Eine weitere Thora auf Abwegen

Im Nachlass eines Tübinger Professors fand sich Beutegut

Von Hans-Joachim Lang

Noch ist die Standscheibe einer Thora-Rolle aus dem Nachlass des Tübinger Theologen Otto Michels noch nicht zurückgegeben. Nun gibt eine weitere Thora-Rolle Rätsel auf. Sie stammt aus dem Nachlass des hiesigen Gründers des Ägyptologischen Museums Prof. Hellmut Brunner.

Im Nachlass eines Tübinger Professors fand sich Beutegut

Hellmut Brunner Archivbild: Grohe

Tübingen. Der Tübinger Ägyptologe Hellmut Brunner (1913 – 1997) zählte in der Nachkriegszeit bald zu den bedeutendsten Gelehrten seines Fachs. Als elf Jahre nach seinem Tod seine Frau verstarb, die Ägyptologin Emma Brunner-Traut, gab der Nachlassverwalter des kinderlosen Ehepaars mit dem wissenschaftlichen Erbe auch eine Thora-Rolle an die Universitätsbibliothek. Sie nahm den Nachlass entgegen, war allerdings ratlos, wie sie es mit dem darin enthaltenen Beutegut halten solle. Darum hat sie sich jetzt – wie das Tübinger Stadtmuseum im Fall Michel – an die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste gewandt. Diese zentrale deutsche Einrichtung sucht weltweit nach Eigentümern von wertvollen Kulturgütern, die während des Nationalsozialismus erbeutet und nach Deutschland verschleppt wurden.

Zunächst hatte sich die Unibibliothek an Prof. Stefan Schreiber gewandt, den Direktor des Institutum Judaicum an der Evangelisch-theologischen Fakultät. Er sollte die Thora eingehend auf Spuren untersuchen, die den Eigentümer erkennen lassen, um sie diesem zurückzugeben. Wie Schreiner dem TAGBLATT auf Anfrage mitteilte, konnte er nach eingehender Prüfung keine eindeutigen Merkmale entdecken. Allerdings bemerkte der ausgewiesene Kenner des Judentums, zumal er auch Althebräisch beherrscht, dass der Text auf der zehn Meter langen Pergamentrolle unvollständig ist; er setzt erst beim 3. Buch Mose ein.

Dieser Befund deckt sich mit dem letzten Satz der Erklärung, die Hellmut Brunner mit dem Fragment hinterlassen hatte: „Die Rolle wurde 1942 in Deutschland von einem deutschen Soldaten erworben, der angab, sie aus einem Versteck einer Kleinstadt bei Leningrad mitgebracht zu haben. Er hatte sie mit einem anderen Soldaten geteilt.“

Erst Sozialist, dann Nationalsozialist

Auch Hellmut Brunner war 1942 Soldat. Er hatte 1931 in München begonnen, Ägyptologie zu studieren, war als Student in der Sozialistischen Arbeiterpartei engagiert (eine linke Abspaltung der SPD), wandte sich aber nach der 1933 erfolgten Machtübergabe an die Nationalsozialisten immer stärker den neuen Machthabern zu. 1936, dem Jahr seiner Promotion bei Prof. Alexander Scharff in München, wurde er Mitglied der NSDAP.

Aus seiner Tübinger Personalakte geht hervor, dass Brunner seit Anfang 1940 dem Infanterie-Regiment 468 angehörte und zunächst in Frankreich, danach in Russland und Polen kämpfte. Die genauen Zeiten weist die Akte nicht aus. Da Brunners Regiment zeitweise bei Leningrad stationiert war, könnte er sich in der fraglichen Zeit durchaus auch selbst dort aufgehalten haben.

Gegen Kriegsende geriet der Ägyptologe bei Füssen in amerikanische Gefangenschaft. Noch während seiner Internierung wurde er aus dem Universitätsdienst entlassen. Einer Forschungsarbeit des Münchner Ägyptologen Thomas Beckh zufolge beschwerte sich seinerzeit Emma Brunner-Traut gegen diese Entscheidung, denn ihr Mann sei ein grundsätzlicher und unerschütterlicher NS-Gegner gewesen und obendrein könne er sich wegen seiner Abwesenheit nicht rechtfertigen.

Brunners Doktorvater Scharff indes wies die Einwendung postwendend als unwahr zurück: „Zumal in den Kriegsjahren gebärdete er sich derartig nazistisch, dass ich und alle seine Kommilitonen ihn mieden. Ich könnte dafür als Zeugen meine sämtlichen Schüler, die Brunner kannten, anführen.“ Brunners Münchener Personalakte erhielt den Eintrag: „Er darf nicht wieder in einer amtlichen Eigenschaft beschäftigt werden, noch in irgendeiner Weise in einer Regierungsstellung oder Dienststelle beschäftigt werden.“

Im Kriegsgefangenenlager Hammelburg (Franken) wurde Hellmut Brunner als „Mitläufer“ eingestuft, die weitere Entnazifizierung erfolgte schrittweise in Tübingen. „Die Nachkriegswirren“, liest man in einem hiesigen Nachruf, „verschlugen“ den Ägyptologen 1946 von Bayern nach Blaubeuren, wo er am Evangelisch-Theologischen Seminar (ein öffentliches altsprachliches Gymnasium mit evangelischem Internat) als Hilfslehrer für Hebräisch und Griechisch beschäftigt wurde.

Prof. Otto Michel, damals Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät, holte den Pädagogen 1950 nach Tübingen und vermittelte eine Beschäftigung als Assistent in der Alttestamentlichen Abteilung seiner Fakultät. Michel, der spätere Gründer des Institutum Judaicum, hatte eine Gemeinsamkeit mit Brunner, die im vorigen Jahr publik wurde: Auch er besaß einen Teil einer Thora-Rolle, die unter öffentlich nicht geklärten Umständen in seinen Besitz gelangt war.

1951 entschloss sich die Tübinger Uni, Brunner „die Chance der Bewährung zu bieten“ und übertrug ihm einen Lehrauftrag für Ägyptologie. Dazu bedurfte es der Zustimmung des württembergisch-hohenzollerischen Kultusministeriums. In der entsprechenden Empfehlung des Kleinen Senats versickerte Brunners NS-Vergangenheit, die für den Karriereknick verantwortlich war, vollends in der verschleiernden Formulierung: „Die Katastrophe 1945 brachte ihn, der verwundet in Gefangenschaft lag, um seine Ämter.“

Merkwürdige Sprachregelung

Demnach war nicht die Nazizeit die Katastrophe, sondern die Befreiung. Diese Sprachregelung begleitete Brunner fortan durch alle Beförderungen. 1956 wurde er zum außerplanmäßigen, 1960 zum außerordentlichen und 1964 zum ordentlichen Professor ernannt. Er gründete das hiesige Ägyptologische Museum, initiierte den Sonderforschungsbereich „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“ und hatte hier, als er 1978 hochgeehrt emeritiert wurde, eine der größten ägyptologischen Bibliotheken Deutschlands aufgebaut.

Das Tübinger Stadtmuseum ließ im vorigen Sommer Otto Michels Thora-Scheibe, die dort seit 16 Jahren aufbewahrt wird, bei der Magdeburger Koordinierungsstelle zur internationalen Suche ausschreiben. Daran hat sich die Universitätsbibliothek ein Vorbild genommen. Allerdings weiß man von Michels Thora-Scheibe wenigstens, dass sie für die Synagoge im polnischen Zgierz gestiftet gewesen war, ehe sie auf krummen Touren nach Tübingen kam. Sie wird wohl demnächst an die Enkel des Stifters übergeben, die das TAGBLATT in Israel und den USA ausfindig machen konnte. Ganz so einfach wird es nicht werden, das Diebesgut aus Brunners Besitz in die richtigen Hände zu geben.


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04.04.2011 - 12:00 Uhr