr.

Sie erhielt einen Strafbefehl, also die erste gerichtliche Stufe vor der Anklage. „Und jetzt fuhren Sie wieder ohne gültige Fahrschein – Sie mussten doch wissen, dass das strafbar ist“, sagte die Richterin. „Ja, es war verantwortungslos“, sagte die Angeklagte. Sie sei etwas chaotisch, habe psychische Probleme gehabt, sei ein labiler Mensch.

Die Staatsanwältin machte ihr deutlich: „Entweder man hat eine gültige Fahrkarte, oder man fährt schwarz – ein Dazwischen gibt‘s nicht.“ Die Richterin erwähnte, dass die Angeklagte nach den jetzt verhandelten Schwarzfahrten danach drei weitere Mal mit dem selben Delikt auffiel. Dieses Verfahren stellte die Bahn ein im Hinblick darauf, dass die Frau gestern bestraft würde. Neun Schwarzfahrten wurden insgesamt aktenkundig.

Die Staatsanwältin zeigte sich „irritiert“, dass die Angeklagte keine Einsicht habe. „Es geht immer so weiter. Ich frage mich: Wie sind Sie zu stoppen?“ Eine weitere Geldstrafe verspreche keinen Erfolg. Also komme eine kurze Freiheitsstrafe in Betracht. Das Gesetz sehe dafür mindestens einen Monat vor. Die Staatsanwaltschaft halte einen Monat plus zwei Wochen für gerechtfertigt.

Dann sei zu fragen: Soll die Frau ins Gefängnis oder erhält sie eine Frist zur Bewährung. Die Staatsanwältin beantragte drei Jahre Bewährungsfrist und schärfte der längst tränenüberströmten Angeklagten ein: „Da darf nichts mehr passieren. Sie dürfen nichts klauen, nicht schwarzfahren, nichts Strafbares im Straßenverkehr tun.“ Sonst sei die Bewährung verwirkt und sie müsse ins Gefängnis. Zusätzlich beantragte die Staatsanwältin 200 Euro Geldauflage.

Die Richterin fällte dieses Urteil: Freiheitsstrafe von einem Monat plus zwei Wochen auf zwei Jahre zur Bewährung. Dazu 200 Euro Geldauflage. Wenn sich die Frau in den zwei Jahren nichts mehr zuschulden kommen lässt, wird ihr die Freiheitsstrafe erlassen. „Ich traue Ihnen das zu“, sagte die Richterin; „ich glaube, Sie haben jetzt wirklich begriffen.“ Die Angeklagte nahm das Urteil an, es wurde damit gleich rechtskräftig.

Schwieriger war der Fall eines 36-jährigen Angeklagten. Auch er wurde mehrfach beim Schwarzfahren erwischt. Aber er lebt in unklaren persönlichen Verhältnisse, war heroinabhängig und wird seit 2008 mit Methadon substituiert. Vor zwei Jahren hat er zuletzt gearbeitet. Er sei schwarz gefahren, weil er kein Geld gehabt habe für eine Fahrkarte, sagte er. Er hat eine längere Vorstrafenliste, meist Beschaffungsdelikte.

Der Angeklagte befindet sich – ebenfalls wegen Leistungserschleichung, Schwarzfahren – noch mitten in dreijähriger Bewährungsfrist bei einem Urteil von 5 Monaten Freiheitsentzug. Die Staatsanwältin forderte für den neuen Fall einen Monat Gefängnis ohne Bewährung. Das Gericht entschied genau so.

Info Richterin am Amtsgericht Rottenburg: Anke Baumeister, Staatsanwältin: Annette Schmid-Bart

Junge Frau erhielt Bewährung, ein Mann muss einsitzen
Eine gültige Fahrkarte hilft gegen Schwarzfahr-Stress . Bild: Fleischer

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14.08.2012, 12:00 Uhr
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