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Bei Verdun gefallen und begraben, sollte der Leichnam Anton Schäfles mit einem Leiterwagen heimgeholt werden

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“

Der 18-jährige Musketier Anton Schäfle hat seinen Eltern seit seiner Ausbildung zum Soldaten im November 1916 bis zu seinem Fronteinsatz im Juni 1917 Briefe und Feldpostkarten geschickt. Die Wannweilerin Claudia Treutlein hat die Texte entziffert, fehlende Informationen recherchiert, alles dem TAGBLATT für die Veröffentlichung überlassen. Briefe und Karten sind ein Zeugnis des Hungers, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg an der Front erleiden mussten. Nicht nur deshalb konnte sich Anton Schäfle für den Ersten Weltkrieg nicht begeistern; der Hof daheim war ihm viel wichtiger.

05.09.2014
  • Manfred Hantke

Anton Schäfle war ein Bauernsohn aus Balgheim bei Spaichingen; am 10. September 1898 geboren, gerade mal 18 Jahre alt, als er eingezogen wurde. Das war im November 1916. Stuttgart-Feuerbach war seine erste Station. Aus der einstigen Pianofabrik Lipp & Sohn wurde zwischen 1916 und 1918 eine Kaserne für zwei Militärkompagnien. Vierhundert Leute seien dort einquartiert, berichtet der „Landsturmmann“ den Eltern. Dort wurde er ausgebildet, fit gemacht für den Ersten Weltkrieg. Märsche standen auf dem Programm, Exerzieren und Schießübungen.

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“
Die gesammelten Feldpostbriefe des jungen Soldaten Anton Schäfle. Bild: Privat

„Ich bin heute Abend ganz müde vom Exerzieren“, schrieb er am 28. November 1916, „ich habe mich wund gelaufen und habe große Schmerzen.“ „Alle Tage“ musste er „streng ausrücken“, samstags bis mittags, dann ging’s ans Putzen.

Die Strapazen waren nichts für den schmächtigen jungen Mann, den die Uniform wie ein Fremdkörper umschloss. Schüchtern, ein wenig ängstlich blickt er in die Kamera. In seinen Briefen fehlt jeglicher Hurra-Patriotismus, von deutsch-nationalem Dünkel oder gar Größenwahn keine Spur. Franzosen, Engländer oder Russen werden in keinem seiner Briefe erwähnt.

Anton Schäfle war ein bodenständiger junger Mann, eigentlich noch ein Heranwachsender, den die „große Politik“ wenig bis gar nicht interessierte. So erwähnt er nahezu beiläufig, dass er in Stuttgart Mitte Dezember 1916 „den Kaiser und den König einmal gesehen“ hat. Viel wichtiger waren ihm Haus, Hof und Dorf. „Was macht der neue Schultheiß?“, wollte er etwa wissen, „habt Ihr schon gesät?“, „ist die Dreschmaschine noch nicht bei Euch?“, „was macht die Geiß?“, „wie steht es mit dem Füttern? Wer steht morgens zuerst auf?“ Dass seine Eltern die Ochsen „zu billig“ verkauft haben, monierte er. Schreibt er von der Truppe, dann nur, um mitzuteilen, dass in seiner Korporalschaft junge Männer aus der näheren Umgebung seines Heimatdorfes dazugekommen sind.

Der 18-Jährige freute sich aufs Schlittenfahren

Die militärische Ausbildung und der Drill waren seine Sache nicht. Nach einem knappen Monat seiner Rekrutenausbildung in Feuerbach schickte Schäfle einen Stoßseufzer nach Balgheim: „Wenn ich nur wieder zivil wäre, ich wollte ja gerne am Sonntag das Vieh putzen!“ Dennoch: Der junge Mann bekam „rechte Gewehre“ in die Hand, übte zunächst mit Platzpatronen, Mitte Dezember 1916 dann mit scharfer Munition. Denn, so sagte sein Feldwebel, „an Weihnachten sollen wir nur gleich ins Feld“. Mit so einem richtigen Gewehr „schießt es sich ganz anders“, schrieb er, „denn das schlägt einen ganz zurück und krachen tut es fürchterlich.“

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“
Auf dem Leichenpass ist Anton Schäfle 19 Jahre alt, er starb aber mit 18 Jahren.

Das „Feld“ musste aber noch etwas warten. Weihnachten 1916 durfte der Landsturmmann erst einmal nach Hause. Wie ein Kind freute er sich aufs Schlittenfahren, bat die Eltern, den Schlitten bereitzustellen. Im Januar 1917 wurde die Kompagnie nach Münsingen verlegt, Anton Schäfle war jetzt ein „Musketier“. Das hört sich zwar gut an, aber mit den vier Helden aus dem Roman von Alexandre Dumas hatte die Bezeichnung nichts zu tun. Es war der niedrigste Dienstgrad in der Infanterie. Schäfle hatte ein einfaches Gewehr mit Bajonettaufsatz.

Von Stuttgart ging’s bis Bad Urach mit dem Zug, von dort war mit voll gepackten Tornistern ein 14-stündiger Fußmarsch nach Münsingen angesetzt, der ihn „ein wenig geschlaucht hat“. In Münsingen wurde nicht nur die Kälte größer, auch der Hunger. Schon in Feuerbach erhielt Schäfle stets Pakete von seinen Eltern, gefüllt mit Käse, Marmelade („G‘sälz“), Wurst, Butter und seiner geliebten Dampfnudel. Auf der Alb aber wurden die Bitten nach Lebensmittel drängender: „Schickt mir auch etwas zu essen. Speck und Butter und Käse. Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“, schrieb er am 19. Januar 1917. Auch die Dampfnudel und Zucker sollten ins Päckchen.

Nur zwei Tage später eine Mahnung: „Habt Ihr mein Paket schon abgeschickt? Denn ich habe arg viel Hunger. Geht mit dem Essen sehr eng her.“ Anton Schäfle war nicht der einzige, der Hunger litt, „es geht jedem so“, notierte er. Am 23. Januar endlich kam das Päckchen an, das Brot muss er gleich verschlungen haben, allein „es war zu wenig“.

Auch rohe Eier kamen an der Front heil an

Fast jede Woche erhielt Anton Schäfle sein Paket mit Lebensmitteln aus der Heimat. Das Kaiserreich stand zwar bereits seit zweieinhalb Jahren im „großen Krieg“, konnte seine Soldaten aber wohl nicht ernähren. Schäfle ließ sich auch Handschuhe und Wickelgamaschen („sie geben sehr warm“) schicken, um sich gegen die Kälte zu schützen, denn „ich habe die Füße schon fast verfroren“. Er habe „bloß ein Hemd und ein paar Socken“. Auch das Bild in Uniform musste er zahlen. Anfang Februar 1917 ließ er sich „feldmarschmäßig“ fotografieren, das Foto kostete 1,30 Mark, ein Dutzend Postkarten 3 Mark.

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“
Anton Schäfle in Uniform. Das Bild entstand Anfang Februar 1917.

Bis Anfang März 1917 war „Musketier Schäfle“ in Münsingen. Zu den „Sturmtruppen“ hätte er sich melden können oder zu den „Minenwerfern“. Aber er habe nicht gewusst, was er sein solle, schrieb er. Kameraden rieten ihm ab, er wolle abwarten, bis etwas anderes kommt, „vielleicht gibt’s auch noch einen Posten für mich“.

Ein paar Nahrungsmittelpakete später war Schäfle in Mörchingen (Lothringen) an der Front. Dort verrichtete er nachts Schanzarbeiten, „mittags haben wir frei“. Seinen Eltern schickte er am 19. März eine Postkarte mit dem dortigen Kriegerfriedhof und der Aufschrift „Massengräber bei Mörchingen. 700 Tote, darunter 300 tapfere Bayern“. Da sei er auch schon gewesen, schrieb er, „da bin ich im Quartier“.

Die Lieferung der Lebensmittelpakete ging weiter. Diesmal aber nummerierten die Eltern sie durch, damit ihr Sohn sicher gehen konnte, wirklich alle erhalten erhalten zu haben. „Patenthosenknöpfe“ ließ sich Schäfle schicken, Speck und G’sälz, einmal sogar rohe Eier, „aber gut verpacken“, bat er die Eltern. Sie kamen wirklich „alle noch ganz“ an, schrieb er am 9. April 1917.

Ein paar Tage zuvor dachte er an Heimaturlaub. Schäfle hoffte, schon am 19. April fahren zu können: „Ihr müsst nicht alles ansäen, ich will auch noch was tun“, mahnte er seine Eltern. Daraus wurde nichts. Auch den Termin Anfang Mai musste er verlegen, „wir sind jetzt wieder woanders hingekommen und dürfen einstweilen nicht in Urlaub“. Wo er stationiert war, durfte er nicht schreiben, „Ihr werdet wohl bald fertig sein mit ansäen. Ich hätte Euch gerne geholfen.“ Die Verpflegung hatte sich an der Front nicht gebessert, inzwischen hatten die Eltern von Mitte März bis zum 20. April 23 Lebensmittelpakete geschickt. „Ich habe sonst immer Hunger, ich wollte nur wieder einmal an den Brotlaib gehen bei Euch“.

Im Juli 1917 konnte Schäfle endlich seinen ersehnten Heimaturlaub antreten. Zurück an der Front, wurde er am 26. August bei Verdun schwer verwundet. Fünf Tage später starb er, nur wenige Tage vor seinem 19. Geburtstag.

Anton Schäfle wurde zunächst in Frankreich bestattet. Die Eltern wollten ihren Sohn aber in heimischer Erde begraben. So machte sich der „Schützenwirt Karl“ mit Pferden und einem Leiterwagen auf den Weg nach Frankreich, wollte ihn zurückbringen. Laut den Erzählungen soll der Schützenwirt den Leichnam ausgegraben haben. Zurükgebracht hat Anton Schäfle aber die Bahn, wie der Leichenpass beweist. Von Montmedy, 100 Kilometer nordwestlich von Metz, bis Balgheim trat Anton Schäfle am 24. November 1917 seine letzte Reise an – ein Jahr nachdem er in Feuerbach seine Ausbildung begonnen hatte.

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05.09.2014, 12:00 Uhr
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