200 Jahre Fahrrad: Alles außer E-Bikes

In einer Weilheimer Scheune sind Räder aus halb Europa · Michael Faiß kennt ihre Geschichte(n).

Von Christine Laudenbach

Holland fehlt, ausgerechnet. Wo doch gerade dort Zweiräder kaum wegzudenken sind. Italien, Frankreich, Österreich hatte Michael Faiß als Herkunftsländer seiner Räder aufgezählt. Die Schweiz und Deutschland sowieso. Nur Holland, sagt seine Stimme auf dem Anrufbeantworter, sei ihm eben beim gemeinsamen Rundgang durchs Museum durchgerutscht.

In einer Weilheimer Scheune sind Räder aus halb Europa · Michael Faiß kennt ihre Geschichte(n).

Rennräder, Stehräder, Reit- und Kinderräder, Klapp-, Colani- und Bonanza-Räder hat Michael Faiß zusammengetragen. Das Hochrad jedoch ist nur geliehen. Bilder: Metz

Eine Bekannte habe ihm das Stück überlassen. Wie zu dem Holland-Rad kommt Michael Faiß immer wieder zu seinen Schätzen. Manchmal fischt er auch welche aus dem Bach, viele hat er beim Sperrmüll aufgelesen – als es noch „richtigen Sperrmüll“ gab. Manche Räder hätten auch einfach vor der Haustür gestanden, sagt Faiß mit glänzenden Augen: „richtige Raritäten“ zum Teil. Und: „Gott sei dank gibt es E-Bay.“

Der 56-jährige Weilheimer sammelt und richtet, poliert, zeigt und fährt natürlich auch leidenschaftlich Rad. Schon immer, wie er sagt. 44 „museumstaugliche Maschinen“ hat er mittlerweile zusammengetragen und in seiner denkmalgeschützten Scheune stehen. „Alle funktionsfähig, einschließlich dem Licht“ – was ja nicht überall als selbstverständlich angesehen werde. Klingeln und Wimpel, historische Fotos, gern und offenbar lang getragene Radschuhe, Urkunden und zahlreiche historische Details rund ums Rad ergänzen die Sammlung. Viele Geschichten sowieso. Zum Beispiel die, über Wilhelm Maurer aus Bebenhausen: nach dem Zweiten Weltkrieg einer der Spitzenfahrer des gesamten süddeutschen Raumes. „Es gibt Leute, die behaupten, er sei der beste Radrennfahrer gewesen, den Tübingen je hatte“, erzählt Faiß über den 2010 im Alter von 89 Jahren gestorbenen Sportler. Zwei dessen Rennräder hängen an der Scheunen-Wand. Mit dem knallroten Peugeot sei Maurer zwei Mal württembergischer Meister auf der Straße geworden.

Oder die, von dem Maico-Rad aus dem Jahr 1940. Tipptop steht es im Originalzustand unterm Dach, was kaum zu glauben ist, wo es doch eigentlich schon als Schrott angesehen worden war. Ein Bekannter hatte Faiß angerufen und auf das schwarze in Ammerbuch gebaute Fahrrad im Herrenberger Sperrmüll aufmerksam gemacht. Die Eigentümerin konnte er schließlich überzeugen, dass der Besitz ihres verstorbenen Mannes einen besseren Platz verdient.

Auch über seine Raritäten spricht der Sammler gerne. Über das Hercules Cavallo von 1978 beispielsweise. Das „Reit-Rad“ bewegt der Fahrer über den Sattel, die Pedale sind lediglich dazu da, die Füße zu parken. Bergauf tue man sich schwer damit, bekennt Faiß. Das älteste Stück seiner Sammlung wurde 1910 gebaut und besticht mit Schutzblechen aus Holz. Das Exemplar, das momentan allen anderen im Privatmuseum die Schau stiehlt, ist nur geliehen – weil ein Fernsehteam es für seinen Beitrag für unentbehrlich hielt. Stolz prunkt das Hochrad von 1879 in der Mitte der 80 Quadratmeter – und kann auch noch mit einer zwischen den Speichen des Vorderrades befestigten Lampe punkten. Dennoch: Das Leihfahrrad „muss bald zurück“ zum Kirchentellinsfurter Radfahrverein. Hochräder seien ihm über die Jahre immer wieder angeboten worden, sagt Faiß, aber: Mit sechs- bis siebentausend Euro müsse man schon rechnen. „Da würde meine Familie meutern.“

Dabei bekommt Michael Faiß von dieser Seite reichlich Unterstützung. Etwa wenn er Begleitung zu historischen Ausfahrten braucht, an denen er immer wieder teilnimmt – in zeitgemäßem, sprich nicht unbedingt modernem Outfit. Oder auch zu historischen Rad-Treffen, wie der Velocipediade.

Als sich Michael Faiß 2005 entschloss, die „grob gerichtete Scheune“ zum Museum auszubauen, packte seine Frau mit an. Ebenso die Nachbarschaft. Den Impuls, seine Schätze der Öffentlichkeit zu präsentieren, gab damals die Jubiläumsausstellung des Tübinger RV Pfeil und des Radfahrvereins Derendingen, in dem der Weilheimer Mitglied ist. Im Kornhaus wurde zusammengetragen, was die 100-jährige Geschichte des Radsports dokumentiert – mit Faiß’ Hilfe. Die 26 Exemplare, die der Sammler so originalgetreu wie möglich auf Vordermann gebracht hatte, bildeten 2012 den Grundstock für das Privatmuseum „Scheunenfund“, durch das er gerne Interessierte nach Absprache führt.

Heute kann sich Faiß durchaus leisten, Angebote abzulehnen. Aus Platzgründen, wie er sagt. Denn: „Die letzten 100 Jahre kann ich gut abdecken.“ Die Jahrgänge aus den 1960ern seien besonders stark vertreten. Dennoch schraubt und schrubbt, renoviert und richtet er weiter – die Räder für den halben Flecken sowieso, bekennt er beim Abschied. Fürs Museum nehme er sich „ein Rad pro Winter“ vor. Mehr Zeit bleibt neben der Teilzeit-Arbeit an der Uni nicht.

Stellt sich noch die Frage nach dem Lieblingsstück: „Immer das neueste“, sagt der Fahrrad-Sammler, und meint damit keineswegs das modernste. Mit E-Bikes, bekennt er, könne er sich nicht anfreunden. „Das hat mit Fahrradfahren wenig zu tun.“


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


12.05.2017 - 01:00 Uhr