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Tübinger Terrorismus-Konferenz

Islamisten sehen sich als Fremde und Verfolgte

Terrorgruppen wachseninmitten westlicher Gesellschaften: Eine Konferenz der Tübinger Politikwissenschaft beschäftigte sich mit dem Entstehen radikaler Zirkel. Verfassungsschützer Benno Köpfer referierte über die Lagein Baden-Württemberg.

11.09.2010
  • Fabian Ziehe

Tübingen. „Die Anhänger machen ihr Denken öffentlich, sie wollen uns die richtige Religion zeigen“, sagte Benno Köpfer beim Workshop am Donnerstag im Tübinger Theologikum. Der Referatsleiter der „Forschungsgruppe islamischer Extremismus und Terrorismus“ des baden-württembergischen Verfassungsschutzes besuchte schon manchen islamistischen Vortrag, durchstöberte Büchertische in Fußgängerzonen, klickt regelmäßig durch die einschlägigen Internetforen.

Wer es lesen will, entdeckt leicht unverblümt-radikales islamistisches Denken: Allah als Gesetzgeber, Koran und Sharia als ausschließlicher Richtschnur, der gewalttätiger Heilige Krieg als religiöse Pflicht. Salafismus ist eine konservative wie radikale Auslegung islamischer Religion, befeuert von Gelehrtern vor allem aus dem ägyptischen und saudi-arabischen Raum. Und radikal wörtlich genommen von kleinen Zirkeln. „Nur ganz wenige Salafisten werden zu Terroristen“, betonte Köpfer.

Er und seine Mitarbeiter beobachten die islamistische Szene im Land. Der Islamwissenschaftler kam 2002 zum Verfassungsschutz – unter dem Eindruck der Anschläge am 11. September 2001. Eine reale Bedrohung besteht auch im Ländle, das zeigten die islamistische Clique in Ulm oder die Garage mit Bombenbau-Material der Sauerland-Gruppe im Schwarzwald. Radikale bilden hier selten rein städtischen Parallel-Gesellschaften: Ihre Treffpunkte sind im Internet. Die Anhänger leben auch in der Provinz.

„Soziale Hintergründe sind wichtig für die Radikalisierung“, sagte Köpfer¨. Es sei ein „Cocktail von Motiven“. So fühlten sich gerade Jungen in der Pubertät fremd – den Eltern, der Schule, der Gesellschaft. Trifft das auf die Idee, Muslime seien weltweit Fremde, Verfemte und Verfolgte, kann das radikale Ansichten verstärken. Fremdsein ist ein Konzept, das islamistische Kreise reproduzieren. Man will auffallen, kleidet und verhält sich wie wohl Mohammed und sein Umkreis einst. Das provoziert nach außen und eint nach innen. Vorfälle wie die Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghraib oder die Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen beförderten das. Ein ähnliches Konzept heißt „Wala wa‘l-Bara“, was „Loyalität und Lossagung“ oder schlicht „Liebe und Hass“ bedeutet. Pointiert meint das: Sei gut zu Glaubensbrüdern und bekämpfe die Feinde des Islams.

Erst spät kapseln sich extreme Gruppe ab. „Salafistisches Verhalten ist sichtbar“, sagte Köpfer – etwa bei Predigern wie Pierre Vogel, der 2007 in der Tübinger Hermann-Hepper-Halle sprach. 3000 bis 5000 Salafisten gäbe es in Deutschland. Im Land sind es einige hundert, schätzte der Verfassungsschützer. Nur ein Bruchteil sei gewaltbereit. „Wir beobachten die Nadel im Heuhaufen“, sagte Köpfer. Dieser Heuhaufen sei ganz Europa – regional blieben zwar Ballungen in Zuwanderungs-Zentren, die Szene verteile sich allerdings in die Fläche. Bücher liefern radikale Interpretationen: Köpfer stellte einige vor. Etwa „Die Glaubenslehre der sunnitischen Gemeinschaft“. „Das klingt religiös, aber nicht extremistisch“, sagte Köpfer, der das Buch an verschiedenen Infoständen in badenwürttembergischen Städten gefunden hat. Die meisten Bücher sind übersetzt. Die Sprache ist nahe an der Jugend und gespickt mit arabischen religiösen Wörtern, ein Code. Der Inhalt ist eindeutig, etwa was Frauenbild und Ideen zum Heiligen Krieg angeht, wie Köpfer an Beispielen zeigte. Manche Schrift indizierte der Staat. „Aber um verbieten geht es gar nicht, durch das Internet ist das auch kaum möglich. Man muss sich damit inhaltlich auseinandersetzen.“

Internationale Gäste diskutierten über Radikalisierung

Die Konferenz „Radicalization in western societies – preventing homegrown terrorism“ am Mittwoch und Donnerstag in Tübingen diente dem Austausch über Radikalisierung in Westlichen Staaten. Veranstalter war die Tübinger Politikwissenschaft. 90 Gäste von Geheimdiensten, Polizei, Wissenschaft und Medien diskutierten über das Entstehen gewaltbereiter Gruppen innerhalb westlicher Staaten.

Den Austausch mit Geheimdiensten fand Gastgeber Prof. Andreas Hasenclever wichtig. So referierte Anja Dalgaard-Nielsen vom dänischen Nachrichtendienst PET über ein Programm, mit dem versucht wird, Radikalisierte zur Umkehr zu bewegen. „Deren Fähigkeit zu Terroranschlägen ist derzeit gering“, glaubt Hasenclever. So konzentriere man sich nun verstärkt darauf, potentielle Gewalttäter zu identifizieren. „Es geht darum, Gemeinschaften in der Gesellschaft, und radikale Gruppen in den Gemeinschaften zu halten.“ Der Kontakt zu den Radikalen dürfe nicht abbrechen. Das habe die Konferenz gezeigt, so Hasenclever. „Allerdings weiß die Wissenschaft nicht genug über ihre Motive. Es sind wenige in kleine Zirkeln.“

Ein falscher Weg sei, Strömungen wie den Salafismus im Islam verantwortlich zu machen: Religion sei das Vehikel zur Radikalisierung, nicht die Ursache. Hasenclever wünscht sich einen besseren Austausch von Daten – zwischen den Ländern, der Wissenschaft und den Staatsorganen.

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11.09.2010, 12:00 Uhr
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