Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Interview: Philosoph Otfried Höffe sieht das Recht in Europa überdehnt und missachtet
„Lehren und Erziehen bringen Verdienste für Jahrhunderte“, so der Spruch auf der Kalligrafie, die Otfried Höffe während eines Besuch in China als Geschenk erhielt. Bild: Sommer
Deutsche Moslems Vorreiter eines zukunftsfähigen Islams?

Interview: Philosoph Otfried Höffe sieht das Recht in Europa überdehnt und missachtet

Die Flüchtlingskrise, der europäische Gedanke und das „alte Deutschland“ werden landauf, landab diskutiert und nicht selten für die eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert. Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe spannt im Interview den großen Bogen und gibt dem nationalen Patriotismus eine Abfuhr.

22.05.2016
  • Interview: Manfred Hantke

Herr Höffe, die Flüchtlinge träumen auf ihren Booten den europäischen Traum, viele Europäer aber wenden sich von Europa ab, beschwören den Nationalismus...

Otfried Höffe: ... Die Flüchtlinge träumen nicht, sie sind von der Hoffnung beseelt, den Grausamkeiten ihrer Heimat zu entkommen. Von der Sprache, der Religion und der Mentalität her wären als Fluchtziel die unmittelbaren Nachbarn weit geeigneter. Die Werte, die sie suchen, Friede, Recht sowie einen gewissen Wohlstand, finden sie aber erst in der Ferne, in Europa. Nur herrschen dort nicht nur die genannten Werte, sondern auch nationale Eigeninteressen...

... die den europäischen Gedanken gefährden. So manch einer redet schon vom gescheiterten Europa.

Von den drei genannten Werten ist der erste Wert, der Friede, glücklicherweise nicht gefährdert, und der dritte, der Wohlstand, ebenso wenig. Den neuen Beitrittsländern geht es – wenn auch deren Bürgern in der Regel nicht schnell genug – wirtschaftlich besser. Am stärksten gefährdet ist das, was niemand Geringeres als Immanuel Kant den „Augapfel Gottes auf Erden“ nennt, dem Recht. Das Recht wird kräftig gedehnt, überdehnt, sogar missachtet. Im Übrigen besteht Europa nicht nur aus der Europäischen Union. Länder wie Norwegen und die Schweiz sind europäisch und weder unfriedlich noch wirtschaftlich arm, noch ist ihre Rechtsordnung zu verachten.

Wo wird das Recht überdehnt, gar missachtet?

Nur zwei Beispiele: der Stabilitätspakt verlangt Sanktionen, die gar nicht oder bestenfalls parteilich verhängt werden. Und in Frankreich lehnen am 29. Mai 2005 54,68 Prozent der Wähler den Vertrag für eine europäische Verfassung ab. Trotzdem beschleunigte die EU den europäischen Integrationsprozess und arbeitet den Vertrag von Lissabon aus.

Scheitert Europa, geht es dann weniger demokratisch, weniger sozial und weniger frei zu?

Auf der EU-Ebene wird zwar das Recht nicht mehr hinreichend geachtet. Aber Europa als gescheitert zu erklären, ist bei aller Wertschätzung, die die Union im hohen Maße verdient, eine Überbewertung. Allzuoft setzen wir die EU mit dem doch größeren Kontinent Europa gleich. Allerdings ist die EU die wohl größte politische Innovation seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn sie scheitert, scheitert eine große Vision, die nicht nur für Europäer, sondern auch für Nicht-Europäer große Hoffnung spendet. Es ist aber nicht zu erwarten, dass die Beitrittsstaaten – zumal die älteren Mitglieder der EU – ihre Ansprüche an Demokratie, Freiheit und Sozialstaatlichkeit aufgeben.

Manche sprechen dem Islam die Aufklärung ab und schlussfolgern, er gehöre nicht zu Deutschland. Zeugt Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen von einem aufgeklärten Bewusstsein?

Im Mittelalter, zumal im Goldenen Zeitalter dieser Religion, etwa vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, war der Islam im Mittelmeerraum einer der Wortführer der Aufklärung. Von dieser Leistung, eine Avantgarde der Aufklärung zu sein, kann beim Islam aber schon lange keine Rede mehr sein. Das Potenzial dazu ist ohne Zweifel weithin verschüttet, aber nicht prinipiell verloren gegangen.

Gehört dann der Islam also doch nicht zu Deutschland?

Deutsche Bürger muslimischer Religion gehören zweifellos zu Deutschland. Dort, wo sie ihre Religion in den demokratischen Rechtsstaat integrieren, können sie sogar zu Vorreitern eines europäischen Islam werden. Wenn sie sich sowohl von den humanen Idealen ihrer Religion als auch von den Idealen der Aufklärung mit ihrer Toleranz und den Grund- und Menschenrechten, einschließlich der Meinungsfreiheit und der Gleichberechtigung der Frau, inspirieren lassen, könnten sie den muslimischen Glaubensgenossen in aller Welt einen zukunftsfähigen Islam vorleben.

Und doch wollen einige ihr „altes Deutschland“ wieder. Einwanderer gab es doch immer ...

... Der Wunsch nach dem alten Deutschland erinnert mich an den Buchtitel von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“

In diese Debatte spielt auch immer der sogenannte Kampf der Kulturen hinein. Ist er ein brauchbares Kon strukt, um die derzeitige Situation angemessen zu beschreiben?

Dieser „Kampf der Kulturen“, den Samuel Huntington behauptet, war nach meiner Einschätzung von vornherein eine falsche Diagnose. Schon in meiner Studie „Demokratie im Zeitalter der Globalisierung“ habe ich die Gegendiagnose aufgstellt...

... Und die lautet?

Zum einen ist der „Unruheherd Afrika“ nicht annähernd so homogen, wie Huntington behauptet. In Japan leben für uns heterogene Religionen Shintoismus und Buddhismus friedlich – sogar in derselben Person – miteinander und ist man gegenüber westlichen Elementen geöffnet. Und in Ostmitteleuropa gibt es Länder, deren Bevölkerung zwar Slawen, aber keine Mitglieder des orthodoxen Christentums sind. Zum anderen pflegen sich Kulturen entlang transkultureller Faktoren, also nach Alter, Geschlecht, Beruf und politischer Einstellung, auszudifferenzieren. Das führt dazu, dass zum Beispiel Jugendliche aus Istanbul denen aus Berlin und Tübingen mehr ähneln als den Älteren in der Landbevölkerung Ost-Anatoliens.

Wie wichtig ist dann noch das Deutsch-Sein?

Was denn ist mit Deutsch-Sein gemeint? Zum Minimum gehört, dass man die Landessprache spricht und sich in die Kultur einer konstitutionellen Demokratie einlebt, besser noch: sie pflegt. Bei einer Steigerung, deutsch zu sein, schätzt man die an Staatsgrenzen aber nicht gebundene Musik, Literatur, Kunst und Architektur. Man kenne überdies die lange, facettenreiche Geschichte zumindest in Grundzügen, man leugne weder deren gelegentlichen Glanz noch das unendliche Unheil, das von Deutschland ausging, aber auch nicht die mittlerweile zwei, bald drei Generationen einer doch gelungenen Demokratie.

Muss die „Nation“ vor dem Hintergrund eines religiösen Pluralismus neu definiert werden?

Die Nation – neutraler: der Einzelstaat – hat mindestens zwei Seiten: Auf der einen Seite haben die Bürger die gemeinsame kulturelle, sprachliche, auch religiöse und mancherorts wie etwa in Finnland oder in Island gemeinsame ethnische Wurzeln. Mindestens ebenso wichtig ist die immer wieder zu erneuernde Entscheidung, ein politisches Gemein-Wesen, eine res publica, eine Republik, zu leben.

Um zu funktionieren, müsste diese Republik dann auch nicht gemeinsame Werte haben?

Sie haben recht. Deshalb kann Pluralismus ein wichtiges, aber kein exklusives Merkmal eines politischen Gemeinwesens sein. Für Europa hebe ich Frieden und Recht hervor, auch einen gewissen Wohlstand, obwohl eine Demokratie auch bei weniger wirtschaftlichem Erfolg durchaus gelingen, sogar blühen kann. Für das eigene Land, bei uns Deutschland, kommen die Sprache, die Geschichte und die Kultur hinzu.

Braucht es einen neuen Patriotismus, oder eine neue Aufklärung?

Aufklärungen gibt es seit Beginn der Menschheit, im alten Griechenland, im Mittelalter, in der frühen Neuzeit. Wir sollten das Zeitalter der europäischen Aufklärung wert schätzen, aber nicht überschätzen. Wenn man den Ausdruck Patriotismus überhaupt verwenden will – er ist ja nicht ganz unbelastet – so muss man sagen, ein Patriotismus, der der europäischen und der globalen Wirklichkeit gerecht wird, muss mehrstufig sein. Er kann auf der regionalen, sogar kommunalen Ebene beginnen, er muss sich ohne Zweifel auf das eigene Gemeinwesen richten, darf die Wirklichkeit – mit oder ohne EU – der europäischen Vernetzung und der gemeinsamen Wurzeln nicht verdrängen oder gar verachten. Nicht zuletzt sind wir ausweislich unseres gelebten Lebens nicht bloß Deutsche und Europäer, sondern auch Weltbürger, nämlich Bürger der in unseren Zeiten der Globalisierung immer reicheren, gemeinsamen Welt.

Ist der ausschließlich nationale Patriotismus „Schnee von gestern“?

Auch wenn manche Bürgerschaften es noch nicht einsehen, ist ein auschließlich nationaler Patriotismus ohne Frage längst überholt.

Forschungsstelle will Einfluss auf politische Praxis nehmen

Otfried Höffe (73) ist einer der profiliertesten und meist zitierten deutschen Philosophen. Er lehrte an verschiedenen Universiäten, etwa in Zürich, St. Gallen und von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2011 in Tübingen. 1994 gründete er die Forschungsstelle für Politische Philosophie. Höffe ist unter anderem Senator der Deutschen Nationalakademie Leopoldina. 2002 erhielt er den Bayrischen Literaturpreis für wissenschaftliche Darstellungen von literarischem Rang. Seine zahlreichen Bücher befassen sich insbesondere mit der Ethik und der Philosophie von Kant und Aristoteles, zuletzt erschien „Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne“. Die von ihm gegründete Forschungsstelle für Politische Philosophie befasst sich mit zeitgenössischen Problemen der Ethik und Politik und will auch Einfluss auf die politische Praxis nehmen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.05.2016, 19:28 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram

Was halten Sie vom TüBus-Flatrate-Vorschlag der Stadtverwaltung?

Die Stadtverwaltung schlägt vor, den Tübinger Busverkehr ticketfrei zu machen und das Angebot auszuweiten. So sollen mehr Menschen zum Busfahren gebracht werden. Dazu will sie die Grundsteuer, die auf die Mieten umgelegt wird, und die Gewerbesteuer erhöhen. Was halten Sie davon?
1520 abgegebene Stimmen
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Schöner Arbeiten - Bedeutung von Architektur für Unternehmen der Region
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular