Die Stimmung bei den Wahlpartys

Jubel, Entsetzen, Stolz und Rührung in Tübingen

Von Kürzel

Widmann-Mauz von der CDU ist nicht zufrieden, Rosemann und die SPD wollen in die Opposition, die Grünen vielleicht in die Regierung (nach harten Verhandlungen), bei der FDP ist man ein bisschen gerührt und bei der Linken nur ein bisschen erfreut. Unsere Berichte von den lokalen .

Jubel, Entsetzen, Stolz und Rührung in Tübingen

Die Grünen jubelten in der Liquid-Bar in Tübingen: Der wiedergewählte Bundestagsabgeordnete Chris Kühn (Mitte) feierte zunächst mit Bier, dann wechselte er noch zu Sekt. Bild: Rippmann

Ein „tektonisches Beben“, wie es im Fernsehen hieß, löste das Wahlergebnis bei den Wahlpartys der Parteien nicht aus. Freude und Trauer gab es trotzdem genug.

„Eine Chance“ für die CDU

Recht reaktionslos hatten die CDU-Mitglieder im Porta Rossa, der Vereinsgaststätte des SV 03 Tübingen, die 18-Uhr-Hochrechnung verfolgt. Dass die eigene Partei deutlich an Prozenten und bundesweit etwa eine Million Wähler an die AfD verloren hat, sorgte für eine allgemeine gedrückte Stimmung. „Einfach mal abwarten“, empfahl Tübingens Regierungspräsident Klaus Tappeser von der CDU. „Wir müssen schauen, wie wir dieses Ergebnis einordnen können.“ Aber: Zufriedenstellend sei es keinesfalls.

Um kurz nach 19 Uhr am Sonntagabend traf auch die hiesige Abgeordnete Annette Widmann-Mauz ein. Klinikums-Chef Michael Bamberg und die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast (sie kam gerade von der SPD-Party) waren schon da. Zwei von drei Zielen habe ihre Partei erreicht, sagte Widmann-Mauz: Stärkste Kraft im Bundestag und auserkoren zu sein, „eine stabile Regierung zu bilden“ - diese Verantwortung müsse die Partei „auch in schwierigen Zeiten annehmen“. Die 51-Jährige erinnerte daran, dass die CDU bei ähnlichen Werten angekommen sei, wie nach der ersten großen Koalition: 2009 waren es 33,8 Prozent. „Große Koalitionen tun der CDU und unserem Land auf Dauer nicht gut“, sagte Widmann-Mauz. Deshalb sei dieses Ergebnis „auch eine Chance“. Die Menschen hätten sich nach dem TV-Duell fast nur noch unterhalten, wer den dritten oder vierten Platz einnimmt.

Die SPD habe sich intern „immer stärker überboten – auch im Benennen von Ängsten“. Dies gepaart mit der AfD habe letztlich dazu geführt, dass sich die Aufmerksamkeit auf andere Gruppen gelenkt und auch die Themen sich geändert hätten. „Uns ist es nicht mehr gelungen, mit unseren Themen durchzudringen“, sagte Widmann-Mauz.

Ärger mit der AfD

Zur Überraschung der CDU hatte sich im Nebenraum des „Porta Rossa“ eine Gruppe AfD-Sympathisanten eingemietet, die sich mit einer Fahne als Anhänger der Jungen Alternative zu erkennen gaben und die CDU-ler mit hämischen Sprüchen bedachten. Für den TAGBLATT-Fotografen inszenierten sie sich zunächst als coole Truppe (siehe unten), bevor sie plötzlich das Recht aufs eigene Bild geltend machten, den Fotografen am Wegfahren hinderten und die Polizei riefen. Die Beamten beruhigten die Gemüter und überließen dem Fotografen die Entscheidung über die Verwendung des Fotos. Georg Riege, Wahlkampfleiter der CDU-Abgeordeneten Widmann-Manz fand es „kurios und dubios“, dass AfD-Vertreter im gleichen Restaurant feierten.

SPD reagiert gefasst

Entsetzen? Das traf die Stimmung bei der SPD nicht. Im Tübinger Hauptbahnhof hatten sich um 18 Uhr gut 50 Genoss(inn)en versammelt, darunter nur wenig Parteiprominenz. Die Genossen reagierten traurig, aber gefasst auf die trüben Zahlen. „Immerhin“, sagte Christine Arbogast, „sind wir noch über 20 Prozent.“ Besorgt war die Erste Bürgermeisterin über das Ergebnis der AfD. „Vielleicht war es doch ein Fehler, der Partei im Vorfeld in den Medien so viel Raum zu lassen“, überlegte sie.

Martin Rosemann, der gegen sieben Uhr kam, räumte offen ein, dass „wir kein Wahlziel erreicht haben“. Dass der Parteivorsitzende sich für den Gang in die Opposition entschied, hält der SPD-Bundestagsabgeordnete für „folgerichtig“. Martin Schulz habe zwar, findet Rosemann, „mit Würde“ gekämpft. Trotzdem müsse man jetzt auch über Fehler reden. Und über die Zukunft der Partei: „Das Gesicht der SPD können nicht nur 60-jährige Männer sein.“

Dorothee Mandler ist eines der jungen, weiblichen Mitglieder der SPD. Sie fand, genau wie ihre Parteifreundin Sofie Rink, das Ergebnis der AfD schlimm. Viele AfD-Wähler hätten nach ihrer Einschätzung vor allem ihren Protest gegen die Flüchtlingspolitik, aber auch gegen „Eliten“ ausdrücken wollten. Für die Zukunft ihrer Partei wünschten sich die beiden Jusos auf der Wahlparty: „Die SPD muss sich modernisieren und jünger machen.“ Schulz allerdings sollte Vorsitzender bleiben, finden die Frauen: „Er hat einen Superjob gemacht.“ So gab es im Hauptbahnhof auch lautstarken Applaus, als der SPD-Chef auftrat.

Stolz bei den Grünen

Jubel und Entsetzen gleichermaßen herrschten bei der Wahlparty der Grünen in der Liquid-Bar: Jubel über das Ergebnis der Grünen im Bundesgebiet und den gestiegenen Zuspruch im Wahlkreis Tübingen für den hiesigen Grünen-Bundestagsabgeordneten Chris Kühn. Der Sprecher für Wohnungspolitik ist bei den Landes-Grünen auf Listenplatz sechs und kommt erneut in den Bundestag.

Entsetzt waren die Wahlkämpfer und Funktionsträger dagegen über das Ergebnis der AfD in den ersten Prognosen und Hochrechnungen: „Es wird heute Abend den Einzug einer nationalistischen Partei in den Deutschen Bundestag geben“, hatte der Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal kurz vor 18 Uhr prophezeit. Mit der ersten Wahlprognose war man in der Liquid-Bar dennoch zufrieden. Über neun Prozent für die Grünen, entgegen aller schlechten Umfragewerte in den letzten Wochen: „Wir können stolz sein auf unser Ergebnis“, sagte Chris Kühn seinen Wahlkämpferinnen und Walkämpfern und reckte nach seiner Ansprache einen Strauß Sonnenblumen in die Höhe.

Die Fernseh-Bilder vom jubelnden Gauland, der die Regierung künftig „jagen“ will, verdarben Kühn allerdings bald die Feierlaune: „Unerträglich“, kommentierte der Abgeordnete die Bilder. Gegenüber dem TAGBLATT betonte er, dass er den gestiegenen Zuspruch für seine Partei als klaren Auftrag verstehe, „die rechtspopulistische AfD in ihre Schranken zu weisen. Wir werden dafür sorgen, dass der Balken dieser Partei in vier Jahren nicht so in die Höhe steigt wie dieses Jahr.“

Unter Kühns Gästen war auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und der Grünen-Stadtrat Christian Mickeler. Der Arzt erwartet nun von seiner Partei harte Koalitionsverhandlungen: „Frau Merkel ist ums Verrecken auf Koalitionspartner angewiesen. Das heißt für mich, dass wir ihr Daumenschrauben anlegen und sie quälen müssen, bis sie quietscht, um unsere Themen umzusetzen.“ Sollte das nicht gelingen, prophezeit er seinen Grünen den Abstieg: „Wenn wir uns als Koalitionspartner zu billig verkaufen, sind wir in vier Jahren weg vom Fenster.“

FDP strahlt

Mit vielen strahlenden Gesichtern und in konzentrierter Stimmung feierte die FDP den Wahlabend in Lustnau in der Gaststätte „Rose“. 60 Leute füllten den Raum. „Heute ist was los“, freute sich die Kreisvorsitzende Dinah Murad, erinnerte sich aber auch an die Wahl vor vier Jahren. „Das war auch schon anders.“

Die Hochrechnungen sagten dann 10,5 Prozent Stimmanteil bei der aktuellen Wahl voraus. „Mir geht es bei diesem Ergebnis hervorragend“, sagt Anne Kreim, FDP-Stadträtin in Tübingen. Es dürfte auch gern etwas mehr sein, „aber 10,5 habe ich gewettet“.

So richtig gejubelt hatten die Liberalen nicht, als die ersten Bundesergebnisse über die Leinwand liefen. Selbst der TV-Auftritt von Parteichef Christian Lindner wurde nur freudig begrüßt. Lauten Beifall gab es dagegen für den ersten Wahltrend aus dem Land, bei dem die Liberalen bei gut 13 Prozent lagen. Christopher Gohl hatte damit die Chance, in den Bundestag einzuziehen. „Du musst aber hier bleiben“, wünschte sich Parteifreund Prof. Claus Claussen.

Gohls erster Kommentar zum Wahlergebnis: „Merkel ist auch enorm geschädigt.“ Die FDP fülle nun die politische Mitte wieder auf. Diese starke Mitte habe gefehlt, was die politisch extremen Ränder mit der AfD gestärkt habe.

Befragt nach den Zielen der FDP in einer Jamaika-Koalition nannte Gohl Punkte, bei denen eine Kooperation mit den Grünen möglich sei. In die Bildung könnten mehr Bundesmittel fließen, Investitionen in Zukunftstechnik müsste der Bund hochfahren, es brauche ein Zuwanderungsgesetz und eine ökologische Modernisierung.

Und die CDU? „Da sehe ich keine roten Linien, an denen eine Koalition scheitern würde.“ Doch Gohl wollte am Sonntagabend eigentlich gar nicht so schnell über zukünftige Politik reden: „Für mich ist das ein berührender Moment.“ Zu groß war die Freude darüber, dass seine Partei, die für Weltoffenheit und Vernunft stehe, den Wiedereinzug in den Bundestag wieder schaffte.

Da war er sich auch einig mit der am Sonntagabend stark vertretenen Gruppe von zwei Dutzend Jungmitgliedern. Der 20-jährige Lars Ingelbach etwa sagte: „Mich freut es, dass wir wieder Politik machen für den individuellen Menschen.“

Linke hatten mehr erwartet

Kopfschütteln und ernste Blicke: Bei den Tübinger Linken herrschte regelrechtes Entsetzen, als die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme liefen. Viele hatten mit einem zweistelligen Ergebnis gerechnet – und darauf gehofft, den dritten Platz zu erlangen. Mit Unverständnis reagierten die meisten auf das vergleichsweise gute Abschneiden der Grünen. Fassungslos machte viele Genossinnen und Genossen der Wahlerfolg der AfD.

Mehr als 40 Parteimitglieder und Sympathisanten hatten im „Ristorante Riva“ in Lustnau den Ergebnissen entgegengefiebert. Nach dem ersten Schock hellte sich die Stimmung langsam wieder auf. Beifall und Jubel gab es, als ein Genosse das Landesergebnis verkündete. Demnach hat Die Linke im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 deutlich hinzugewonnen. Somit habe man das Wahlziel für Baden-Württemberg von „5 Prozent plus x“ erreicht, freute sich Landesgeschäftsführer Bernhard Strasdeit: „Das gibt uns Auftrieb für die kommunal- und landespolitische Arbeit.“

„Schlimm, dass die AfD so viele Stimmen bekommen hat“, sagte Kreisrätin Gisela Kehrer-Bleicher. Es gelte nun, die „Bewegung gegen rechts“ zu stärken und zugleich zu zeigen, „dass die wahre Auseinandersetzung um soziale Themen geht, auf die die AfD überhaupt keine Antworten hat“.

„Ich hatte mir deutlich mehr erhofft“, sagte die Tübinger Direktkandidatin Heike Hänsel. Vor allem in den letzten Tagen vor der Wahl hätten viele Medien so getan, als kämpften neben der AfD nur die FDP und die Grünen um den dritten Platz, kritisierte Hänsel. Viele Wähler, mit denen sie gesprochen habe, hätten ihr gesagt, dass sie taktisch wählen, „damit wenigstens die Grünen in die Regierung kommen“. Dabei stünden diese genauso für eine neoliberale Politik wie die FDP.

Hänsel konstatierte einen „deutlichen Rechtsruck in Deutschland“. Man werde nun entschlossen die soziale Frage statt der nationalen in den Vordergrund rücken. Der Hetze der AfD wolle man Solidarität entgegensetzen. In Anspielung auf die Worte von AfD-Spitzenkandidat Gauland, der gesagt hatte, die AfD werde die Kanzlerin „jagen“, versprach Hänsel: „Wir werden den Neoliberalismus jagen.“itz, uja, loz, bei, koe


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25.09.2017 - 01:00 Uhr